Ein Mann schreit, als ihn die Sanitäter auf eine Bahre heben. Seine Arme zucken, die Helfer sprechen ruhig auf ihn ein. Dann verschwindet die Gruppe im Inneren eines weißen Versorgungszelts. Hinter dem Eingang wartet bereits ein Notarzt.
Ein paar Meter weiter steht eine Frau vor zwei Einsatzkräften in Schutzanzügen. Sie legt ihre Kleidung ab, Stück für Stück, so wie es ihr erklärt wird. Die Sachen kommen in bereitstehende Säcke. Wenig später verschwindet sie in einem Container. Innen befindet sich eine Dekontaminationsanlage. Duschen, reinigen, spülen. Erst danach darf sie weiter ins Versorgungszelt, wo auch sie medizinisch untersucht wird.
An diesem Tag ist nichts davon echt. Und doch soll alles möglichst real wirken. Rund um das Rheinenergie-Stadion in Köln üben mehr als 1200 Menschen einen Katastrophenfall, den sich niemand wünscht. Das fiktive Szenario beginnt mit einem Unfall in einer Pestizidfabrik. Gefährliche Stoffe treten aus, eine kontaminierte Wolke zieht über die Region, das Stadion muss evakuiert werden. Hunderte Menschen gelten als betroffen. Sie müssen registriert, untersucht, dekontaminiert und versorgt werden.
Im Mittelpunkt der Übung steht die Deutsche Dekontaminations-Einheit für die Europäische Union namens „rescEU-CBRN Decon Germany“. Der Name klingt wie ein Behördenkürzel, doch die Aufgabe ist denkbar konkret: Menschen und Infrastruktur von gefährlichen Stoffen befreien. Hinter den Buchstaben verbergen sich chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahrenlagen – Szenarien, die selten eintreten, deren Folgen aber gravierend sein können.
Die Einheit wird gemeinsam von Technischem Hilfswerk (THW), Bundespolizei und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe aufgebaut und durch die Europäische Union finanziert. Deutschland gehört neben Spanien und Kroatien zu den Ländern, die solche Spezialkapazitäten für den europäischen Katastrophenschutz bereitstellen.
„Heute wird zum ersten Mal praktisch geübt, was wir in der Theorie in den vergangenen Jahren geplant haben“, sagt Übungsleiter Nils Jakubeit vom THW. Hinter dem Projekt stünden umfangreiche Planungen, Beschaffungen und Ausbildungsmaßnahmen. Nun gehe es darum, das Zusammenspiel aller Komponenten unter möglichst realistischen Bedingungen zu testen. Die Übung spielt offiziell nicht in Köln, sondern im fiktiven Staat „Rheinlandia“. Das erlaubt den Organisatoren, internationale Hilfseinsätze nachzustellen. Denn genau dafür wird die Einheit aufgebaut: Sie soll künftig überall in Europa innerhalb von zwölf Stunden einsatzfähig sein, wenn ein schweres Schadensereignis die Möglichkeiten eines einzelnen Landes überfordert.
Was nach Planspiel klingt, bedeutet in der Praxis vor allem Logistik. Fahrzeuge müssen koordiniert, Wasser bereitgestellt, Einsatzkräfte versorgt werden. Allein die fertige deutsche Einheit soll einmal aus mehr als 60 Fahrzeugen und rund 300 Einsatzkräften bestehen. Hintereinander aufgereiht ergäbe das einen Konvoi von rund acht Kilometern Länge.
Auf dem Stadiongelände wird davon bereits ein Eindruck sichtbar. Lastwagen stehen Stoßstange an Stoßstange. In der Nähe ist ein Feldlager, in dem Helferinnen und Helfer mehrere Tage unabhängig von bestehender Infrastruktur arbeiten könnten. Feldbetten und Sanitäranlagen stehen bereit, Verpflegung wird organisiert. „Neben den technischen Fähigkeiten wird das gemeinsame Arbeiten und Leben im Einsatz trainiert“, sagt Jakubeit.
Natürlich läuft nicht alles perfekt. Das soll es auch gar nicht. Großübungen wie diese dienen dazu, Fehler sichtbar zu machen, bevor sie im Ernstfall Folgen haben. Es geht auch darum, mögliche Schwachstellen zu erkennen und Abläufe weiter zu verbessern. „Die Zusammenarbeit läuft gut“, sagt Jakubeit noch während der Übung. Gemeint sind nicht nur die Kräfte auf dem Gelände, sondern auch die Abstimmung der vielen Behörden und Organisationen im Hintergrund.
Währenddessen schiebt ein Team die nächste Bahre in Richtung Behandlungszelt. Für die rund 500 Statistinnen und Statisten endet die Übung am Nachmittag. Für die Verantwortlichen ist sie ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer europäischen Katastrophenschutzreserve. Noch in diesem Jahr soll die Einheit ihre volle Einsatzbereitschaft gegenüber der Europäischen Union melden.