Wim Wenders steht auf einer Bühne und hält die Trophäe des Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises in der Hand.

AUDIO: Nacktszene mit Nastassja Kinski: Wenders-Rede löst Debatte aus (3 Min)

Stand: 03.06.2026 16:59 Uhr

Nach dem Streit um eine Nacktszene mit der damals 13-jährigen Nastassja Kinski soll der Film „Falsche Bewegung“ aus dem Jahr 1975 von Regisseur Wim Wenders vorerst nicht mehr gezeigt werden.

Der Film werde aus allen aktuellen Auswertungsformen zurückgezogen, teilte die Wim Wenders Stiftung am Mittwoch mit. „Streaming-, TV- und Vertriebspartner werden angewiesen, den Film nicht mehr öffentlich zugängig zu machen.“ In dieser wichtigen Debatte sei ein breiter Austausch wichtig. „Erst danach, auch wenn es länger dauern sollte, und nachdem wir eine einvernehmliche Lösung, auch in Absprache mit Nastassja Kinski, haben vorlegen können, werden wir den Film wieder freigeben.“

Wenders bittet Kinski um Entschuldigung

In der Mitteilung bat Wenders zudem um Entschuldigung. „Als einziger der damals für ‚Falsche Bewegung‘ handelnden Verantwortlichen, der noch da ist, sehe ich, dass Nastassja Kinski damals hätte besser beschützt werden müssen. Dafür bitte ich Dich um Entschuldigung, Nastassja, ohne Wenn und Aber.“

Es sei nötig, dass unsere Gesellschaft angemessene Umgangsweisen für strittige Filmwerke des 20. Jahrhunderts finde und sich neuen Lernprozessen und Perspektiven stelle, so Wenders: „Die vielen Reaktionen, Hinweise und Gespräche der vergangenen Tage haben wesentlich dazu beigetragen, meinen Blick auf die damaligen Ereignisse weiter zu schärfen. Dafür bin ich dankbar.“

Wenders: „Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?“

Nastassja Kinski bittet Wenders laut eigenen Angaben seit Jahren, die rund zweiminütige Szene zu entfernen. Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte sie kürzlich: „Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war.“

Wim: Höre auf zu reden – und handle! Schneide endlich diese verdammten zwei Minuten raus aus deinem Film!

Alice Schwarzer in der Zeitschrift „Emma“

Wenders hatte auf der Bühne des Deutschen Filmpreises, wo er am Freitagabend den Ehrenpreis entgegengenommen hatte, über den Vorwurf aus der Vergangenheit gesprochen: „Das würde ich heute nie mehr so machen. Ich weiß heute mehr, viel mehr. Es gibt andere Sensibilitäten. Wir leben in einer völlig anderen Welt als vor 50 Jahren. Dem jungen Mann von damals kann ich keinen Vorwurf machen, auch wenn ich weiß: Das würde ich nie mehr so tun.“

Wim Wenders lächelt über seine Brille hinweg

Wim Wenders hat mit seinen Werken Filmgeschichte geschrieben – obwohl er eigentlich Maler werden wollte. Im Mai wird er für sein Lebenswerk geehrt.

Kinski-Anwalt droht mit Klage

Kinskis Anwalt Christian Schertz hatte Wenders’ Rede als Versuch kritisiert, sich der persönlichen Verantwortung zu entziehen. Da Wenders ein persönliches Gespräch mit Kinski zu der Szene laut Schertz „bereits seit Jahren verweigert“, hatte der Anwalt – vor der jetzigen Mitteilung von Wenders – den Übergang zu formalen juristischen Schritten angekündigt.

Wenders hatte die Bühne in Berlin für eine grundsätzliche Frage genutzt: „Wie geht man mit Filmerbe um? Darf man, kann man, soll man vielleicht eine Szene schneiden, wenn es in diesem Fall einer meiner Schauspielerinnen, die ich sehr verehrt habe und verehre, wehtut? Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?“ Er sei mit der Frage ziemlich allein – und ratlos.

Ein Mann sitzt mit aufgesetzten Kopfhörern vor einem Laptop, der die Website von Google zeigt

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Filmwissenschaftlerin: Von Wenders „richtig raffiniert eingefädelt“

Doch genau diese Argumentation stößt auf Widerspruch. Die Filmwissenschaftlerin Annette Brauerhoch kritisiert im „Deutschlandfunk Kultur,“ Wenders habe die Verantwortung von sich weggeschoben. „Das ist richtig raffiniert eingefädelt“, meint Brauerhoch. „Denn die Verantwortung, die eigentlich bei ihm liegt, hat er mit diesem Appell an das Publikum und die Akademie auf Tausende verteilt.“

Auch in den Medien fällt die Reaktion deutlich aus. Die „FAZ“ schreibt:

Hier geht es nicht um die Kunst- und Meinungsfreiheit und nicht ums Filmerbe (…). Hier geht es um die Tatsache, dass ein dreizehn Jahre altes Kind sexualisiert und nackt vor die Kamera gezogen wird. Das war 1974 falsch, und das wäre heute falsch.

Michael Hanfeld in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“

„Süddeutsche Zeitung“: „Wegducken eines sich nachdenklich gebenden Regisseurs“

Die „SZ“ kritisiert, Wenders inszeniere sich als Opfer eines vermeintlichen Zeitgeist-Zwangs.

Es war dies nicht weniger als das Wegducken eines sich nachdenklich gebenden Regisseurs vor seiner realen Verantwortung in den imaginierten Opfergestus gegenüber irgendeiner kulturbedrohenden Verbotsmaschine.

Claudia Tieschky in der „Süddeutschen Zeitung“ 

Auch zahlreiche Filmschaffende meldeten sich zu Wort. Schauspielerin Rosalie Thomass nannte Wenders‘ Rede „zum Schämen“. Karoline Herfurth schriebt, sie habe sich gewünscht, Wenders hätte öffentlich eingestanden, ein 13-jähriges Kind nicht ausreichend geschützt zu haben. Schauspieler Clemens Schick kritisierte, Wenders habe die Debatte auf eine abstrakte Ebene von Zensur und Filmerbe gehoben.

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Schauspielerin Lavinia Wilson wünscht sich ausführliche Debatte

Schauspielerin Lavinia Wilson dagegen begrüßte, dass Wenders das Thema überhaupt öffentlich angesprochen hatte. Sie wünschte sich eine ausführliche Debatte über den Umgang mit der Szene und Kinskis Wunsch.

Mit Informationen von Florian Schmidt

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