Das Vorlesen und Diskutieren von Bilderbüchern spielt im pädagogischen Konzept für Kitas eine zentrale Rolle.

Das Vorlesen und Diskutieren von Bilderbüchern spielt im pädagogischen Konzept für Kitas eine zentrale Rolle.

Foto: dpa/dpa/Bernd Thissen

Schwätzen, plappern, palavern: »Dialogische Interaktionen im Alltag« stehen im Zentrum des pädagogischen Konzepts für Kindertagesstätten, das Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) im Rahmen eines Kongresses am Mittwoch offiziell vorstellte. Gemeint ist damit, dass Erzieher Kinder in alltäglichen Situationen zum Sprechen ermuntern sollen. So soll die Sprachfähigkeit der Kinder gestärkt werden, die als Voraussetzung für den Kompetenzerwerb in anderen Bereichen betrachtet wird.

Die Bewegung von formalen Sprachübungen hin zu alltagsintegrierter Sprachförderung wird in dem Bildungsprogramm als »Orientierung am Kind und seiner Lebenswelt« bezeichnet. Erzieher sollen demnach auf Interessen und kulturelle Hintergründe der Kinder eingehen – im Bildungsprogramm wird das am Beispiel eines Gruppengesprächs über das Lieblingsessen erläutert. Kindliche Äußerungen sollen aufgegriffen und vertieft werden, um so das Vokabular zu erweitern.

»Die gezielte Anbahnung der Bildungssprache Deutsch im Kita‐Alltag ist eine zentrale Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte«, heißt es in dem Konzept. Korrekturen von Fehlern sollen dabei subtil erfolgen. Rufe ein Kind etwa »Hund laut«, solle der Erzieher es nicht ermahnen, sondern die Aussage erweitern. »Stimmt, der Hund hat laut gebellt«, wird als beispielhafte Antwort genannt.

Auch andere Sprachen als Deutsch finden im Konzept Berücksichtigung. Verschiedene Herkunftssprachen sollten »wertgeschätzt« werden, heißt es in dem Konzept. Mehrsprachigkeit solle als Realität anerkannt werden. Beispielhaft wird vorgeschlagen, dass Kinder ermutigt werden sollen, Lieder in der Sprache zu singen, die in ihrer Familie vornehmlich gesprochen wird.

Der Fokus auf Alltagssituationen setzt sich auch in anderen Bereichen fort. Um mathematische Kompetenzen zu stärken, sollen die Kinder etwa beim Tischdecken Zählen üben. Im Idealfall, so die Vorgabe, sollten mehrere Kompetenzbereiche gleichzeitig trainiert werden. Etwa, indem beim Tischdecken auch über eine faire Aufteilung des Essens gesprochen werde, um soziale Kompetenzen zu stärken.

Eine verpflichtende Sprachstanderhebung soll künftig erstmals im Alter von zweieinhalb Jahren erfolgen.

Bildungssenatorin Günther-Wünsch nennt das Bildungsprogramm laut einer Pressemitteilung »modern und praxisnah«. Hinter dem Fokus auf Spracherwerb dürfte aber auch ein praktischer Beweggrund liegen: Im laufenden Jahr findet erstmals das »Kita-Chancenjahr« Anwendung. Dahinter verbirgt sich eine Kita-Pflicht für Kinder, die nur schlecht Deutsch sprechen. Künftig können Geldbußen gegen Eltern verhängt werden, die ihr Kind trotz Sprachdefiziten nicht in eine Kita senden. Etwa 2000 Kinder sollen so jährlich zusätzlich in die Kitas strömen. Zugleich ist absehbar, dass wegen eines Geburtenrückgangs insgesamt weniger Kinder eine Kita besuchen werden. Der Anteil von Kindern nicht-deutscher Herkunftssprache wird also perspektivisch steigen.

Das neue pädagogische Konzept ist eng mit einer Kompetenzerhebung verbunden, die für alle Kitas verpflichtend ist. Im Rahmen des sogenannten »Beokiz«-Verfahrens (»Beo« steht für »Beobachtung« und »kiz« für »kindzentriert«) sollen erstmals im Alter von zweieinhalb Jahren neben dem Sprachstand auch Fähigkeiten in den Bereichen Bewegung, Soziales, Mathematik, Umwelt, Technik, Kunst und Medienbildung standardisiert erfasst werden. So soll Förderbedarf früher und gezielter erkannt werden.

Sprachstandserhebungen gibt es in Form des sogenannten Sprachlerntagebuchs zwar aktuell bereits, das neue Verfahren ist jedoch systematischer. Über jedes Kind soll demnach ein »Portfolio« erstellt werden, das Lernerfolge anhand von »Meilensteinen« dokumentiert. Als Beispiel für einen solchen Meilenstein im motorischen Bereich wird das Schließen eines Reißverschlusses genannt.

Dem Bildungsprogramm ging ein kontroverser Diskussionsprozess voran. Ein erster Entwurf hatte im Sommer vergangenen Jahres für breite Kritik von Trägern und Fachverbänden gesorgt. Sexualpädagogik werde in dem Konzept komplett ausgespart, so der Vorwurf. Anderssprachigkeit werde den Kindern als Defizit ausgelegt, hieß es in einer Stellungnahme des Paritätischen Wohlfahrtsverbands.

Im nun veröffentlichten Bildungsprogramm wird inklusive Bildung dagegen als ein »durchgängiges Prinzip« bezeichnet. Neben dem Abbau von Barrieren für behinderte Kinder umfasse das auch die Anerkennung der Vielfalt von Sprachen, Kulturen, Geschlechtern, sozialen Lagen und Fähigkeiten. Die Erzieher sollen demnach Sensibilität für Diversität entwickeln.

Kritik auch an der finalen Fassung gibt es trotzdem. Das neue Bildungsprogramm sei »kein Grund zum Feiern«, schreibt das Bündnis »VielfaltVerankern«, dem unter anderem die Gewerkschaften Verdi und GEW sowie verschiedene Träger angehören, in einer Pressemitteilung. Vielfalt verbleibe in dem Konzept ein Schlagwort, kritisiert das Bündnis. Deutsch zu sprechen, sei nicht das Einzige, was Kinder für ein gutes Aufwachsen bräuchten.

»Besonders kritisch bewertet das Bündnis die zunehmende Standardisierung frühkindlicher Bildung, insbesondere im Bereich der Sprachstandserhebungen«, heißt es weiter. Statt Messbarkeit sollten individuelle Entwicklungsverläufe im Fokus stehen. Das Programm müsste durch praxisnahe Unterstützung ergänzt werden. »Ohne diese Voraussetzungen droht, dass die bereits bestehende Lücke zwischen Anspruch und Realität in den Einrichtungen sich weiter vergrößert«, schreibt das Bündnis.

Marianne Burkert-Eulitz, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, kritisiert gegenüber »nd« den »intransparenten und chaotischen« Entstehungsprozess des Bildungsprogramms. »Dass langjährige Expert*innen und Aktuere der frühkindlichen Bildung ausgeschlossen wurden, hat unnötig Unruhe in die Berliner Kita-Landschaft gebracht«, sagt sie. »Zu begrüßen ist, dass nach entsprechend deutlichen Rückmeldungen aus der Fachwelt dei Themen Inklusion und Vielfalt nun stärker im Bildungsprogramm verankert sind.«