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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt eine Sportart, die in Deutschland zur Nationaldisziplin geworden ist. Keine Mannschaft braucht dafür ein Trainingslager oder Fördergeld. Die Ausrüstung ist minimal, ein Bildschirm und ein dicker Hals genügen schon. Die Sportart heißt Klagen – und viele Zeitgenossen laufen darin zu Höchstleistungen auf.

Zum Beispiel morgens, wenn der Blick auf die neuesten Nachrichten altbekannte Reflexe auslöst: Konflikt in der Regierung über dies und das – diese Versager! Klick. Irgendwo bröckelt die Infrastruktur – na klar, das Land schafft sich ab! Klick. Miese Wirtschaftszahlen, die Bahn kommt zu spät, der Standort ist bedroht – völlig klar, hier gehen bald die Lichter aus! Der Blutdruck steigt, die Hemmschwelle sinkt, und mit einer ordentlichen Portion Frust im Bauch starten viele Menschen in den Tag.

Aber wer sind eigentlich die anderen Leute, denen wir täglich begegnen? Nicht auf dem Bildschirm, sondern in der echten Welt, in der Bahn, im Büro, auf der Straße?

Nehmen wir die Frühaufsteherin. Sie leitet vielleicht einen mittelständischen Betrieb, dreißig Mitarbeiter, Spezialmaschinenbau. Jeden Morgen sitzt sie um halb sieben am Schreibtisch und löst Probleme, von denen die meisten Menschen noch nicht einmal wissen, dass es sie gibt: Lieferketten sichern, Fachkräfte anwerben, Prozesse digitalisieren, einfach weil es sein muss. Sie klagt nicht. Sie arbeitet.

Oder der Sozialarbeiter, der seit zwölf Jahren dieselbe Straße betreut – dieselben Familien, dieselben Krisen, immer wieder. Er kennt die Kinder mit Namen, er kennt die Geschichten, er kennt den Unterschied zwischen einem Rückfall und einer Wende. Das Amt zahlt sein Gehalt. Seine Geduld zahlt er selbst.

Oder die Jungunternehmerin, die eine Plattform für regionale Handwerker aufgebaut hat – nicht, weil ein Investor es wollte, sondern weil sie sah, dass Handwerker keine Ahnung von Instagram haben und Instagram keine Ahnung von Handwerk. Sie verbindet beides. Kleine Lösung, großer Effekt: Plötzlich finden Kunden und Anbieter schneller zusammen.

Diese Menschen sind nicht laut. Sie geben keine Interviews, in denen sie erklären, wie schlimm alles ist. Sie haben dafür keine Zeit, weil sie beschäftigt sind, Dinge besser zu machen. Das Paradoxe an Deutschland ist nicht der Mangel an Tatkraft. Es ist der systematische Mangel an Aufmerksamkeit für die Tatkräftigen.

Bild des Newsletters tagesanbruch

Tagesanbruch – Der Newsletter für den Wissensvorsprung

Unser kollektives Gehirn hat sich an eine merkwürdige Diät gewöhnt: Es nimmt täglich große Mengen Problemnahrung zu sich. Schlechte Nachrichten, zugespitzte Analysen, politische Nickligkeiten. Das Gehirn liebt das. Es ist evolutionär gebaut für die Bedrohungserkennung. Eine Katastrophe zieht mehr Blicke auf sich als zehn gelungene Projekte. Das war nützlich, als man Säbelzahntiger erspähen musste. Für das Verständnis einer komplexen Gesellschaft ist es schädlich. Und nein, das liegt nicht allein daran, dass viele Journalisten lieber nach dem Haar in der Suppe als nach dem Erfolgsrezept suchen. Die deutsche Anfälligkeit für Pessimismus und fürs Klagen ist eine Volkskrankheit.

Wir kennen die Namen der Minister, die Fehler gemacht haben. Wir schalten ein, wenn es in den Talkshows kracht. Wir beantworten die heikle Wirtschaftslage mit einem Alarmismus, der das Problem vergrößert, statt es greifbar zu machen. Dem neuen ARD-Deutschlandtrend zufolge bewerten 85 Prozent der Bundesbürger die ökonomische Situation als weniger gut oder schlecht. Der höchste Wert seit der Eurokrise, und die war wirklich existenziell.

Es ginge auch anders. Man könnte neben Problemen auch die Lichtblicke wahrnehmen. Aber wer kennt schon die Leiterin der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, die in drei Jahren hundert Sozialwohnungen durch clevere Kooperationsmodelle realisiert hat? Wer kennt den Lehrer, der eine Schulküche gegründet hat, in der Kinder aus zehn verschiedenen Herkunftsländern gemeinsam kochen und dabei beiläufig Deutsch lernen? Diese Menschen sind keine Ausnahme. Sie leben überall im Land. Die Frage ist nicht, ob Deutschland funktioniert. Die Frage ist, wohin wir schauen, wenn wir das entscheiden wollen.

Es gibt einen schönen Begriff aus der Fotografie: das Motiv bestimmt das Bild. Wer nur draufhält, was kaputt ist, macht ein Bild von einer kaputten Welt. Wer schwenkt – vorsichtig, neugierig, bereit zur Überraschung – entdeckt eine andere Wirklichkeit, die genauso real ist, nur seltener veröffentlicht wird.

Das mag nach Schönreden klingen, es ist jedoch das Gegenteil. Wer die Leistungsträger dieser Gesellschaft nicht wahrnimmt, versteht sie auch nicht – und kann sie weder würdigen noch von ihnen lernen noch ihre Bedingungen verbessern. Der Pessimismus, der sich als Realismus verkleidet, ist am Ende selbst eine Form der Bequemlichkeit. Es ist viel einfacher, zu sagen „Alles läuft schief“, als zu fragen „Wer macht es gerade richtig – und warum?“

Schauen wir also öfter dorthin, wo etwas funktioniert. Wo Menschen mit Elan und Ideen Dinge voranbringen und anderen ein Vorbild geben. Menschen, die Mut machen, wenn zu viele andere meckern. Genau das ist das Anliegen des neuen t-online-Podcasts „Vorangedacht“, den ich gemeinsam mit Michaela Fischer, Christin Brauer, Viola Koegst, Nadine Schmidt, Ina Fuhrmann, Julia Steinigeweg, Nicolas Lindken und Arno Wölk produziere. Die erste Folge mit Bundespräsident Steinmeier hat bundesweit Aufmerksamkeit erregt, heute Morgen veröffentlichen wir die zweite Folge.

Mein Gast ist diesmal Friederike von Bünau, die Generalsekretärin des Bundesverbands Deutscher Stiftungen. Sie vertritt 27.000 Stiftungen, die jedes Jahr mehr als sieben Milliarden Euro ausschütten – Platz eins in Europa. Sie kann erklären, was mit all dem Geld geschieht, warum viele ehrenamtlich Engagierte unter staatlichem Druck leiden und was es braucht, damit mehr Menschen Verständnis füreinander entwickeln. Damit der gesellschaftliche Zusammenhalt wieder erstarkt. Ich freue mich, wenn Sie sich unser Gespräch anhören, den neuen Podcast abonnieren und womöglich sogar weiterempfehlen.

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Und weil ich weiß, dass Tagesanbruch-Leserinnen und Leser interessierte Menschen sind, habe ich noch einen weiteren Mutmacher für Sie. Vergangene Woche bin ich mit meinem Kollegen Mauritius Kloft in Wuppertal gewesen. Genauer gesagt: Im Entwicklungslabor des Bayer-Konzerns. Was wir dort gesehen haben, hat uns beeindruckt: Hochmotivierte Wissenschaftler arbeiten an Stammzelltherapien und zeigten uns, wie sie ein Medikament gegen Parkinson entwickeln. Schon in wenigen Jahren könnte es auf den Markt kommen, was ein Segen für Millionen Erkrankte und deren Angehörige wäre. Dank deutschem Erfindergeist, Hochleistung und Teamwork entstehen Produkte, die die Welt verbessern.

Natürlich gibt es dabei gewaltige Herausforderungen: Der Handelskonflikt mit der US-Regierung unter Donald Trump, die gestörten Lieferketten durch den Konflikt im Persischen Golf, der Streit um Arzneipreise und ja, natürlich auch die deutsche Bürokratie. Es sind so komplexe Probleme, dass man als Firmenchef verzagen könnte. Nichts liegt Bill Anderson ferner. Der Texaner ist seit 2023 Vorstandsvorsitzender der Bayer AG und hat den kriselnden Konzern binnen drei Jahren umgekrempelt: 12.000 Managementposten hat er gestrichen. Manche Angestellte haben das Unternehmen verlassen, andere arbeiten nun wieder selbst an den Produkten. Die Mitarbeiter sollen selbst entscheiden und Projekte in 90-tägigen Sprints vorantreiben, statt jede Entscheidung nach oben weiterzureichen.