Eins der schönsten und lustigsten Bücher der deutschen Literaturgeschichte ist Heines „Harzreise“. 1926 wanderte er von Göttingen bis auf den Brocken, und um den Sound des Textes kurz mal anklingen zu lassen, sei nur ein berühmter Satz zitiert – Heine würdigt darin Göttingen: „Die Stadt selbst ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht.“
Der Schriftsteller Steffen Kopetzky hat sich zum Jubiläum auf dieselbe Wanderung begeben, 200 Jahre danach. Kopetzky stellt „Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung“ (Rowohlt, 240 S., 23 Euro) am 11. Juni in Düsseldorf im – na, klar – Heine Haus vor. Und das ist ein ziemlich liebenswertes Buch geworden. Auch Kopetzky inszeniert sich durch Sound. Er benutzt auffallend viele altmodische Wendungen und Begriffe wie „sich gütlich tun“ und an etwas „laben“. Und das passt gut zu diesem geplagten Ich-Erzähler mit Fischerhut und kurzer Hose. Stichworte: linkes Bein, rechtes Bein, Hüfte, Ischias, Ibu 800.
Kopetzky freut sich über jede Drogerie, denn dort gibt es immer ein eigenes Regal für Fußpflegeprodukte. Und Wein. Einmal winkt er einer unbekannten Frau zurück, weil die ihn so nett und aufgeregt grüßt. Kurz danach stellt sich heraus, dass sie ihn vor dem plötzlich einsetzenden Unwetter warnen wollte.
Die schönsten Stellen sind aber jene, in denen der Ich-Erzähler das Deutschland der Gegenwart beschreibt. Er begegnet seinen Landsleuten in „Alkohollokalen“ wie dem „Gotenschieter“ und im Hotel „Deutsche Eiche“, das mit einem Schild und folgender Aufschrift wirbt: „Gepflegtes Pils. Kegelbahn“.
Arno Schmidt wird zitiert, die „Kleine Hexe“ von Otfried Preußler fliegt auf ihrem Besen durch die Gedanken des Wanderers. Außerdem kommen Ernst Jünger und Bibi Blocksberg vor. In Osterode ist es nicht so schön, Leerstände und Verfall, besser wird es in Sachsen-Anhalt.
Kopetzky flicht wie nebenbei kleine Reportagen ein, etwa über ein Treffen von AFD-Anhängern. Er schreibt alles mit, dafür hat er ja sein Notizbuch dabei. Und manchmal ist er versucht, einfach ein Taxi zu nehmen.
Das ist ein menschenfreundliches Buch, körperwarm und zugewandt. Der Blick weitet sich schließlich Richtung Europa, der Kopf wird frei für den Gedanken an die Zukunft. Und der letzte Satz sagt viel aus über diesen Bericht und seinen Autor. Als eine Zikade mit mächtigem Bariton zu zirpen beginnt, denkt unser Reiseführer: „Wie schön, dass ich dich also auch noch getroffen habe.“
Info Steffen Kopetzky liest am 11. Juni um 19.30 Uhr im Heine Haus, Bolker Straße, aus seinem Buch „Die Harzreise“.