Aus dem Kulturerbe Wuppertals ist Pina Bausch nicht wegzudenken. Mit ihrem „Tanztheater“ schuf die charismatische Choreografin (1940–2009) einen bewegten und bewegenden Ort existenzieller Erfahrungen. An die Erneuerin des modernen Tanzes soll das Pina Bausch Zentrum erinnern, das derzeit in Wuppertal-Elberfeld entsteht. Doch lässt die Fertigstellung auf sich warten – vor 2032 dürfte das Zentrum kaum eröffnet werden. Schon jetzt aber ist Pina Bausch im Stadtpanorama präsent. 16 Bilder, gemalt an den Wänden von Häusern in verschiedenen Stadtteilen, fügen sich zur Fassaden-Choreografie „Wuppertal tanzt“.
Lokalkolorit und globale Ausstrahlung gehen hier eine sinnfällige Allianz ein. Um den spezifischen „City-Spirit“ in Tanz zu verwandeln, waren Pina Bausch und ihr Ensemble seit den 1970er-Jahren weltweit auf Tour – von Paris über Mexiko-Stadt bis Tokio. Die Murals knüpfen an diese Gastspiele an: Street-Art-Artisten aus jenen Städten, in denen Bauschs Tanztheater Station gemacht hatte, reisten nach Wuppertal, um die Choreografien des Vorbilds in Straßenkunst zu übersetzen. Motivisch reicht „Wuppertal tanzt“ von der ansteckenden Dynamik eines Pas de deux, den der Sizilianer Andrea Buglisi auf eine Häuserbühne an der Elberfelder Straße brachte („Palermo Palermo“), bis hin zu den grazilen, himmelwärts weisenden Händen des Chilenen Inti („Wie das Moos auf dem Stein“, Kapelle des Evangelischen Friedhofs Krummacherstraße). Ein Musterbeispiel für „Dancing in the Street“, bezogen in diesem Fall auf die Straßenkunst an der Wupper.
Street Art, auch bekannt als Urban Art, hat das Zentrum des Bergischen Landes in den letzten Jahren zum Hotspot derer gemacht, die nach den jüngsten Trends in Kunst und Lifestyle Ausschau halten. Die Murals in Wuppertal rangieren auf deren Favoritenliste ganz oben. Zu verdanken ist diese Open-Air-Galerie der Malerei einer bemerkenswerten Privatinitiative. Der Verein WupperOne929 UrbanArt, gegründet von Valentina Manojlov, hat in nur drei Jahren (2023–2025) sage und schreibe 50 Murals ermöglicht. Angesagte Künstler und Kollektive aus verschiedenen Ländern schufen sie entlang der Talachse der Wupper.
Begonnen hat die Offensive der Bilder mit dem „Urbanen Kunstraum Wuppertal“ (UKW). Dabei handelt es sich um 34 meist figurative Murals, die den öffentlichen Raum zwischen Vohwinkel und Langerfeld beleben. Hierfür hat Valentina Manojlov öffentliche Mittel akquiriert, private Förderer gewonnen und Street-Art-Koryphäen (hauptsächlich aus Europa) nach Wuppertal gelotst. Ihr vordringliches Ziel sieht sie darin, „allen Menschen gleichermaßen den Zugang zur Kunst zu ermöglichen“. Wichtig ist der dynamischen Kunstmanagerin und Kuratorin zudem, „dass die Kunstwerke die Besonderheiten der jeweiligen Quartiere widerspiegeln und die Identifikation der Bewohner mit ihrem Wohnort, ihrem Wohnumfeld oder ihrer Location stärken“.
Bei Guido Palmadessas Mural „Between Chaos & Care“ ist das zweifellos der Fall. In Oberbarmen-Schwarzbach, einem dicht besiedelten Wohnquartier, nahm der in Berlin lebende argentinische Street-Artist Tuchfühlung mit der Wuppertaler Tafel auf. Vom Engagement der Initiative, die verarmte Menschen mit warmen Mahlzeiten versorgt, war Palmadessa so beeindruckt, dass er ihr ein anrührendes Mural widmete: Es verbildlicht die schützende Umarmung und Geborgenheit, die jene, die in Not geraten sind, bei der Tafel erfahren.
Keine Überraschung, dass auch die Schwebebahn, Wuppertals Wahrzeichen, im UKW-Ensemble eine Rolle spielt. So nutzte der Australier Guido van Helten eine Häuserwand an der Wesendonkstraße 15 als Bildträger für eine dynamische Architekturszene, die von der nahe gelegenen Schwebebahnstation Kluse inspiriert ist.
In die Stadtfolklore eingemeindet wurde auch das Wandbild „Switch“. An der Grönhoffstraße verewigte das Schweizer Duo Nevercrew einen Elefanten, der in einem Glasbehälter über einer Miniatur der Schwebebahn strampelt. Wer ein wenig mit der Stadtgeschichte vertraut ist, hält den drolligen Dickhäuter unweigerlich für eine Hommage an „Tuffi“, jenen berühmten Zirkus-Elefanten, der 1950 in Panik aus der Bahn in die Wupper sprang.
Eine plausible Interpretation, gleichwohl falsch: Christian Rebecchi und Pablo Togni, die beiden Nevercrew-Künstler, kannten den Wuppertaler Mythos beim Entwurf ihres Murals noch gar nicht. Erst vor Ort machten die beiden Tierfreunde Bekanntschaft mit der „Tuffi“-Legende. Da aber war die zukünftige Deutung schon besiegelt – basisdemokratisch sozusagen. „Man sieht nur, was man weiß“ – Goethes Zitat müsste man für „Switch“ umformulieren: „Was man weiß, kann beim Sehen gehörig in die Irre führen.“