Ich erinnere mich noch gut an die Situation neulich: Ein Mann liegt an der Tramstation auf dem Boden. Soll ich weitergehen? Oder braucht er Hilfe? Ich bin froh, dass andere Passanten sich um ihn kümmern, einen Krankenwagen rufen. Manchmal gibt es diese Situationen, in denen ich einfach nicht weiß, was ich tun soll.
Martin Marino sagt: Es ist nie verkehrt, jemanden zu fragen, ob er oder sie Hilfe braucht. Und: Man ist nie alleine. Es gibt fast immer andere Fahrgäste, die man sich als Verbündete dazuholen kann – aber nicht, indem man einfach mal in den Waggon reinruft, ob jemand helfen kann, sondern die Leute gezielt anspricht. „Entschuldigung, ich glaube, der Herr da hinten benötigt Hilfe. Könnten Sie kurz mitkommen?“ So kann sich niemand wegducken. Und zusammen fühlt man sich meistens besser als alleine.
In U-Bahn, Bus und Tram oder in der S-Bahn kann es aber leider noch zu weitaus gefährlicheren Situationen kommen. Was, wenn zwei aufeinander losgehen? Ich habe das einmal erlebt. Zwei Männer haben sich angeschrien, sich geschubst, plötzlich waren die Fäuste in den Gesichtern. Und ich? Saß ein paar Plätze weiter und habe einfach nur gehofft, dass es vorbei geht und nichts Schlimmes passiert. Getan habe ich nichts. Einerseits wollte ich nicht selbst hineingeraten. Zum anderen war da die große Angst, etwas falsch zu machen.
Offenbar bin ich nicht der Einzige, dem es so geht. Eine Freundin hat mir mal erzählt, dass sie nach dem Oktoberfest von einem Betrunkenen auf extrem widerliche Art und Weise belästigt worden ist. Sie selbst war wie gelähmt, in einer Art Schockstarre. Geholfen hat ihr niemand. Der Typ ist nach ein paar Stationen ausgestiegen. Aber noch heute denkt sie daran, wenn sie im ÖPNV unterwegs ist – erst recht während der Wiesn.
Auch hier gilt laut Martin Marino: Keinesfalls sollte man alleine dazwischengehen. Und er hat noch einen Tipp, der meinem Gerechtigkeitsgefühl widerstrebt, aber sinnvoll klingt, wenn man sich selbst nicht in Gefahr bringen will: Anstatt auf den Täter loszugehen und ihn wegzuschubsen, sollte man die Betroffenen zur Seite nehmen – und bei ihnen bleiben. „Dann sind sie nicht alleine“, erklärt Marino. Dem Angreifer gewähre ich dann vielleicht einen Raum, der ihm meiner Meinung nach nicht zusteht. Aber über allem steht für Marino und Jens Habben von der Bundespolizei die Sicherheit.
Ich bin gespannt, wie ich mit diesen Tipps im Hinterkopf das nächste Mal reagieren werde. Wie ich eingreifen sollte, weiß ich jetzt, zumindest theoretisch. Die größte Schwierigkeit aber bleibt für mich wahrscheinlich das Wann. Ich habe Angst, zu heftig zu reagieren und am Ende vielleicht eine kritische Situation heraufzubeschwören anstatt zu deeskalieren. Dabei ist das ja eigentlich Quatsch. Da war Marinos Botschaft eindrücklich: Kaum etwas ist schlimmer als nichts zu tun, wenn wir das Gefühl haben, da stimmt was nicht.