Als sie vor 15 Jahren gefragt wurde, ob sie sich eine Führungsposition vorstellen könne, lautete ihre spontane Antwort damals: „Nein.“ Heute muss sie darüber selbst ein wenig schmunzeln. Denn inzwischen ist sie in Doppelfunktion auf der Vorstandsebene tätig. Seit 2023 ist sie Vorstandsmitglied der Oldenburgischen Landesbrandkasse und der Öffentlichen Lebensversicherungsanstalt Oldenburg und verantwortet dort die Bereiche Lebens- und Unfallversicherung sowie Kapitalanlage. Bereits seit 2017 gehört sie zudem dem Vorstand der Provinzial Pensionskasse Hannover an. Ihr Weg zeigt, dass Frauen oft mehr Mut brauchen, als ihnen selbst bewusst ist. 

Dabei begann ihr Weg nach dem Abitur ohne ein konkretes Ziel. Mathematik war schon in der Schulzeit ihre Stärke. „Mir ist das immer leicht gefallen. Da gab es ’richtig’ oder ’falsch’ und eine klare Antwort“, erinnert sich Kerstin Garbe, die heute in Mellendorf bei Hannover lebt. Während sie sich mündlich eher zurückhaltend einschätzte, begeisterten sie die Logik und das analytische Denken. Nach einer Mathematik-Vorlesung, die sie auf Empfehlung einer Freundin besuchte, stand ihre Entscheidung fest: Sie studierte Mathematik mit dem Nebenfach Wirtschaftswissenschaften. Dass Frauen in mathematischen Berufen oder später in Führungspositionen oft noch immer als Ausnahme wahrgenommen werden, entsprach damals nicht ihrer Erfahrung. „In meinem Studium waren Frauen und Männer nahezu gleich stark vertreten.“ Dennoch stellte sie später im Berufsleben fest, dass Frauen häufig anders auf ihre Fähigkeiten blicken als Männer. „Frauen haben oft den Anspruch, jede Aufgabe zu hundert Prozent erfüllen zu müssen. Dabei sind 80 Prozent immer noch sehr gut.“ Ein Gedanke, der sie während ihrer gesamten Karriere begleitet hat.

Vieles ist möglich und machbar

Entgegen ihrem eigentlichen Wunsch, in der Heimat zu bleiben,  zog es  die gebürtige Hannoveranerin  nach dem Studium  zunächst nach München. Eigentlich eher zufällig. Weil Repräsentieren nicht zu ihren Lieblingssituationen gehörte, wollte sie zunächst Vorstellungsgespräche üben und bewarb sich bewusst außerhalb ihrer Heimatregion Hannover. Dass daraus ihr erster großer Karriereschritt werden würde, ahnte sie damals nicht. Der Umzug nach München und der Berufsstart bei der Winterthur wurden für Kerstin Garbe zu einer wichtigen Erfahrung. Allein in einer fremden Stadt Fuß zu fassen, stärkte ihr Selbstvertrauen nachhaltig. „Ich habe dort gelernt, dass vieles möglich und machbar ist.“ Eine Erkenntnis, die sie bis heute weitergibt. Viele Frauen würden sich zunächst fragen, ob sie einer neuen Aufgabe überhaupt gewachsen seien. „Ich hatte vor jedem Karriereschritt Respekt. Die Frage ’Kann ich das überhaupt?’ begleitet einen immer ein Stück weit.“ Entscheidend sei jedoch, sich davon nicht aufhalten zu lassen.

Nach vier Jahren in Süddeutschland kehrte sie mit Blick auf ihre private Zukunft nach Hannover zurück. Hier begann schließlich ihr beruflicher Weg bei der VGH. Dort entwickelte sie sich über verschiedene Positionen kontinuierlich weiter. Einen wichtigen Anteil daran hatte ihre damalige Chefin, die ihr Potenzial erkannte. „Sie hat mich sehr gefördert und mir immer Mut und Rückhalt gegeben.“ Dass Frauen Frauen fördern, hält Garbe für einen wichtigen Erfolgsfaktor. Mentorinnen verstünden häufig die Zweifel, die viele Frauen kennen. Sie wüssten, wie sehr Perfektionsansprüche oder Unsicherheiten Karriereschritte erschweren können. „Deshalb können weibliche Vorbilder und Mentorinnen eine große Hilfe sein.“ Inzwischen engagiert sie sich selbst als Mentorin und versucht, andere Frauen zu ermutigen, Chancen zu ergreifen.

„Ich habe gelernt, nicht immer perfekt sein zu müssen.“

Kerstin Garbe

Vorstandsmitglied der Öffentlichen Versicherungen GmbH

Privat stellte sie sich irgendwann die Frage, wie sich Familie und Karriere vereinbaren lassen. Der Wunsch nach einer eigenen Familie war  immer groß und erfüllte sich 2005 mit der Geburt ihrer Tochter und ein Jahr später mit der ihres Sohnes. Gleichzeitig wollte sie ihren Beruf nicht aufgeben. Dass sie nach der Elternzeit zunächst in Teilzeit und später wieder umfangreicher arbeiten konnte, verdankte sie einer Kombination aus familiärer Unterstützung, guter Organisation und verständnisvollen Führungskräften. Schon damals nutzte sie Möglichkeiten zum mobilen Arbeiten – lange bevor Homeoffice vielerorts zum Standard wurde. Rückblickend sieht sie diese Phase als wichtigen Lernprozess. „Ich habe gelernt, nicht immer perfekt sein zu müssen.“ Gerade Frauen würden oft glauben, allen Rollen gleichzeitig zu hundert Prozent gerecht werden zu müssen. Diesen Anspruch loszulassen, sei eine wichtige Erkenntnis gewesen. Ausgleich und Kraft findet Kerstin Garbe in ihren Kindern, der Familie und ihrem Freundeskreis. „Ich bin gerne unter Menschen, der Austausch und das Miteinander geben mir sehr viel Energie.“ Der nächste große Karriereschritt folgte, als ihre Vorgesetzte  sie auf eine Führungsposition ansprach. „Meine Chefin hat es mir zugetraut. Ich hätte das für mich nicht erachtet und brauchte den Anstupser von außen.“ Eine Erfahrung, die sie heute bei vielen Frauen wiedererkennt. Oft fehle nicht die Kompetenz, sondern das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten.

„Jede Herausforderung bringt Dinge mit sich, an denen man wächst.“

Seit 2011 ist Kerstin Garbe nun in Führungsverantwortung. Von der Leitung der Unfallbetriebsabteilung über weitere Führungsaufgaben bis zur Abteilungsdirektorin übernahm sie immer größere Verantwortungsbereiche. Dabei entwickelte sie einen Führungsstil, der auf Zusammenarbeit und Vertrauen basiert. „Ich lebe Führung als Teamleistung.“ Hierarchien seien für sie weniger entscheidend als ein offener Austausch. Als sie schließlich die Möglichkeit erhielt, in den Vorstand zu wechseln, war auch dieser Schritt mit einer Portion Respekt verbunden. „Da musste ich schon einmal tiefer Luft holen.“ Insbesondere die Entscheidung, 2023 die Vorstandsposition in Oldenburg anzunehmen, war für sie eine Herausforderung. Sie kannte das Unternehmen kaum und musste sich in einem neuen Umfeld einfinden. „In einem bestehenden Netzwerk, in dem man sich austauschen kann, ist das einfacher“, erläutert sie. Umso wichtiger seien Netzwerke, vertrauensvolle Kolleginnen und Kollegen sowie Menschen, mit denen man offen über Herausforderungen sprechen könne. „Gute Sparringspartner helfen enorm.“ 

„Am Ende kochen alle nur mit Wasser.“

Kerstin Garbe

Vorstandsmitglied der Öffentlichen Versicherungen GmbH

Für die Vorständin gehört persönliche Weiterentwicklung zu einer Führungsrolle dazu. Deshalb nimmt sie regelmäßig Coachings in Anspruch. „Man kann immer an sich arbeiten und dazulernen. Jede Herausforderung bringt Dinge mit sich, an denen man wächst.“ Ihr heutiges Vorstandsteam in Oldenburg besteht aus Männern und Frauen. Die unterschiedlichen Perspektiven empfindet sie als große Stärke. „Wir ergänzen uns gut durch unsere unterschiedlichen Blickwinkel und Charaktereigenschaften.“ Für junge Frauen, die eine Führungsposition anstreben, hat sie  eine klare Botschaft: Man müsse nicht perfekt sein, um Verantwortung zu übernehmen. Wichtig sei vielmehr, Chancen zu ergreifen, sich Unterstützung zu suchen und den Mut aufzubringen, den ersten Schritt zu gehen. „Schlussendlich kochen alle nur mit Wasser. Es ist so vieles machbar, wenn man sich nur traut.“

Hintergrund:

  • Die OM-Medien haben mit Anja Thiel zum fünften Mal eine Entscheiderin aus dem OM mit dem Award „OM-Zukunftsmacherin“ gekürt, die in besonderer Weise die gesellschaftliche Entwicklung vorantreibt.
  • Unterstützt wurde das Projekt OM-Zukunftsmacherin dabei von den Firmen Südbeck, Grimme, Bergmann, Wernsing, Zerhusen, der LzO, Airpool sowie der Öffentlichen Oldenburg
  • Gekürt wird die Preisträgerin von einer Jury. Ihr gehören Silvia Breher (CDU-Bundestagsabgeordnete, Lindern), Christine Grimme (Grimme Gruppe, Damme), Dr. Jutta Middendorf-Bergmann (Ludwig Bergmann GmbH, Goldenstedt), Gudrun Arkenberg (airpool Lüftungs- und Wärmesysteme GmbH), Annette Vetter (LzO), Linda Stärk (Zerhusen Kartonagen) sowie Anke Hibbeler (OM-Medien) an.