Heiner Wilmer nach seiner Amtseinführung in einer Menschenmenge in Hildesheim.

AUDIO: Hildesheim: Abschied des Bischofs Heiner Wilmer (2 Min)

Stand: 05.06.2026 15:07 Uhr

Bischof Heiner Wilmer war ein beliebter Bischof im Bistum Hildesheim. Am 21. Juni wird der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz der neue Oberhirte im Bistum Münster. Am Samstag, 6. Juni um 10 Uhr, verabschiedet er sich in einem Gottesdienst in Hildesheim. Eine Analyse.

von Florian Breitmeier

Den Stuhl hat Heiner Wilmer im Blick. Gemeint ist der Bischofsstuhl in Münster, aber nicht nur der. Wenn sich der Hildesheimer Bischof am 21. Juni auf die so genannten Kathedra, den Bischofsstuhl im Hochchor des St.-Paulus-Doms von Münster setzt, dann nimmt der neue Bischof sein Bistum symbolisch und für alle Augen sichtbar in Be-Sitz.

Heiner Wilmers rund achtjährige Amtszeit als 71. Bischof von Hildesheim ist in diesem Moment beendet. Die Kathedra im Hildesheimer Mariendom ist dann unbesetzt. Ein Nachfolger für Wilmer wird wohl binnen eines Jahres vom Papst ernannt werden. Das lässt sich zunächst zu den Bischofsstühlen von Münster und Hildesheim sagen. Es geht dieser Tage aber noch um eine weitere Sitzgelegenheit.

Bischofsstuhl im Dom und Holzstuhl im Büro

Einen Stuhl nämlich nimmt Heiner Wilmer mutmaßlich aus Hildesheim mit nach Münster. Es ist alter Holzstuhl, den er schon zu seiner Zeit als Ordens-Provinzial in Bonn und später als Generaloberer des Herz-Jesu-Ordens in Rom nutzte. „Der Stuhl ist sehr bequem“, sagte Heiner Wilmer einst dem NDR-Reporter. „Man fühlt sich darauf ein bisschen wie ein Cowboy“.

Das Bild sitzt. Gebürtig kommt Heiner Wilmer vom Bauernhof: Schapen im südlichen Emsland, der Ort liegt praktisch auf der Bistumsgrenze zu Münster, wo es Wilmer nun mit 65 Jahren hinzieht. Schapen – auf Plattdeutsch sind das die Schafe. Heiner Wilmer, der Junge vom emsländischen Bauernhof, der sich nun um die Herde von 1,6 Millionen Gläubigen im Bistum Münster kümmert, zuvor in Hildesheim war und dort in seinem Arbeitszimmer gelegentlich auf einem Stuhl saß, der ihm das Gefühl eines Cowboys gab.

Rückenwind aus Rom für den neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz

Kurz vor seinem Wechsel nach Münster machte Wilmer deutlich, dass ihm der Abschied aus Hildesheim nicht leichtfalle. Aber hinter der Entscheidung stehe letztlich auch der Papst. Der kannte höchstwahrscheinlich die so genannte Dreierliste mit Wilmers Namen darauf, die von Rom nach Münster geschickt wurde. Das Domkapitel dort entschied sich für den Hildesheimer Bischof. Der war erst drei Wochen zuvor zum neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt worden.

Rückenwind auch aus Rom für den neuen Vorsitzenden, anders lässt sich das nicht deuten. Theoretisch hätte Wilmer die Wahl des Domkapitels von Münster auch ablehnen und Bischof in Hildesheim bleiben können. Wilmer sprach in diesem Zusammenhang jüngst offenherzig von einem „heiligen Ernst“, dem er sich nicht entziehen könne. Zwar hätte er ablehnen können, aber er „hätte dann auch innerlich aufhören müssen als Bischof von Hildesheim.“

Die Aussage ist in mehrfacher Hinsicht spannend. Heiner Wilmer deutet damit theoretisch an, dass er vielleicht zurück in den Orden gegangen wäre, wenn er dem Domkapitel in Münster von sich aus abgesagt hätte. Denn danach einfach in Hildesheim weitermachen, das wäre für ihn persönlich schwierig geworden, wie er bekennt. Wenn er als Bischof einen Priester, Seelsorger oder andere Mitarbeiter bitte, eine neue Aufgabe zu übernehmen, müsse er auch selbst dazu bereit sein, erklärte er. „Ich will morgens auch noch vernünftig in den Spiegel gucken können.“

Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, bei einer Pressekonferenz.

Im Gegensatz zu Hildesheim bietet sich Heiner Wilmer in Münster eine bis dato ungekannte Gestaltungsmacht. Eine Analyse.

Gewissen und Gehorsam als katholische Spannungspole

Heiner Wilmer entschied sich letztendlich für die neue und größere Herausforderung in Münster. Zweifellos ein Karriereschritt, auch wenn Kirchenmänner das nicht gern hören. Heiner Wilmer ist gerne Bischof, mag die damit verbundene Öffentlichkeit und Gestaltungsmacht. Zudem folgte Wilmer gehorsam dem Willen des Papstes, als er Münster zusagte.

Ist das womöglich ein Fingerzeig, dass Wilmer vielleicht auch in anderen Situationen im Zweifelsfall keinen Konflikt mit Leo XIV. sucht, diesen zumindest nicht enttäuschen möchte und sich als Bischof den Machtlogiken der Kirche fügt? Angesichts der enormen Doppelbelastung, die auf ihn wartet, Bischof von Münster und Bischofskonferenzvorsitzender, macht er es sich mit den neuen Aufgaben auf jeden Fall alles andere als leicht.

Bischof Wilmers Einfluss in Rom wird wachsen

Es fällt auf, dass der frisch gewählte Bischofskonferenzvorsitzende sich stets positiv zum Prinzip der Synodalität äußert, konkrete inhaltliche Positionierungen zu strittigen katholischen Reformfragen bislang aber vermeidet. Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich Heiner Wilmer verhält, wenn er als Bischofskonferenzvorsitzender vielleicht auch kirchenpolitische Enttäuschungen den Gläubigen vermitteln muss. Klar ist: Wilmers Einfluss dürfte auch in Rom in den nächsten Jahren zunehmen.

Er ist mehrsprachig, vermittelnd, klug, – die Mitarbeit in einem vatikanischen Dikasterium (Zentralbehörde) ist dabei ebenso so denkbar wie die Kardinalswürde. Heiner Wilmer gilt im Bistum Hildesheim als nahbarer Bischof, der viele Facetten hat. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer und eloquenter Gesprächspartner Mal offenbart er dabei eine herzliche Volksfrömmigkeit gepaart mit Bibelzitaten und praktischen Beispielen vom Bauernhof. Dem einen gefällt’s, dem anderen weniger. Wilmer kann auch zu spannenden intellektuellen Höhenflügen ansetzen, die komplexe Lagen erhellen und durchaus faszinieren.

Intellektuelle Höhenflüge glücken nicht immer

Manchmal läuft er dabei jedoch Gefahr, etwas die Bodenhaftung zu verlieren. Wenn er zum Beispiel in wenigen Sätzen von den unterschiedlichen Weltbildern Platons und Aristoteles ausgehend, sich an einer mentalitätsgeschichtlichen Deutung Süd- und Nordeuropas versucht, die kommunikative Kraft eines italienischen caffè erwähnt, um schließlich in der Gegenwart der römischen Kurie und ihrem Verhältnis zum Synodalen Weg in Deutschland anzukommen.

Großes Bistum mit schrumpfende Gemeinden

Heiner Wilmer sieht das Bistum Hildesheim kurz vor seinem Abschied solide aufgestellt. Angesichts knapper Kassen und einer angespannten Personallage hat er durchaus beachtenswerte Akzente gesetzt – so bei neuen Leitungsmodellen für Laien in einzelnen Gemeinden zum Beispiel in Clausthal-Zellerfeld. Männer und Frauen erhalten faktisch Handlungsvollmacht und bestimmen die strategische, finanzielle und inhaltliche Ausrichtung einer Pfarrgemeinde, auch wenn ihnen formal ein Priester zur Seite gestellt wird, der aber eher eine moderierende Rolle bei Entscheidungen einnimmt und in erster Linie für die geistliche Begleitung sowie für sakramentale Aufgaben zuständig ist. Große geistliche Aufbrüche blieben im Bistum gleichwohl aus, die Mitgliedersanken sanken auch hier.

Ein Kirchenkreuz hängt an einer brüchigen Wand.

Noch nie gab es so wenige Kirchenmitglieder in Deutschland wie heute. Was der Schwund für uns alle bedeutet.

Sexualisierte Gewalt und Aufarbeitung bleiben Dauerthema

In der Frage der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim hat er durchaus neue Wege beschritten, und in der bischöflichen Verwaltung strukturell und personell deutlich nachgebessert. Die innere Haltung dem Thema gegenüber ist heute im Bistum Hildesheim eine andere als vor Wilmers Amtsantritt. Konfliktfrei verlief das Thema Aufarbeitung aber in Hildesheim nicht. Daran hat auch Heiner Wilmer seinen Anteil. In einem Prozess vor dem Landgericht Hildesheim verzichtete das Bistum nämlich nicht auf die so genannte Einrede der Verjährung, die es Betroffenen sexualisierter Gewalt erheblich erschwert, in zivilrechtlichen Verfahren, ihre Forderungen durchzusetzen, wenn strittig ist, ob die Taten strafrechtlich verjährt sind.

Das Bistum Hildesheim hatte das erlittene Leid des Betroffenen finanziell anerkannt, schätzte ihn offiziell als Gesprächspartner in Aufarbeitungsprozessen. Im Gerichtsprozess machte das Bistum deutlich, dass die Kirche das Recht habe, sich in einem Verfahren mit allen zur Verfügung stehenden juristischen Mitteln zu wehren. Das Gericht machte in dem Verfahren vor einem Urteilsspruch sehr deutlich, dass es die Position des Bistums wohl teilt, dass die vorgeworfenen Taten verjährt seien, beim Bistum juristisch gesehen also keine Amtshaftung bestehe. Der Vorsitzende Richter regte gleichwohl eine Meditation an zur gerichtlichen Streitbeilegung, die auch zu einem Abschluss kam.

Florian Breitmeier

Statt schonungslose Aufarbeitung zu erleben, werden Betroffene im Kampf gegen die Institution zermürbt, meint Florian Breitmeier.

Spannungen in Wolfenbüttel und ein gemeinsamer Gottesdienst

Zu erheblichen Spannungen kam es zeitweise auch zwischen dem Wolfenbütteler Pfarrer Matthias Eggers und Heiner Wilmer, weil Eggers vor zwei Jahren die Missbrauchsaufarbeitung im Bistum öffentlich scharf kritisiert hatte. Bischof Wilmer zeigte sich in dem Konflikt anfangs unerwartet hart, um schließlich doch persönlich einzulenken und zu einem bewegenden Gottesdienst nach Wolfenbüttel zu kommen, in welchem die Gemeinde ihre Haltung zum Thema Missbrauch und Aufarbeitung selbstbewusst artikulierte.

Wilmer ist das Thema zweifellos wichtig, innerkirchliche Konflikte darum mag er aber weniger. Eine dritte Aufarbeitungsstudie zu sexualisierter Gewalt läuft derzeit und soll im nächsten Jahr veröffentlicht werden. Auch die Amtszeit von Bischof Wilmer wird unter die Lupe genommen und dessen Umgang mit Meldungen von Betroffenen und Hinweisen aus den Gemeinden. Wenn die Studie veröffentlicht wird, ist Wilmer bereits ein Jahr in Münster. Eine umfassende Bewertung seiner Hildesheimer Amtszeit steht in diesem Punkt also noch aus.

Kreuz auf einem Wörterbuch mit dem Wort Missbrauch.

Betroffene sexualisierter Gewalt können heute vor dem Kirchenparlament sprechen. Die Öffentlichkeit bleibt ausgeschlossen.

Christlicher Religionsunterricht macht in Niedersachsen Schule

Ein großer Erfolg war zweifellos Heiner Wilmers Mitwirken an dem ökumenischen Projekt des Christlichen Religionsunterrichts an allgemeinbildenden Schulen in Niedersachsen. Nach den Sommerferien geht es schrittweise los. Zwei Punkte waren ausschlaggebend: Heiner Wilmers ehrliches Interesse an ökumenischer Zusammenarbeit und zweitens Wilmers exzellente Verbindungen nach Rom. Das half, gemeinsam mit den ebenfalls sehr engagierten evangelischen Mitstreiterinnen und Mitstreitern, ein innovatives Projekt aus der Taufe zu heben, das auch in anderen Bundesländern Schule machen könnte.

Der Bischof des Bistums Hildesheim Heiner Wilmer

Der Hildesheimer, neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz, gilt in der katholischen Kirche als progressiv. Ein Kommentar zu seiner Wahl.

Ein beliebter Bischof, dessen Versetzung nie gefährdet war

Nahbar, freundlich, gebildet, weiter Horizont, – diese Zuschreibungen fallen häufig, wenn man Menschen nach dem Oberhirten vom Domhof fragt, der als Junge auf einem Bauernhof groß geworden ist, Lehrer und Schulleiter war. Schulnoten am Ende einer Amtszeit zu geben, fällt schwer. Zahlen drücken auch nur unzureichend das Wesen eines Menschen aus. Heiner Wilmer ist im Bistum ein beliebter Bischof gewesen.

Sein Wirken in Hildesheim war unter dem Strich für entscheidende und mächtige Männer in der römisch-katholischen Kirche so ansprechend, dass seine Versetzung nie gefährdet war. In der Bischofskonferenz ist er als Vorsitzender ein Moderator, man könnte auch sagen Klassensprecher. Und bald schon nimmt Wilmer als Bischof Platz in Münster – einem Bistum tief im Westen. Stellt sich nur die Frage, ob der alte Holzstuhl, auf dem sich Heiner Wilmer manchmal wie ein Cowboy fühlt, nun dauerhaft in Westfalen verweilt oder aber in Zukunft vielleicht noch mal woanders aufgestellt wird.

Julia Windischbauer als Etty Hillesum in der arte-Serie "Etty"

In der neuen Serie auf Arte geht es um die junge jüdische Autorin Etty Hillesum, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde.

Heiner Wilmer (l), Bischof von Hildesheim und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, wird von Hans-Bernd Köppen, Dompropst, im St.-Paulus-Dom als designierter Bischof von Münster vorgestellt.

Das gab das Bistum Münster am Donnerstagmittag bekannt. Bisher steht Wilmer dem Bistum Hildesheim vor.