Seit April müssen die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten 4,5 Prozent Honorarkürzungen verkraften. Wie wird sich das auswirken?
Das wird die Lage noch verschlimmern. Und es kommt noch dicker. Aufgrund des Beitragsstabilisierungsgesetzes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erwarten wir Honorarkürzungen zwischen 20 und 30 Prozent. Das wird richtig böse. Anders als Ärzte können Psychotherapeuten Einkommensdefizite nicht ausgleichen. Eine Therapiestunde dauert 50 Minuten. Wir können nicht beliebig viele Patienten am Tag versorgen. Therapie bedeutet auch für die Psychologen eine hohe Konzentrationsleistung. Es könnte dazu führen, dass ein Drittel der Therapiestunden nicht mehr angeboten wird, weil sie nicht vergütet werden. Viele Therapeuten werden sich fragen, wie sie noch die Miete und andere laufende Kosten bezahlen sollen. Wir rechnen auf jeden Fall mit einer Reduktion der Therapieplätze. Möglicherweise werden auch Kolleginnen aufgeben.
Wie bewerten Sie die Honorarkürzung?
Es ist ein großer volkswirtschaftlicher Unsinn, die Psychotherapie so einzuschränken. Denn es wird sicher mehr Krankschreibungen oder Frühverrentungen geben. Wer rechnet denn da in der Politik? Und menschlich gesehen ist es eine Tragödie. Tag für Tag rufen uns Patienten an und berichten von ihren Leiden. Das ist auch für uns hochbelastend. Viele werden noch kränker werden. Absolut inakzeptabel ist es für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Viele haben in der Corona-Zeit, als sie nicht in Schule oder Kita gehen konnten und wenig Kontakt zu Gleichaltrigen hatten, schwere Schäden davongetragen. Die Politik versucht, sich aus der Verantwortung zu ziehen und die Änderungen mit hohem Druck durchzuboxen. Die Versicherten sollen jetzt vor der Verabschiedung des Gesetzes möglichst noch nicht merken, was es für sie bedeutet. Wir hoffen, dass die Honorarkürzungen wieder zurückgenommen werden, aber wir sehen wenig Gesprächsbereitschaft bei Bundesgesundheitsministerin Nina Warken. Das empört mich sehr.
Im April haben Psychotherapeuten öffentlich protestiert – auch in Wiesbaden. Sind weitere Aktionen geplant?
Ja, auf allen Ebenen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat Klage eingereicht. Gerade gehen Psychologie-Studierende auf die Straße, weil sie ihre Weiterbildung gar nicht beginnen können, da die Finanzierung weiter unklar ist. Und es wird weitere Demonstrationen, Resolutionen und Pressemitteilungen geben. Wir wünschen uns, dass auch Patientinnen und Patienten ihre Rechte bei den Krankenkassen stärker einfordern und die Bundestagsabgeordneten aus ihrem Wahlkreis anschreiben und das Problem mit langen Wartezeiten schildern.