SZ: Frau Bretschneider, Sie leiten seit Mai als Programmdirektorin das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation. Wo fängt man da an?
Uta Bretschneider: Das habe ich mich vorher auch gefragt, und dann bin ich mittenrein gefallen. Wir entwickeln eine Institution, knüpfen Netzwerke, entwerfen ein Programm, bauen einen Wissenschaftsbereich auf und lassen ein großes Haus bauen, alles parallel. Dieser Mix ist einzigartig. Natürlich ist mir die Größe der Herausforderung bewusst, auch die öffentliche Erwartungshaltung. Das geht nur mit Humor und dem Glauben ans Gelingen.
Sie haben gesagt, das Zukunftszentrum soll eine Art Übersetzungseinrichtung werden. Wer übersetzt dort für wen?
Im besten Fall nicht nur die Macher des Zukunftszentrums für ein Publikum, sondern alle Menschen, die sich hier begegnen. Das werden Ost und West sein, verschiedene Altersgruppen, Menschen mit und ohne DDR-Erfahrung, aus Deutschland und Europa. Kultur im klassischen Sinne – also Museen, Oper, Theater – erreichen vielleicht zehn Prozent der Bevölkerung, ich will die anderen 90 Prozent auch hier haben. Das Zukunftszentrum ist eine Institution neuen Typs – eine Einrichtung, die Forschung, Begegnung und Dialog zu Themen der Transformationszeit mit Ausstellung verbindet. Wir werden kein DDR-Museum sein.
Die Erwartungen sind groß, die Investition auch. Wenn der Bau 2032 fertig sein soll, wird Deutschland länger wiedervereinigt sein als geteilt. Wozu braucht es dann noch einen Gedenkort?
Transformationszeit ist keine Epoche wie Barock oder Mittelalter, die bereits abgeschlossen ist. Es gibt weiter kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West und strukturelle Ungleichheiten. Bevor man Umbrüche analysieren kann, muss man sie erst mal bewältigen. Es dauert oft eine Generation, bis sich neue Fragen an Zeitzeuginnen und Zeitzeugen stellen. Auch viele Archivfristen lassen jetzt erst eine Öffnung zu. Viele Menschen hätten sich das schon eher gewünscht, aber notwendig ist dieser Ort gerade jetzt.
Friedrich Merz hat gesagt, man müsse im Osten mehr erklären, er tue das gern. Was würden Sie Westdeutschen wie ihm gern über Umbrüche im Osten erklären?
Man muss im Westen viel mehr über Transformationszeit erklären als im Osten. Es gibt Studien, in denen drei Viertel im Westen sagen, die Wiedervereinigung habe ihr Leben nicht verändert. Das trifft wahrscheinlich auf keinen einzigen im Osten zu. Auch viele junge Menschen setzen sich auf neue Art mit ihrem Ostdeutschsein auseinander. Die fragen sich, warum es diese Unterschiede gibt beim Erben, beim Vermögen, in der Repräsentanz. Natürlich laden wir auch den Bundeskanzler herzlich zum Dialog ein. Auch wenn das Zukunftszentrum in Halle gebaut wird, planen wir mobile Dialogangebote, wollen nach Gelsenkirchen oder ins Sauerland. Die Ostdeutschen haben seit 1990 wahnsinnige Adaptionsleistungen vollbracht, das wird bisher nicht gesehen.
Woran liegt das?
Wahrscheinlich war man zu beschäftigt, „Jammer-Ossis“ eine Bühne zu geben. Die Geschichten vom Gelingen, der Ideenreichtum und die Kreativität, die haben medial eine viel kleinere Rolle gespielt. Oft hat die Wut dominiert, die Lauten haben mediale Aufmerksamkeit bekommen, die anderen hat man nicht gehört.
Sie selbst haben Umbruchgeschichten aus dem Osten in einer Feldstudie über Sexshops in der ostdeutschen Provinz erzählt. Wie kam es dazu?
Das Projekt ist in der Pandemie entstanden. Ich bin übers Land gefahren, habe in Kleinstädten fotografiert. Auf dem Navi habe ich einen Eintrag im Nirgendwo von Südbrandenburg gesehen: Sexshop und Aquaristik. Ich habe einen Screenshot gemacht und meinem Kollegen Jens Schöne geschickt. Wir wollten ohnehin ein Projekt über die Transformationszeit machen. Das haben wir dann getan, meinen Jahresurlaub habe ich in Sexshops in der ostdeutschen Provinz verbracht.
Was haben Sie herausgefunden?
Zuerst einmal, dass es viel weniger von diesen kleinen privat geführten Shops gab als wir dachten. Wir haben uns die Ohren wund telefoniert, aber nur noch zwei Hände voll gefunden. Diese Menschen haben uns vom Aufbruch in der Nachwendezeit erzählt. Es gab viel Unternehmergeist, weil die Leute in einen Markt geprescht sind, den es vorher nicht gab. Pornografie war in der DDR verboten, die Läden gab es nicht, entsprechend groß der Nachholbedarf. Mich haben die individuellen Lebensentscheidungen interessiert, die Resilienz. Nach dem Motto: die LPG gibt’s nicht mehr, warum nicht was Eigenes starten? Es sind spannende Biographien, nicht alle erzählen vom Gelingen.
Die Lust aufs Neue, das Geschick zum Improvisieren – das sind Eigenschaften, die das Land gut gebrauchen könnte. Lässt sich das wiederbeleben?
Da bin ich skeptisch. Diesen guten Geist, den 1989/90 in vielen Ostdeutschen hervorgerufen hat, wird man nicht einfach wieder rauskitzeln können. Viele Erfahrungen seitdem waren negativ, geradezu erschütternd. Ja, wir haben blühende Landschaften und super rausgeputzte Innenstädte, vielen Ostdeutschen geht es wirtschaftlich so gut wie nie. Trotzdem hat unter anderem der Habitus, mit dem viele bundesdeutsche Akteure in den 90er Jahren aufgetreten sind, tiefe Wunden hinterlassen. Es gab einen riesigen Elitentransfer und ein Gefühl der Entmündigung, die eigene Biographie war nichts mehr wert.
Ist Umbruch inzwischen nicht die Norm?
Umbruch passiert immer, er ist eine anthropologische Konstante. Aber die Dynamik 1989/90 war eine besondere. Deswegen nervt es mich auch, wenn jemand sagt, Strukturwandel gibt’s doch auch im Ruhrgebiet. Stimmt, aber da hat sich nicht von jetzt auf gleich für alle alles geändert – vom sozialen Leben über Kultur, Politik, Arbeit, Wirtschaft, Warenangebot, Wohnen, Eigentum, Abwanderung. Das kann man dem Westen nicht oft genug sagen.
Haben die Transformationserfahrungen die Ostdeutschen resilienter gemacht für Veränderungen oder unduldsamer?
Beides. Es gibt diejenigen, die sich komplett neu orientiert haben und denen etwas gelungen ist. Die würden sagen, dass sie vom Umbruch profitiert haben. Aber es gibt auch die, die sich einmal komplett aufs Neue eingelassen haben und am Anfang froh waren, reisen zu können, Freiheit zu genießen. Die dann aber keinen Job und kein Geld mehr hatten und jetzt finden: ist auch mal gut mit Veränderung. Wir wollen beide Pole im Zukunftszentrum abdecken.
Welche Art von Transformationsgeschichten wollen Sie erzählen – die von der Treuhand, den Hartz-IV-Protesten, Pegida?
Wir müssen all diesen Erfahrungen einen Raum geben. Erfahrung ist die zentrale Dimension, die das Haus tragen soll. Wir wollen das gar nicht bewerten. Natürlich schließen wir demokratiefeindliche Einstellungen aus, aber die Erfahrungen, die dahinterliegen – die wollen wir offenlegen. Das wird ein Abenteuer. Wir können ein Seismograf sein für Identitäten in Ostdeutschland. Wir sehen an vielen Beispielen, dass sich der Blick inzwischen verändert hat. Ostmoderne ist ein Hype auf Instagram, Plattenbau ist wieder hip, die Kunstsammlung der Wismut stößt auf riesiges Publikumsinteresse, vor 20 Jahren hätte das niemand sehen wollen.
Planungsmodell des Zukunftszentrums in Halle. Iris Mayer
Wie haben Sie die 90er erlebt?
Ich bin 1985 geboren. In Runden, in denen alle von ihren Erfahrungen von 1989 erzählen, kann ich nur sagen, ich lag wahrscheinlich in irgendeiner Decke im Garten. Meine Mutter ist 1991 mit mir von Mühlau bei Chemnitz nach Berlin gegangen. Ich habe Berlin in dieser Aufbruchszeit erlebt. Ich kenne das alte Tacheles noch, die besetzten Häuser. Ich habe auch erlebt, wie viele aus dem Heimatdorf abgewandert sind und die Eigenheimgürtel entstanden sind. 1997 bin ich wieder zurück und habe später Abitur in Burgstädt gemacht. Ich habe also auch eine ganz gute Stadt-Land-Perspektive.
Sie haben selbst gesagt, die Deutsche Einheit sei unfertig – kann sie je vollendet sein?
Im Bergbau spricht man von Ewigkeitslasten und Langzeitaufgaben, vielleicht ist die Deutsche Einheit eher eine Langzeitaufgabe: Es braucht wohl noch einige Generationen, bis man tatsächlich dieses „Wir sind ein Volk“ lebt. Bevor das auf der emotionalen Ebene ankommt, müssen die strukturellen Unterschiede weg.
Die Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ hat dem Zukunftszentrum aufgetragen, den Blick nach Osteuropa zu weiten. Warum spielen diese Umbruchserfahrungen bisher keine Rolle in der deutschen Debatte?
Die anderen hatten diesen großen Bruder- oder Schwesterstaat nicht, an dem sich alles ausgerichtet hat. Und wahrscheinlich wollten viele auch erstmal weniger mit den postsozialistischen Ländern zu tun haben. Dabei hätte man Allianzen bilden können, aus Erfahrungen der anderen lernen.
Mit Blick auf die Slowakei, nach Polen oder Ungarn ist ja auch mindestens zeitweise eine Transformation ins Autoritäre denkbar. Was lässt sich daraus lernen?
Dass Wut ein schlechter Wahlberater ist.
Es liegt im Bereich des Möglichen, dass Sachsen-Anhalt von der AfD regiert wird, die eine kulturpolitische Wende nach dem Vorbild von Viktor Orban will. Die wichtigsten Kultureinrichtungen wehren sich, wo stehen Sie?
Das Zukunftszentrum ist ein Ort, an dem Demokratie geübt, verteidigt und gefeiert wird, deswegen sehen wir uns in einer Position, auch für Demokratie einzustehen. Als Bundeseinrichtung können wir wahrscheinlich anders agieren als Landeseinrichtungen. Im Moment haben wir zur Verwaltungsebene der Stadt einen super Draht, auch zu Bund und Land. Es ist schwer abzusehen, was passiert. Selbstverständlich lassen wir uns in die inhaltliche Arbeit aber nicht von einer Partei hineinreden.
Basil Kerski hat gesagt, mit dem Namen „Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation“ könne niemand etwas anfangen. Haben Sie einen besseren?
Noch nicht, aber wir wollen später einen finden, und wir werden das Publikum an der Suche beteiligen.