Als Christiane Kamp aus Gerresheim vor Kurzem bei ihren Eltern in alten Fotoalben blätterte, war sie überrascht. „Ich habe ein Foto gefunden, auf dem ich als 14-Jährige beim 50-jährigen Jubiläum des Reiter-Corps Gerresheim mit geritten bin. Da war ich noch gar nicht Mitglied und ich konnte mich auch gar nicht mehr daran erinnern“, sagt Kamp. Jetzt, 50 Jahre später ist sie Rittmeisterin des Corps und federführend für die Gestaltung des 100. Jubiläums zuständig. Und sie war auch wieder beim Schützenumzug zu Pferde dabei: Das Corps ist eine Gesellschaft der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Gerresheim 1427.
Auf einen eigenen Festakt verzichteten die berittenen Schützen, sie feierten im Rahmen des Gerresheimer Schützenfestes im Festzelt. „Wir haben die Organisation des Heimatabends übernommen und dafür mit unseren Mitgliedern eine Tanz- und Playback-Nummer einstudiert“, sagt Rittmeisterin Kamp. „Außerdem haben wir noch Stoff- und Steckenpferde, Hobby Horsing und Bullenreiten im Angebot.“ Als Stargäste des Abends sorgten Lieselotte Lotterlappen alias Comedian Joachim Jung für Lacher und Rainer Lieverscheidt setzte all dem ein musikalisches Sahnehäubchen auf: Ein würdiger Abend zum 100-Jährigen.
Das Reiter-Corps Gerresheim wurde anlässlich des 500. Geburtstages der St. Sebastianus Schützenbruderschaft im damals noch vergleichsweise ländlichen Stadtteil gegründet. „Das Corps war also immer ein Teil der Schützenbruderschaft“, sagt Kamp. „Das war so und das wird auch so bleiben.“ Wie bei alten Vereinen üblich erlebten auch die Reiter im Laufe der Jahrzehnte Aufschwünge und Abschwünge. In der NS-Zeit und den Kriegsjahren lag das bis dahin lebendige Vereinsleben brach und nahm erst ab 1946 langsam wieder Fahrt auf.
In den 1970er- und 1980er-Jahren kamen Gerresheimer Unterstützer und Geschäftsleute ins Corps, die zum Teil bis heute den Verein maßgeblich prägen, nicht zuletzt auch Christiane Kamp. Seit Januar 1983 ist das 1. Reiter-Corps gemeinnützig und führt seinen heutigen offiziellen Namen.
Brauchtumspflege und Jugendförderung sind seither feste und wichtige Bestandteile. Geschäftlich stand der Verein damals gut da – aber die Jugend fehlte. Im November 1988 wurde in der Gerresheimer Gazette eine Anzeige geschaltet. Vier Interessenten meldeten sich, von denen heute noch die Familie Berger/Voges mit dabei ist. „Ich wollte eigentlich immer nur reiten. Meine Eltern hatten aber mit Pferden gar nichts zu tun. Als das Reiter-Corps die Anzeige schaltete, traten mein Vater und ich ein. So kam ich endlich aufs Pferd – und mein Vater zu einem Hobby“, erinnert sich Ute Voges.
Seit 1998 fährt das Corps fast alljährlich gemeinsam auf einen Ponyhof ins Emsland. „Das ist ein Hof, wie man ihn aus Film und Fernsehen kennt, etwa aus der Serie Immenhof. Und ja, sie haben auch richtige Pferde“, sagt Kamp. „Bei der ersten Fahrt waren 35 Leute dabei. Heute sind es meist an die 70. Es ist für jeden etwas dabei, vom Kind bis zum betagten Senior. Alle haben ihren Spaß, ob auf Ponys oder im Planwagen.“
Die Gerresheimer Reiter organisieren aber nicht nur für ihren eigenen Verein Veranstaltungen, sondern sind auch immer wieder als Ausrichter für die St. Sebastianus Reitervereinigung Düsseldorf aktiv, den Dachverband fast aller berittenen Abteilungen der Düsseldorfer Schützenvereine. 2024 organisierte man etwa das Stadtringstechen auf dem Bergerhof in Lohausen. Im Jahr zuvor kam der Sieger aus den Reihen der Gerresheimer.
Und auch bei den beiden Gerresheimer St. Martins-Umzügen sind die berittenen Schützen stark engagiert. Heute sind es sechs Pferde in jedem Umzug dabei, das gibt es nur in Gerresheim. Mitglieder verwandeln sich dann in Ritter, Bischof oder begleitende Knappen. „St. Martin ist für mich das schönste Ehrenamt“, sagt Mitglied Marco Schmitz. „Strahlende Kinderaugen beim Zug durch Gerresheim und die Mantelteilung im Schatten der Basilika St. Margareta. Seit 25 Jahren darf ich das als Ritter und Bischof erleben. Und jedes Jahr ist es aufs Neue ein ganz besonderer Moment, der berührt und bleibt.“
Um an den Rekord als Bischof heranzukommen, muss Schmitz allerdings noch etwas nachlegen. Edgar Peters ritt seit seinem Eintritt ins Reiter-Corps 1954 stolze 50 Jahre als St. Martin durch Gerresheim und füllte die Rolle mit ganzem Herzen aus. So wie Christiane Kamp ihre Rolle als Rittmeisterin: „Für mich persönlich ist dieser Verein mein Herzensverein.“ Ihr persönliches Ziel mit dem Reiter-Corps steht auch schon fest. „Die 150-Jahr-Feier zu erleben, wird wohl schwierig“, sagt Kamp. „Aber 125, das könnte ja noch gehen.“