Bielefeld-Brackwede. Rente mit 70? Darüber kann Hans Laqerquist nur lachen. Nach mehr als 70 Berufsjahren ist für den gelernten Maurer und Bauunternehmer aus Bielefeld-Ummeln noch lange nicht Schluss. Er löst gerade seine Baugesellschaft auf und gründet noch eine neue Firma. Rente? Ist für ihn kurz nach seinem 85. Geburtstag keine Option.

Hans Lagerquist sitzt nahezu täglich in seinem Büro an der Queller Straße, weil es ihm noch Spaß macht. Der Schreibtisch quillt über, Rechnungen, Aufträge, Angebote. „Wir machen nur noch Flick“, sagt der Senior mit den schlohweißen Haaren. Und meint damit, dass seine beiden langjährigen Mitarbeiter, die ihm weiterhin die Treue halten, nur noch Reparaturaufträge ausführen. Früher lag der Schwerpunkt bei Gewerbebauten und Sanierungen. Den übrigen Mitarbeitern musste der Ummelner wegen der Firmenlöschung bereits kündigen.

Hinter Aktenordnern zieht der Chef eine Glasflasche hervor, in der eine Schlange schwimmt. Tot, vermutlich in Formaldehyd eingelegt. Der 85-Jährige lacht. „Die hat mir vor vielen Jahren ein Bekannter aus Österreich geschenkt, der weiß, dass ich keine Schlangen mag.“ Netter Freund. Aber der Ummelner nimmt es mit Humor. Und springt schon zur nächsten Anekdote seines prall gefüllten Lebens.

Arbeit, Ehrenamt und Sport

Hans Lagerquist, den in Bielefeld vielen Menschen aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen kennen dürften, hat viel zu erzählen. Über seinen sehr schweren Start als Flüchtlingskind in Bielefeld, über seinen beruflichen Erfolg und die harte Arbeit in all den Jahren, die ihm trotzdem immer Freude gemacht hat.

Über seinen 30 Jahre währenden Einsatz als Nikolaus – mit echtem Bart, den er sich von Sommer bis Weihnachten immer hat wachsen lassen. Über seinen Anteil am Erfolg deutscher Minigolf-Sportler und darüber, dass ohne ihn Niemöllers Mühle wohl dem Abrissbagger zum Opfer gefallen wäre.

Der Bauunternehmer, der im Vorjahr den Diamantenen Meisterbrief bekommen hat, stammt aus dem ehemaligen Ottmachau in Schlesien. Als die Familie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fliehen muss, wird der vierjährige Hans von seiner Tante, seinen vier Brüdern und dem Rest der Familie getrennt. Seine Mutter war kurz zuvor an Typhus gestorben.

Vom Flüchtlingskind zum Unternehmer


Hans Lagerquist ist als Flüchtlingskind aus Schlesien ohne Familie nach Bielefeld gekommen. Eine "Oma" seiner Pflegefamilie wohnte auf Hof Niemöller. Dort hat der kleine Hans viel Zeit verbracht und seine Liebe zur Mühle hat dort seinen Ursprung. - © Susanne Lahr

Hans Lagerquist ist als Flüchtlingskind aus Schlesien ohne Familie nach Bielefeld gekommen. Eine „Oma“ seiner Pflegefamilie wohnte auf Hof Niemöller. Dort hat der kleine Hans viel Zeit verbracht und seine Liebe zur Mühle hat dort seinen Ursprung.
| © Susanne Lahr

An der Hand eines Nachbarn landet er 1947 in Bielefeld-Quelle. Dieser ist nicht so wohlmeinend mit dem Kind. „Ich hatte es sehr schlecht“, erinnert sich Hans Lagerquist. Zwei Jahre später sei er zur Familie Kaup gekommen, die ihr neugeborenes Kind verloren hatte. Und weil eine „Oma“ auf Hof Niemöller wohnte, beginnt seine lebenslange Liebe zur Mühle.

Die übrigen Verwandten sind zunächst auf Borkum gelandet. Mithilfe des Roten Kreuzes habe man später wieder zueinandergefunden. Hans Lagerquist bleibt dennoch bei seinen Pflegeeltern. Später zieht sein ältester Bruder nach Bielefeld. Und dieser habe ihm Opas Wunsch übermittelt, der Enkel möge sich nach der Schule doch einen Beruf im Handwerk suchen.

Der Opa wollte, dass Hans Lagerquist Handwerker wird

„Der Opa war Bauingenieur, fünf seiner sieben Brüder haben auf dem Bau gearbeitet“, schildert Lagerquist die Familientradition. Zimmermann sollte er werden, aber er entscheidet sich für eine Lehre als Maurer im Betrieb Rosenfeld in Bielefeld. Eine Firma, die er später sogar übernommen hat. „Ich habe mich heimlich weitergebildet und Fernkurse belegt, beispielsweise in technischem Zeichnen oder Statik.“

Dann kommt die Einberufung zu den Panzergrenadieren nach Augustdorf. Dabei will der junge Hans Lagerquist lieber einen Meisterkurs belegen. Was er trotzdem – wiederum heimlich – nebenbei auch anfängt. Weil der Obergefreite für die eine oder andere Prüfung aber doch frei braucht, überzeugt er einen Vorgesetzten durch seinen Fleiß, das zu erlauben.

62 Jahre mit seiner Brigitte durch Dick und Dünn

Bewegtes Leben: Bekannter Bauunternehmer Hans Lagerquist arbeitet auch mit 85 Jahren noch

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In dieser Zeit verlobt sich der junge Mann mit seiner Brigitte, die er 1961 kennengelernt hat und mit der er letztlich 62 Jahre durch Dick und Dünn gegangen ist. „Das war schon was Gutes“, sagt Hans Lagerquist mit einem versonnenen Blick auf das Porträt seiner Frau im Wohnzimmer, die vor zwei Jahren verstorben ist. Sie hat die Buchhaltung der Firma gemacht, unterstützte und teilte das ehrenamtliche Engagement ihres Mannes. So war sie lange Jahre auch 2. Vorsitzende des Fördervereins von Niemöllers Mühle.

Im Juni 1965 überrascht Hans Lagerquist seinen damaligen Chef Pätzold mit dem Meisterbrief. „Einen Meisterlohn konnte er mir nicht zahlen“, erinnert sich die 85-Jährige. Stattdessen habe er ihm vorgeschlagen, sich selbstständig zu machen. Der Gewerbeschein datiert vom 15. Juli 1965. „Damals habe ich fast nicht geschlafen“, schildert Lagerquist. „Ich habe bei Pätzold gearbeitet, nebenbei und daran, mein eigenes Gewerbe aufzubauen. Am 1. Juni 1966 habe ich die ersten beiden Mitarbeiter eingestellt.“

Die junge Firma ist Untermieter bei einem Ummelner Kohlenhändler, hat kein Telefon. „Auf einen Anschluss hat man damals drei bis vier Jahre gewartet.“ Darum zieht Hans mit seiner Brigitte in die neugebaute Sennestadt. „Die gekaufte Etagenwohnung war leer, aber wir hatten dort Telefon“, sagt Lagerquist und lacht herzhaft.

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Der erste Großauftrag ist für Unternehmer Ortwin Goldbeck


Hans Lagerquist ist noch täglich in seinem Büro. Wasserwaagen in der Größenordnung wie diese gelbe, liegen als "Spielzeug" auf seinem Schreibtisch. - © Susanne Lahr

Hans Lagerquist ist noch täglich in seinem Büro. Wasserwaagen in der Größenordnung wie diese gelbe, liegen als „Spielzeug“ auf seinem Schreibtisch.
| © Susanne Lahr

Sein erster Großauftrag ist für Goldbeck. „Die erste Halle in Ummeln habe ich für Ortwin Goldbeck gebaut. 1.500 Quadratmeter, das war ein echtes Abenteuer.“ Nebenbei bemerkt Lagerquist, dass er damit länger selbstständig sei als der bekannte Ummelner Unternehmer, der über die Jahre einen erfolgreichen Baukonzern mit 13.000 Mitarbeitenden aufgebaut hat (2.500 davon in Bielefeld). Er wiederum hat sich auf Umbau und Renovierung von Industriekomplexen spezialisiert.

Angesehen in seinem Metier habe er das deutsche Handwerk einmal sogar bei der berühmten Steubenparade in New York vertreten, mit der jährlich die deutsch-amerikanische Freundschaft gefeiert wird. Die Delegation der Handwerkskammer mit 70 bis 80 Personen habe damals fast das ganze Flugzeug gefüllt. „Ich war dort einer von zwei Leinewebern“, erzählt Lagerquist, „neben Schlachtermeister Fritze Schürmann.“

1983 ziehen Lagerquists an die Queller Straße 152 nach Ummeln, bauen Brigittes Elternhaus um- und aus, setzen eine Halle dran. Da ist die Firma, vor allem nach der Rosenfeld-Übernahme, schon deutlich gewachsen. „In der Spitze habe ich rund 40 Leute und dazu Subunternehmer beschäftigt“, sagt der 85-Jährige stolz, der später auch noch das Pätzold-Gelände übernimmt. Dabei habe er aber immer sparsam gelebt, „nie auf großem Fuß“. Für die Firma aber immer das Beste: bei den Werkzeugen, früh PCs im Büro, Funk in den Firmenwagen.

Für die Tochter pachtet er einen eigenen Minigolf-Platz

Tochter Britta kommt 1968 auf die Welt. Mit ihr kommt er dann in Kontakt mit der Minigolf-Welt, als in Sennestadt 1980 die Anlage an der Travestraße gebaut wird. Erst muss der Papa mitgehen, dann ist er ruckzuck die nächsten zwölf Jahre Sport- und Pressewart beim Minigolf-Club Sennestadt und acht Jahre Landessportwart.

„Als Spieler war ich mäßig“, erzählt Hans Lagerquist fröhlich, „als Trainer aber war ich gut.“ Das Wissen dafür eignet er sich an der Sportschule Kaiserau (Kamen) an. Seine Tochter wird mehrfache Deutsche Meisterin und Jugend-Europameisterin. Damit diese richtig trainieren kann, pachtet der Ummelner 1991 sogar eine Miniaturgolf-Anlage an der Friedhofstraße in Bielefeld-Senne, bringt diese auf Vordermann und betreibt sie mehr als 20 Jahre.

Tochter Britta ist auch bei der Rettung von Niemöllers Mühle Ende der 1980er Jahre an Vaters Seite. Sie gehört zu den Maurerlehrlingen des Brackweder Handwerkerbildungszentrums, die unter Leitung ihres Vaters über drei Jahre das Mauerwerk der Wassermühle wieder instandsetzen. Als zuvor mitten in die Gründungsversammlung eines Mühlenvereins die Nachricht hereinplatzte, die Mühle werde abgerissen, habe er sich nicht damit abfinden können, erzählt Hans Lagerquist. „Ich bin schließlich dort auch großgeworden.“

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Schlaflose Nächte wegen der Verantwortung von NIemöllers Mühle

Er kann den damaligen Leiter des Bielefelder Hochbauamtes, Rolf Oberschelp, und die Brackweder Politiker überzeugen, diesen Weg mitzugehen. Die Stadt, der die Mühle seit 1980 gehört, habe nur die Materialkosten von rund 120.000 Mark gezahlt, „und ich hatte die ganze Verantwortung“. Er habe deshalb so manche schlaflose Nacht gehabt, schildert Lagerquist.

Natürlich gehört das Ehepaar dann auch 1991 zu den Gründungsmitgliedern des Fördervereins der Freunde von Niemöllers Mühle und gestaltet den weiteren Weg mit. In der Ummelner und Queller Gemeinschaft sind sie ebenfalls aktiv. „Hans Lagerquist ist ein großartiges Beispiel bürgerschaftlichen Engagements, ohne seine Person nach vorn zu stellen“, lobt Regina Kopp-Herr, Ummelnerin und ehemalige Bezirksbürgermeisterin Brackwedes. „Er ist ein großes Vorbild.“

Tochter Britta übernimmt nicht den Familienbetrieb

Ein Plan, der im Leben von Hans Lagerquist nicht aufgegangen ist, ist, dass Tochter Britta die Firma übernimmt. Sie hat noch einmal den Beruf gewechselt, ist Medizinisch-Technische Assistentin und lebt seit mehr als 30 Jahren in Kiel. An diesem Tag ist sie angereist, um ihrem Vater, der in zunehmendem Maße auf den Rollator angewiesen ist, für ein paar Tage zur Hand zu gehen.

Dieser sitzt am Küchentisch und blättert durch Alben und Dokumenten, durch sein Leben. Erzählt von den vielen Familienhunden, die aus dem Tierheim kamen, von seinen Tauben, Waldkauz Olli, den er aufgezogen hat, von Reisen mit seiner Brigitte. „Wir haben alles gemeinsam entschieden“, sagt er leise. Sie fehlt, jeden Tag.

Hans Lagerquist setzt sich dennoch an seinen Schreibtisch mit dem Schlangenglas und macht weiter. Den Eisernen Meisterbrief nach 65 Jahren gäbe es auf alle Fälle 2030. Platz dafür ist noch an der Wohnzimmerwand.

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INFORMATION

Meisterjubiläen

Im Jahr 2025 hat Hans Lagerquist nach 60 Jahren den diamantenen Meisterbrief der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe erhalten. Dieses Jubiläum ist in Ostwestfalen-Lippe gar nicht so selten, wie Sprecher Jan Banze erklärt. Im Schnitt würden rund 50 dieser Meisterbriefe im Kammerbezirk ausgestellt, davon 90 Prozent in Ostwestfalen Lippe. Auch eiserne Meisterbriefe kämen regelmäßig vor.

Es sei auch nicht ungewöhnlich, dass die Meister in ihren Firmen auch noch im hohen Alter aktiv seien. „Aber dann eher in geringerem Umfang.“ Dass jemand wie Hans Lagerquist noch mit 85 Jahren täglich ins Büro geht und seine kleine Firma am Laufen hält, sei eher ungewöhnlich. „Es ist ihr Lebenswerk, sie haben Spaß an der Arbeit“, weiß Banze. Manchmal sei aber auch die Absicherung im Rentenalter der Grund. (SL)