„Es ist ein unausgesprochenes und auch ein nicht gewürdigtes Thema“, sagt Mercedes Riba. Die Schriftstellerin und ihre Mitstreiter Matei Chihaia und Carmen Pérez González sind mit dem Projekt „Der Erinnerungsfaden. Spanische Arbeiterinnen und Arbeitskultur in der Textilindustrie Nordrhein-Westfalens“ einen längt fälligen Schritt gegangen. Die Ankunft der ersten spanischen Arbeiterinnen in Remscheid-Lennep jährt sich 2026 zum 66 Mal und bleibt bis heute ein lebendiges Stück Geschichte. Bei der Ausstellungseröffnung in der Bibliothek der Bergischen Universität Wuppertal sind neben Kolleginnen und Kollegen aus der Forschung sowie den beteiligten Studierenden viele Zeitzeuginnen und ihre Angehörigen gekommen. Für Carmen Klein, gebürtige Baz Gomez, ist Deutschland zur zweiten Heimat geworden, hier hat sie eine Familie gegründet. Wenn ihre Stimme im animierten Film des iranstämmigen Animationskünstlers Alireza Darvish bei der Eröffnung zu hören ist, können viele Anwesende die Tränen nicht zurückhalten. Der Film – eine Kombination aus dokumentarischen Aufnahmen und Animation – erzählt die Geschichte der ersten in der Tuchindustrie erfahrenen Arbeiterinnen aus dem westspanischen Bejár.
Die Ausstellung bietet eine dokumentarische Rekonstruktion dessen, wie das Migrationsabkommen zwischen der spanischen und der deutschen Regierung zunächst scheiterte, aber das spanische Migrationsinstitut an seine Stelle trat, um Arbeiter direkt an deutsche Unternehmen zu vermitteln. Der Personalchef des Unternehmens Johann Wülfing und Sohn spielte eine zentrale Rolle darin, die Arbeiterinnen mit Erfahrung in Spinnerei und Tuchproduktion nach Lennep zu holen. Von ihm stammen auch die Aufnahmen von der ersten Busreise 1960, die in die Schau und den Film mit eingeflossen sind.
Die Ausstellung erzählt von der Reise: Unter damaligen Umständen und Straßenverhältnissen fuhr der Bus in drei Reiseetappen aus jeweils 17 Stunden 2000 Kilometer. Die Fotos zeigen junge Frauen auf der Fahrt und an den sogenannten Versorgungsstellen, da es damals noch keine Raststätten gab. Einige blicken ernst, einige lachen. Der Moment, an dem sie im Bus anfangen zu singen, um sich gegenseitig Mut zu machen, ist im Film festgehalten.
Es war alles andere als selbstverständlich und gesellschaftlich akzeptiert in der Franco-Diktatur, als junge unverheiratete Frau allein wegzuziehen. Entsprechend waren die Auflagen: Eine per Video zugeschaltete Zeitzeugin erzählt, dass Nonnen die Arbeiterinnen begleiteten, um ihre Sittlichkeit in Deutschland zu überwachen. Mit Sorge und Trauer verließen die Frauen ihre Heimat und es war auch ein trauriges Land, das sie vorfanden, erinnert sich Mercedes Riba: „Das war eine sehr traurige Gesellschaft und diese spanische Folklore hat Leben gebracht.“
Zwischen März 1960 und Oktober 1962 stellten die Wülfing Werke etwa 700 Personen aus der Provinz Salamanca ein. Drei Produktionsstätten: Die Kammgarnspinnerei in Lennep, die Tuchfabrik in Dahlerau im Tal der Wupper und die Spinnerei Hardt, Pocorny und Co. in Dahlhausen harrten der Verstärkung.
Als Ausgangspunkt diente Matei Chihaia und seinen Mitstreiterinnen die Graphic Novel „Nieve en los bolsillos“ (deutsch: „Schnee in den Taschen“) von Joaquim Aubert Puigarnau, bekannt als Kim, erzählte der Professor für spanische und französische Literaturwissenschaft. Er initiierte dazu eine Ausstellung und lernte die Forscherin Mercedes Riba aus Madrid kennen. Mit Carmen Pérez González vom Interdisziplinären Zentrum für Wissenschafts- und Technikforschung (IZWT) bekamen sie Fördermittel des spanischen Ministeriums für Kultur im Rahmen seines Programms Hispanex.
Ribas Buch „Die Emigration aus Béjar nach Deutschland (1960-1973). Eine soziologische Annäherung“ wurde zur Grundlage für die neue Ausstellung. Diese wurde von Carmen Pérez González mit den Studierenden der geisteswissenschaftlichen Fakultät kuratiert. Im Oktober findet im Deutschen Werkzeugmuseum in Remscheid eine wissenschaftliche Tagung und im Museum Haus Cleff eine erweiterte Schau statt.