Die Flanke eines Pferdes ist verletzt

Stand: 09.06.2026 06:30 Uhr

In Niedersachsen sollen Pferde von einem professionellen Trainerpaar, sogenannten Bereitern, gequält worden sein. Ehemalige Tierpflegerinnen haben sie angezeigt. Die Oldenburger Justiz ermittelt.

von Fritzi Blömer

Sherelyn Yegin und Lucy Büker erheben schwere Vorwürfe: Die beiden waren als Pferdepflegerinnen bei den Bereitern angestellt und haben mehrere Vorfälle mitbekommen. Der genaue Ort ist dem NDR bekannt, darf aber nicht genannt werden. Yegin erzählt zum Beispiel von einer Situation, in der ihre Chefin ein Pferd mehrfach mit einer Schaufel geschlagen habe. Wenn die Tiere nicht gehorcht hätten, sei oft die Peitsche zum Einsatz gekommen. Die Trainer seien generell sehr hart mit den Tieren umgegangen. Yegin sagt: „Die Pferde wurden so gebrochen, dass sie am Ende alles gemacht haben.“

Bilder zeigen deutliche Verletzungen

Zwei Pferdepflegerinnen stehen auf einer Koppel und schauen aufs Handy

Sherelyn Yegin (l.) und Lucy Büker haben einige Aufnahmen heimlich gemacht und sie später den Behörden übergeben.

Der Einsatz von Sporen, Peitsche und sogenannten Schlaufzügeln im Training ist nicht verboten. Vielmehr geht es darum, wie sie eingesetzt werden, erklärt Michael Köhler, Präsident der Gesellschaft für Pferdemedizin. Hilfen des Reiters dürften nie mit Schmerzen des Pferdes einhergehen. „Sie müssen so vorsichtig eingesetzt werden, dass es keine Verletzungen gibt“, sagt Köhler, der seit Jahrzehnten als Tierarzt auf internationalen Turnieren unterwegs ist. Dem NDR liegen Aufnahmen vor, die Verletzungen an Flanke, Hinterteil und auch im Maulwinkel zeigen.

Stellungnahme: Aufnahmen sind nicht zuzuordnen

Pferdemediziner Michael Köhler schaut sich Aufnahmen auf einem Tablet an

Pferdemediziner Michael Köhler schaut sich die Aufnahmen an, die dem NDR vorliegen.

Das Bereiterpaar weist die Anschuldigungen zurück: Die Fotos seien keinem Berittpferd des Ausbildungsstalls zuzuordnen. „Bei einer unangekündigten Überprüfung durch das Kreisveterinäramt wurden bei gezielten Untersuchungen keine Verletzungen (…) an den Berittpferden festgestellt,“ teilt eine Anwältin mit. In den 18 Jahren der beruflichen Tätigkeit habe es außerdem keine Rüge oder gleichartige Ahndung wegen Regelverstößen gegen die Leitlinien der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) gegeben. Tatsächlich aber läuft nach NDR Informationen wegen der Vorwürfe der Pflegerinnen derzeit ein Disziplinarverfahren bei der FN.

Training im Pferdesport wird nicht kontrolliert

Auf dem Hinterteil eines Pferdes sieht man Striemen von einer Peitsche

Eine Peitsche darf im Training nur als leichte Hilfe eingesetzt werden. Striemen wie diese dürfen nicht zurückbleiben.

Die Verletzungen auf den Fotos, die die Pflegerinnen gemacht haben, hält Michael Köhler für strafrechtlich relevant. Anders sieht es mit Trainingsvideos aus, die dem NDR ebenfalls vorliegen. „Der Reiter nutzt alle drei Hilfen: Sporen, Peitsche und Schlaufzügel und wirkt mit ordentlicher Kraft auf den Maulbereich ein“, beschreibt Köhler. Aber: Die Aufnahmen seien zu kurz, um sie genauer beurteilen zu können. Das trifft einen wunden Punkt im System: Das Training in Reitställen wird nicht überwacht. Bei Kontrollen des Veterinäramts gehe es meist um den Zustand der Tiere, so Köhler.

„Zur Not muss man die Behörden einschalten“

Das verletzte Maul eines Pferdes bei einer Zahnuntersuchung

Diese Aufnahme stammt von einer zahnärztlichen Untersuchung. Die Schleimhaut ist laut Köhler auf beiden Seiten stark beeinträchtigt.

Auf Reitanlagen gilt das Hausrecht. Verbände wie die Deutsche Reiterliche Vereinigung dürfen dort gar nicht kontrollieren. Umso wichtiger ist es deshalb laut Köhler, dass alle Beteiligten – gerade Veterinäre – genau hinschauen. „Da muss man dann manchmal eben auch in die Diskussion gehen und zur Not die Behörden einschalten.“ Zwar unterliegen auch Veterinäre der Schweigepflicht, laut Köhler endet die allerdings bei Tierschutzverstößen. Die Hauptverantwortung sieht Köhler am Ende auch bei den Besitzern der Pferde. Regelmäßige Besuche im Ausbildungsstall seien wichtig, findet der Veterinär.

Besitzer sollten genauer hinschauen

Das hätten sich auch Sherelyn Yegin und Lucy Büker in ihrer Zeit als Pflegerinnen gewünscht. „Wir haben immer gesagt: Hoffentlich nehmen die mal die Decke runter.“ Aber häufig hätten die Besitzer nur kurz in die Box geschaut. Die beiden wissen: Auch sie haben lange geschwiegen. Erst als sie nicht mehr für die Bereiter gearbeitet haben, haben sie die beiden angezeigt. Lucy erklärt: „Ich wusste es einfach nicht besser. Ich hatte keine Erfahrung und dachte ‚das muss so‘.“ Das Erlebte beschäftigt die beiden sehr: Sie können sich nicht vorstellen, noch einmal in einem Stall zu arbeiten.

Ein Pferd wird über ein Hindernisparcours geritten.

Reiten

Blutspuren am Pferd führten bisher zum Ausschluss bei Wettkämpfen. Jetzt lockert der Weltreiterverband die Regel und löste in Deutschland Protest aus. Doch team.recherche zeigt: Die Probleme beginnen schon im Breitensport.

Frau liebkost Pferd

„Reitsport – zwischen Lieben und Quälen“ stellt unbequeme Fragen an eine Branche, die Tierliebe für sich reklamiert und konfrontiert sie mit ihrer Verantwortung.