
Stand: 09.06.2026 18:50 Uhr
Singen bringt Menschen zusammen: ob als viral gehender Mädchenchor Hamburg, als rappender Seniorenchor, als experimenteller Gesang oder als riesiges Liederfest in Litauen. Das Singen im Chor ist weit mehr als ein Hobby.
Der Mädchenchor Hamburg ist mit der Performance von „Fire“ in der Elbphilharmonie letztes Jahr viral gegangen: Der Beitrag hatte auf Instagram mehr als 18 Millionen Klicks für Frauenpower und Female Rage.
„Diesen Wahnsinn hätte ich mir natürlich nie erträumt. Ich habe zum ersten Mal verstanden, was das überhaupt heißt: viral zu gehen“, erklärte die Chorleiterin Gesa Werhahn. Dabei habe „Fire“ mit Frauenpower eigentlich nichts zu tun. „Das Stück drückt die Angst und die Urgewalt und die Kraft von Feuer aus“, sagt die Chorleiterin.
Video:
Mitten ins Herz: Der Mädchenchor Hamburg (5 Min)
Mädchenchor Hamburg: Wut der Woche rausschreien
„Das ist schon ein Stück, wo man einfach alles rauslassen kann und jeder sein eigenes Thema besingt“, betont Clara Emami vom Mädchenchor. Auch für Helen Streng ist das Singen manchmal ein Ventil. „Vielleicht mal die Wut der Woche einfach mal rausschreien. Das hat natürlich total viel Energie.“
Ob entfesselte Kraft oder ganz zart, ob in Konzerthallen oder in Kirchen: Dieser Chor ist einfach mitreißend. Gut 60 Sängerinnen proben in der Jugendmusikschule in Hamburg. Vor über 20 Jahren von Gesa Werhahn gegründet, ist dieser Chor inzwischen eine der ersten Adressen der Stadt mit einem breiten Repertoire aus klassischer Musik und zeitgenössischer Musik, Popsongs, Volksliedern und Kirchlichem.

Gesa Werhahns Chor der Jugendmusikschule traut sich an experimentelle Stücke. Der Auftritt in der Elbphilharmonie mit dem Stück „Fire“ erzielte 17 Millionen Aufrufe auf Instagram.
„Heaven can Wait“: Mitsingen im Lübecker Chor ab 70 erlaubt
Beim „Heaven Can Wait Chor“ ist das Motto: rappen und rocken statt Ruhestand. Erst ab 70 Jahren darf man mitmachen. Der Senioren-Chor aus Lübeck singt keine Volkslieder, sondern die Charts rauf und runter – und geht dabei ziemlich ab. Wenn die alten Sängerinnen und Sänger „Rage Against The Maschine“ performen, fühlt man: Hier wird das Leben gefeiert!
Lebensbejahendes Repertoire
Gegründet hat den Seniorenchor Jan-Christof Scheibe. Er nimmt Songs von Lea, Marteria oder Zartmann ins Chorrepertoire auf. Beim Aussuchen der Stücke schaue er auf ein junges Lebensgefühl. „Ich suche auch nach lebensbejahenden Liedern, weil man mit älteren Leuten auch oft so eine Griesgrämigkeit assoziiert, die gar nicht da ist. Am Anfang werden diese Lieder ja meistens ganz schlimm gefunden. Oh Gott, das ist ja alles ganz lärmig, das ist ja nur Rap und so. Und dann irgendwann entwickelt sich so eine Liebe zu den Liedern und auch eine Identifikation damit.“
Rock gegen Polizeigewalt und Rassismus
„Wenn die älteren Leute möchten, dass die Jugend mal ein Rilke-Gedicht auswendig lernt, dann sollte auch die ältere Generation mal einen Rap drauf haben, dann ist auch der Dialog mit den jungen Leuten viel einfacher“, so Scheibe. Sogar an politischen Rock gegen Polizeigewalt und Rassismus trauen sie sich ran mit „Killing in the Name“ von Rage Against The Machine.
Die Chorsängerin Karin von Matzenau ist begeistert, nicht nur von den klugen Texten, wie sie sagt. „Es ist für uns alle ein großes Geschenk, denn in unserem Alter so was zu machen, sichtbar zu sein. Und wir sind auf einmal sichtbar.“ Und zwar mit viel Lebensmut, Energie und Freude – das ist einfach nur inspirierend.
Eric Whitacre: Singen als transzendentes Erlebnis
Eric Whitacre ist ein Star in der Welt der Chöre, als Dirigent und als Komponist. Der Amerikaner lebt in Antwerpen. „Wenn eine Gruppe von Menschen gleichzeitig atmet, sich gemeinsam bewegt, dann ist das auch für Zuhörende ein transzendentes Erlebnis.
Das spricht den tiefsten Kern eines Menschen an. Da wird man Teil von etwas, das größer ist als man selbst“, sagt der Komponist.
Die Mächtigen der Welt in Chor singen lassen
Im Chor bleibe man bleibt zwar ein Individuum, lausche aber zugleich den Menschen um sich herum und verschmelze in jedem Augenblick mit ihnen, sagt er.
„Das verändert einen Menschen. Ginge es nach mir, würde ich alle Mächtigen der Welt jeden Morgen 30 Minuten lang in einem Chor singen lassen. Die Welt wäre dann ein anderer Ort.“
Ein Bach-Choral in Zeitlupe
Whitacre komponiert Klangwelten zwischen Pop und klassischem Choral und die werden an den renommiertesten Häusern aufgeführt. Er schafft schwebende, leuchtende Atmosphären und Momente der Stille. Er lässt sich immer wieder auf neue Formate und Klang-Experimente ein. In Barcelona dirigiert er einen Chor, der in Zeitlupe ein Stück von Bach singt.
„Man nimmt den Bach-Choral ‚Komm, süßer Tod‘ – singt ihn auf Englisch einmal so, wie Bach es vorgesehen hatte. Dann beginnt man das Stück erneut – und diesmal führt jeder eine Handbewegung aus, alle setzen gleichzeitig ein, singen jedoch unterschiedlich langsam. Der Effekt ist irre: als ob man mit der Hand über ein noch feuchtes Ölgemälde wischt und die Farbe verschmiert.“

Der 84 Jahre alte katalanische Gambist und Musikwissenschaftler hat am 23. Mai den Ernst von Siemens Musikpreis erhalten.
Politisches Liederfest am 6. Juli in Vilnius mit mehr als 20.000 Kindern
Singen im Chor kann sehr politisch sein: in Litauen sind die großen Liederfeste eine Selbstbehauptung der eigenen Kultur.
Wenn am 6. Juli in Vilnius 23.500 Kinder und Jugendliche in einem riesigen Chor singen, soll das auch ein Statement sein gegen die latente Bedrohung durch Russland. Zur „Dainų šventė“ versammeln sich zehntausende Menschen. Sie bilden einen riesigen Chor und feiern über mehrere Tage die Kultur und Traditionen ihres Landes. Schon lange engagiert sich die Musikmanagerin Ieva Krivickaitė für das Großereignis.
„Ich bin damit aufgewachsen. Seit ich klein bin, singe ich im Chor der 10.000 Stimmen. Eine Erfahrung, die mich definitiv geprägt hat. Sie hat meine Werte beeinflusst und mir gezeigt, was alles möglich ist. Singend neben so vielen anderen auf dieser Bühne zu stehen, ist einfach ein magisches Erlebnis“, so Krivickaitė.
Singen in handgenähten Trachten
Singen hat in Litauen, wie im gesamten Baltikum, eine besondere Bedeutung. Ist immer auch politisch. Von der Hauptstadt Vilnius aus koordiniert Ieva Krivickaitė mit ihrem Team das Gesangsfestival, verbindet Chöre aus dem ganzen Land miteinander.

Beim Liederfest in Litauen feiern die Menschen die Tradition und Kultur des Landes.
Das Liederfest ist immaterielles Unesco-Weltkulturerbe. Gegründet in Kaunas im Jahr 1924 feierte das Festival gerade seinen 100-jährigen Geburtstag. Damals sollte es die Menschen wieder mit ihren kulturellen Wurzeln verbinden. Dazu gehören auch traditionelle Tänze in handgenähten Trachten.
„Das ist nicht einfach nur ein Stück Kleidung. Es ist ein Schatz, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Man trägt die Tracht auf der Bühne, zu traditioneller litauischer Musik, oder zu besonderen Anlässen“, erklärt die Musikmanagerin. Im Chor singen, um die Stimme zu erheben, für die eigene Kultur und für die Freiheit.
Mit Informationen von Natascha Geier, Stefan Mischer und Julia Rau. Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in der arte Mediathek in der Sendung „Coole Chöre“ der Reihe Twist.

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