Hallo! Haaallo! HAAALLO! Irgendwer ruft da, immer wieder tönt ein suchendes, schon ziemlich heiseres Hallo durch das Foyer von Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten in Berlin. Es kommt aus der hinteren linken Ecke der Eingangshalle, aus genau jener Ecke also, wo sich auch die Tür zum Amtszimmer von Frank-Walter Steinmeier befindet. Braucht da jemand Hilfe? Der Bundespräsident selbst?

Wer dem »Hallo« folgt, bemerkt, dass es durch ein kleines Gitter am Boden schallt, aus den Heiz- und Belüftungseingeweiden des Schlosses. Nur ein sehr kleiner Bundespräsident würde da hineinpassen. Tatsächlich ist unter dem Gitter ein Lautsprecher versteckt, der die Tonspur eines Films abspielt, mit dem der Künstler Jochen Gerz 1972 eine seiner Performances dokumentiert hat: Rufen bis zur Erschöpfung lautet der Titel dieses Werks, der den fast zwanzigminütigen Vorgang auch passend beschreibt. Gerz ist eines von zwanzig Mitgliedern der Berliner Akademie der Künste, die ab dem 13. Juni für zwei Wochen ihre Kunst im Schloss Bellevue zeigen. Es ist eine sogenannte Pop-up-Ausstellung, eine Zwischennutzung der repräsentativen Räume des Amtssitzes, bevor das Schloss für acht Jahre saniert und renoviert wird. Der Eintritt in den »Freiraum Kunst«, so heißt die Ausstellungsaktion, ist gratis und der Ansturm auf die Onlinetickets so groß, dass er kurz die Server zusammenbrechen ließ. Angezogen wird das Publikum vermutlich nicht nur von der Kunst eines Jochen Gerz, sondern von der Möglichkeit, einmal dort herumlaufen zu dürfen, wo sonst Könige und Präsidentinnen empfangen werden. 

In dem größten Saal hingen bislang zwei gigantische Kissenbilder von Gotthard Graubner, abstrakte Farbflächen in Lila und Gelb, die der Maler 1988 vor Ort im Auftrag des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker gemalt hatte. Jetzt sieht man an den Wänden nur noch Bohrlöcher und leichte Verdunklungen, die den Umriss der voluminösen Bilder erahnen lassen. Projiziert wird auf diese Wand, vor der Kanzler ernannt und Minister entlassen wurden, die Videoarbeit Capable von Ayşe Erkmen. Erkmen hat schon 2019 mit einer Bitmoji-App Avatare ihrer selbst produziert, man sieht ihr Comic-Ich Dinge tun, die ihr wahres Ich nicht beherrscht. Beispielsweise Tuba spielen. Oder auf einem Teppich fliegen. Im Schloss Bellevue beantwortet ihr Avatar die Frage nach dem »Why«, dem großen Warum – indem das Erkmen-Emoji entschuldigend die Hände hebt.

Frank-Walter Steinmeier verteidigte am Montag vor der Presse die Freiheit der Kunst – in seinem Rücken Monica Bonvicinis Collage »Hard String« von 2017. © Courtesy the artist/​ VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Markus Schreiber/​AP/​dpa

Denn darum geht es hier, sagt Anh-Linh Ngo, der als Vizepräsident der Akademie der Künste die kurzfristig einberaumte Ausstellung mitkuratiert hat: Die Kunst soll und kann keine eindeutigen Antworten, keine Erklärungen und keine politischen Parolen liefern. Diese Ausstellung, bei der die leer geräumten Säle des Schlosses mindestens ebenso wichtig sind wie die Kunst selbst, möchte vielmehr ein Augentraining sein, der Versuch, den von der Politik verlassenen Raum einmal anders zu betrachten. Die Kunst darf wieder das leisten, so der Wunsch der Kuratoren, was sie am besten kann: die Urteilskraft stärken. Durch bloßes Anschauen und Darüberreden.

Da war Bellevue noch möbliert: Wolfgang Tillmans Foto »Schlossbesuch, 2026« hängt nun an einer der kahlen Wände.
© Courtesy the artist/​ VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Wolfgang Tillmans

Einen der kahlen Räume, aus denen die bisher hier hängenden Gemälde, die Teppiche und Möbel eingelagert wurden, hat der Fotograf Wolfgang Tillmans übernommen. Auch er zeigt – neben seinen abstrakten Farbspielen auf Fotopapier – zwei Szenen von einem Strand am Teufelssee im Berliner Grunewald, wo sich die Menschen und Geschlechter friedlich auf einer grünen Wiese lagernd mischen. Auf einem großformatigen Abzug porträtiert Tillmans dazu einen Bund Spargel, doch anders als auf den berühmten Spargelgemälden von Édouard Manet aus dem Jahr 1880 ist der Spargel bei Tillmans grün, krumm gewachsen und wird von einem zarten, pinken Gummiband zusammengehalten. Auch dieses Spargelbild kann als Gesellschaftsporträt gelesen werden, schaut man es nur lang genug an. Genauso wie die in Bronze gegossene japanische Sexpuppe, die Alexandra Bircken auf eine Stahlkonstruktion mit Eisenrädern gesetzt hat und als eine feministische Kritik an der Zurichtung von Frauenkörpern durch den Blick von Männern verstanden werden kann.

Alexandra Bircken hat »Trolley I mit Eva«, eine Installation von 2026 mit einer in Bronze abgegossenen Sexpuppe, in den präsidialen Amtssitz gestellt. © Courtesy the artist/​ VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Tobias Timm/​ DIE ZEIT

In dem einzigen Raum, der in den kommenden Wochen eventuell noch für offizielle Termine genutzt werden soll und deshalb ursprünglich frei von Kunst bleiben sollte, hat die Künstlerin Karin Sander einen – hallo! – tatsächlich sehr kleinen Bundespräsidenten auf einen Sockel gestellt: Frank-Walter Steinmeier im Maßstab 1:5. Die repräsentative Staatsmacht im Puppenformat. Doch ist Steinmeier hier schon total ergraut, nicht nur das Haar, sondern der gesamte Körper in Graustufen 3D-gedruckt. Womöglich soll diese Farbwahl an Marmor erinnern, der kleinen Figur einen ironisch-monumentalen Touch geben. Die Farblosigkeit wirkt aber auch wie ein ziemlich böser Kommentar auf Steinmeier selbst.

»Eine Demokratie ohne freie Kunst verliert die Fähigkeit zur Selbstkritik. Und eine Kunst ohne Freiheit verliert ihre gesellschaftliche Relevanz«, sagte Steinmeier am Montag bei der Pressevorbesichtigung der Ausstellung. »Wir haben niemandem Vorschriften gemacht«, bekräftigte der Akademiepräsident Manos Tsangaris, die Künstlerinnen und Künstler hätten völlige Freiheit gehabt. Die Freiheit der Kunst leide übrigens auch dann, so Tsangaris, wenn sie nur noch als »Illustrationsmittel« für gesellschaftspolitische Thesen missbraucht werde.

Mitarbeiter des Künstlers Christian Awe gestalteten das weithin sichtbare Dach von Schloss Bellevue um. © Bernd von Jutrczenka/​dpa

Ein wenig also wie die Arbeit des Künstlers Christian Awe. Als überdeutliche Illustration der Freiheit der Kunst hat er das Dach von
Bellevue mit einer blauen Plane überziehen lassen. Neben einigen
Riesenfarbklecksen schmücken jetzt die Worte: »Freiraum Kunst« das weithin
sichtbare Dach. Awe gehört mit dem Street Artist El Bocho und dem pastos
malenden Christopher Lehmpfuhl zu den ursprünglichen Ideengebern der
Kunstzwischennutzung in Bellevue – die drei sind keine Mitglieder der Akademie,
sie waren als Initiatoren quasi gesetzt für die Auswahl. Leider erinnert Awes
Plane in ihrer Ästhetik jetzt an die Fassadenwerbung eines Mobilfunkunternehmens.
Womöglich zeigt sie aber auf ganz eigene Art Wirkung auf dieser Baustelle der
Demokratie: als Abdichtung nämlich. Irgendwo, so hörte man, soll es ins Schloss
Bellevue reinregnen.