Europas größtes Rüstungsprojekt ist Geschichte. Das ist auch symbolisch ein Rückschlag. Woran das deutsch-französische Vorhaben scheiterte – und wie es nun weitergehen könnte.

Das FCAS-Projekt kommt über die Modellphase nicht hinaus. Reuters/Charles Platiau
09.06.2026 um 16:17
Wien/Berlin/Paris. Es ist noch nicht lange her, da bezeichnete Boris Pistorius das europäische Kampfjet-Projekt FCAS als ein „Mega-Zukunftsprojekt, das zum Erfolg verdammt ist“. Am Dienstag rückte er schließlich aus, um das Scheitern des deutsch-französisch-spanischen Vorhabens zu erklären. Als Grund führte der deutsche Verteidigungsminister Spannungen zwischen dem französischen Konzern Dassault und Airbus Defence and Space mit Sitz nahe München an. Die Politik hätte zwar versucht zu vermitteln. „Sowohl Friedrich Merz als auch ich haben mit Dassault und mit Airbus gesprochen – intensiv, bilateral, multilateral. Macron hat es seinerseits versucht.“ Aber es nutzte nichts. Das Projekt scheiterte nach neun Jahren. Und trotz des gewaltigen Erfolgsdrucks, den Putins Überfall auf die Ukraine und Trumps Abkehr von Europa erzeugt hatten.
Das Projekt scheiterte nach neun Jahren und trotz des gewaltigen Erfolgsdrucks, den zuletzt Putins Überfall auf die Ukraine und Trumps teilweise Abkehr von Europa erzeugt hatten. Auf dem Vorhaben lag jedoch von Anfang an kein Segen. Dass es nun auch offiziell begraben wurde, war für niemanden mehr eine Überraschung. Trotzdem dürfte diese Bruchlandung nachwirken.
FCAS war das größte Symbol für Europas Bemühungen, sich aus der Abhängigkeit der USA zu lösen. Die Denkfabrik Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) hat das 100-Milliarden-Projekt einmal als „Lackmustest“ dafür beschrieben, „inwiefern Europa in der Lage ist, sicherheitspolitisch zusammenzuarbeiten, eigene Fähigkeiten zu entwickeln und zu diesem Zweck nationale Interessen in den Hintergrund zu stellen“. Das Ergebnis ernüchtert.
Das Scheitern des 100-Milliarden-Euro-Projekts machte trotz aller Eigenheiten auch strukturelle Probleme sichtbar. In dem Projekt prallten unterschiedliche strategische Kulturen aufeinander. Hinzu kamen industriepolitische Rivalitäten und es ging um die Frage, wie viel Konzerne bereit sind, preiszugeben – Stichwort geistiges Eigentum. Beispiel: Die Franzosen wollten einen atomwaffenfähigen Flieger, der auf Flugzeugträgern landen kann. Berlin hatte ganz andere Prioritäten. Über Flugzeugträger verfügt Deutschland nicht. Und die US-Atombomben in Deutschland – Stichwort nukleare Teilhabe – würden im Ernstfall künftig auf F-35-Kampfjets montiert.
Dassault beanspruchte von Beginn an die Führungsrolle. Und Chef Éric Trappier erinnerte immer wieder daran, dass Frankreich bereits über einen vollständig national entwickelten Kampfjet verfügt: „Die Technologien und das Know-how, die uns gehören, werden nicht geteilt“, wurde er einmal zitiert. Auf deutscher Seite fürchteten sie, auf die Rolle eines bloßen Zulieferers degradiert zu werden. Am Ende spielten auch Geld, industrielle Wertschöpfung und der Erhalt von Arbeitsplätzen eine Rolle. Auch technisch war FCAS von Beginn an weit mehr als nur ein neuer Kampfjet.
Die Abkürzung steht für Future Combat Air System. Geplant war ein vernetztes Luftkampfsystem, das ab 2040 eingeführt werden sollte und in dem bemannte Flugzeuge, Drohnen, Sensoren und Führungsmittel über ein gemeinsames digitales Nervensystem – ein „System der Systeme“ – zusammengeschaltet werden. Zumindest diese Vernetzungskomponente, diese „Combat Cloud“, soll nun fortgeführt werden.
Eine offene Frage lautete, ob nun auch andere große deutsch-französische Projekte in Gefahr sind. Emmanuel Macron hat damit vor Monaten gedroht. „Stellen Sie sich vor, der deutsche Partner würde das gemeinsame Flugzeugprojekt infrage stellen. Dann müssten wir auch das gemeinsame Panzerprojekt infrage stellen.“ Wobei man auf deutscher Seite betonte, dass andere deutsch-französische Rüstungskooperationen zuletzt deutlich reibungsloser verliefen.
Der Zeitpunkt für das Aus ist kein Zufall: In dieser Woche findet in Berlin die Luftfahrtausstellung ILA statt. Und laut „Financial Times“ schmiedet Airbus eine Allianz namens „Team Gen 6“, die eigene Kampfjet-Pläne vorantreibt und dort vorgestellt werden soll. Dem Konsortium gehören acht in Deutschland verankerte Firmen an. Europäische Partner sollen folgen. Spekuliert wurde über Firmen aus Spanien (das schon bei FCAS angedockt war) oder aus Schweden mit seiner traditionsreichen Luftfahrtindustrie oder aus Großbritannien, Italien und Japan, die mit dem „Global Combat Air Programme“ ein eigenes Projekt für einen Jet der sechsten Generation vorantreiben. Hinter den Kulissen wird jedenfalls schon länger sondiert. „Wir sind seit Monaten im Gespräch mit verschiedenen Akteuren“, sagte Pistorius am Dienstag.
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