Nach einem Messerangriff haben ausländerfeindliche Ausschreitungen Nordirland in der Nacht zum Mittwoch erschüttert. Maskierte Banden griffen in Belfast Polizisten an, setzten Fahrzeuge in Brand und vertrieben Einwohner aus ihren Häusern.

Ein Mob wütet

Die Polizei musste Berichten des Senders BBC zufolge Familien aus brennenden Häusern retten. Örtliche Politiker und ein Pastor erklärten, dass vor allem schwarze Menschen Ziel der Attacken gewesen seien.

Als Reaktion auf ein Video des Messerangriffs versammelten sich an verschiedenen Orten von Belfast Hunderte Menschen. „Gegen 19.30 Uhr legten sie Feuer in den Müllcontainern“, berichtete der Bewohner eines Hauses mit Blick auf die Demonstranten. „Wir hörten Polizeiwagen und Sirenen“, sagte Eemran, ein Ingenieur indischer Herkunft, der seit etwas mehr als einem Jahr in Belfast lebt. „Immer mehr Menschen kamen hinzu und begannen, Brandsätze zu werfen. Plötzlich breitete sich das Feuer aus … wir hatten Rauch im Gebäude.“

Letztlich seien Feuerwehrleute ins Haus gekommen und hätten alle nach draußen geholt, berichtete Eemran in gebrochenem Englisch der Nachrichtenagentur AFP. Die 36-jährige Chilenin Camila, die erst vor einem Monat nach Belfast gezogen war, sprach von einer „beängstigenden“ Situation.

Britischen Medienberichten zufolge wurde auch ein türkischer Friseursalon angegriffen. „The Irish News“ berichtet über einen ausgebrannten arabischen Supermarkt. In Belfast fürchten manche, dass sich die Ausschreitungen am Mittwoch wiederholen. Der „Belfast Telegraph“ berichtet über zwei Grundschulen, die sicherheitshalber am Vormittag schließen.

Ein brutaler Messerangriff als Anlass

Beim Messerangriff am Montag war ein Mann schwer verletzt worden. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich nach Angaben der Polizei um einen 30 Jahre alten Mann aus dem Sudan. Er wurde inzwischen wegen versuchten Mordes, Waffenbesitzes und Todesdrohungen angeklagt. Die Ermittler stufen die Tat derzeit nicht als Terrorismus ein.

In einem Video ist zu sehen, wie ein Angreifer mit einem Messer mitten auf einer Straße auf einem blutüberströmten Mann sitzt und diesen mit einem Messer traktiert. Zwischendurch hebt er das Messer in die Höhe und ruft etwas. Nach einer Weile wagen sich mehrere Männer in die Nähe und versuchen, den Angreifer von seinem Opfer zu trennen. Polizeiangaben zufolge haben sie dem Opfer das Leben gerettet. 

Einflussreicher Rechtsextremist teilte Video auf X – auch Musk mobilisiert

Das Video verbreitete sich im sozialen Netzwerk X. Eine wichtige Rolle dabei spielte der rechtsextreme Aktivist Tommy Robinson. Stand Mittwochmorgen wurde sein Post mit dem Video 4,8 Millionen Mal angezeigt. Robinson selbst war noch am Montag in Moskau, wo er sich mit dem Vater von Elon Musk traf und für ein positiveres Bild von Russland warb.

Firmenchef, Multimilliardär und AfD-Unterstützer Elon Musk teilte Fotos des Angriffs, Kommentare sowie einen Aufruf zu Demonstrationen unter seinen mehr als 240 Millionen Followern. Musk verbreitete außerdem mehrere Beiträge des rechtsextremen britischen Parlamentariers Rupert Lowe, der zu millionenfachen Abschiebungen aufrief. Lowe hatte sich nach diversen Skandalen von Nigel Farages Partei „Reform UK“ abgespalten und versucht seitdem, dieser mit seiner noch weiter rechts stehenden eigenen Partei Konkurrenz zu machen.

ARCHIV - 14.05.2026, China, Peking: Tech-Milliardär und Tesla-Gründer Elon Musk bei einem Treffen.  (zu dpa: «Starmer kritisiert Musk: Schürt Spaltung im Land») Foto: Johannes Neudecker/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Zwischen Jubelpostings zu seinen Firmen Tesla und Starlink setzte Elon Musk diverse Tweets zu den Geschehnissen in Belfast ab

© dpa/Johannes Neudecker

Der britische „Guardian“ bezeichnet die Attacke als „Trigger-Event“ der Rechten. Gemeint ist ein Vorfall, der die migrationsfeindliche Szene mobilisiert.

Polizei bat, das Video nicht zu verbreiten

Die Polizei bat darum, das Video nicht zu verbreiten. Nordirlands Polizeichef Jon Boutcher rief die Menschen auf, sich nicht durch Social Media aufstacheln zu lassen und die Ermittler ihre Arbeit machen zu lassen. Es gebe bislang keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund, hieß es in der Mitteilung der Polizei.

Der britische Premierminister Keir Starmer verurteilte die Tat aufs Schärfste. „Der furchtbare Angriff in Belfast ist widerwärtig. Ich habe absolut keine Toleranz für entsetzliche Szenen der Gewalt wie diese auf unseren Straßen“, so Starmer auf der Plattform X. „Es ist offensichtlich, dass Menschen letzte Nacht aufgrund ihrer Herkunft ins Visier genommen wurden, und das werde ich nicht tolerieren“, versprach er. „Die Verantwortlichen werden die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen.“

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Die nordirische Regierungschefin Michelle O’Neill verurteilte die Proteste ebenfalls und rief zur Ruhe auf. „Gruppen maskierter Männer, die Familien aus ihren Häusern vertreiben, indem sie diese niederbrennen – das ist nichts anderes als widerliche Feigheit“, schrieb sie im Onlinedienst X. „Rassismus, Einschüchterung und Gewalt sind falsch, wo immer sie auftreten“, so O’Neill.

Nordirische Politiker verschiedener Parteien äußerten sich ähnlich und warnten vor Ausschreitungen. Großbritannien war im Sommer 2024 von heftigen rassistisch motivierten Ausschreitungen erschüttert worden. 

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Erst in der vergangenen Woche kam es in der südenglischen Stadt Southampton zu Krawallen am Rande eines Protests. Auslöser war die Veröffentlichung von Bodycam-Aufnahmen, die einen krassen Polizeifehler nach der tödlichen Messerattacke eines Manns aus der Sikh-Gemeinschaft auf den Studenten Henry Nowak zeigten. 

Statt den Mörder festzunehmen, der sich als Opfer eines rassistischen Übergriffs darstellte, hatten die Polizisten dem sterbenden Nowak Handschellen angelegt. Wenig später starb der Student, nachdem er mehrmals „I can’t breathe“ („Ich kann nicht atmen“) gerufen hatte. Auch in Southampton gingen Menschen wieder auf die Straße, um gegen Einwanderung zu demonstrieren. (dpa, AFP, Reuters, Tsp)