„Meinen Bruder kennenzulernen, bedeutete, ihn hassen zu lernen.“ Es sind keine leichten Worte, die Édouard Louis über seine Familie schreibt – das ist aber keine Neuigkeit. Der 33-Jährige gilt seit seinem Debütroman „Das Ende von Eddy“ 2014 als Stimme einer neuen, politischen Autorengeneration.

Édouard Louis’ Thema ist soziale Klasse, sein Anwendungsfeld seine Familie aus der französischen Arbeiterklasse. Seine Beobachtungen brachten Édouard Louis Applaus beim bürgerlichen Publikum ein, aber auch Abneigung seiner eigenen Familie. Während er bei der Diskussionsveranstaltung der Phil.Cologne in Köln bei seiner zweistündigen Veranstaltung auf Englisch antwortet, liest der Schauspieler Jannik Schümann aus dem neuen Buch auf Deutsch vor.

„Der Absturz“ heißt es, es soll der letzte Teil der Familien-Saga sein, das bestätigt Louis am Abend in Köln. Das Buch behandelt den Tod von Louis’ Bruder, der mit 38 Jahren an den Folgen seines Alkoholkonsums starb. Der Bruder hatte Träume, scheiterte an ihnen, stand zwischenzeitlich auch einmal mit einem Baseballschläger in Paris, als er erfuhr, dass Édouard Louis schwul sei. „Ich hasste meinen Bruder, bis ich ihn verstand“, das ist eines der Zitate aus seinem Roman.

Das Verständnis, das Édouard Louis meint, soll aber keine verklärende Liebeserklärung an das verstorbene Geschwisterkind sein. „Würde mein Bruder heute wieder auferstehen, würde ich ihn nicht umarmen“, erzählt Louis im Interview mit Moderatorin Emily Grunert. „Ich habe gemerkt, dass es lächerlich ist, einen toten Körper zu hassen.“ Während der Arbeit am Roman habe er neue Emotionen seinem Bruder gegenüber entdeckt, darunter auch Mitleid. „Wenn es einen Untertitel für dieses Buch geben müsste, wäre es ‚Mitleid mit dem Monster’.“

Wer an diesem Abend anwesend ist, merkt, wie ehrlich der charismatische Louis mit dem Publikum ist – und auch ausgesprochen lustig. Wenn er von den 17 Versionen erzählt, die sein bester Freund Didier Éribon (selbst Schriftsteller) immer wieder mit „Es ist leider immer noch sehr, sehr schlecht“ zurückgibt, ist das ein herrlicher Treppenwitz der Geschichte.

Man merkt dem Autor aber auch an, dass die Geschehnisse rund um die Entstehung des Romans seine Sichtweise verändert haben. Offen redet er über eigene Fehler, seine Familie als Figuren dargestellt zu haben, die nie aus ihrem Leben ausbrechen wollten. Er selbst – der schwule Junge aus der Kleinstadt, der in die große Stadt zieht und Romane schreibt – sei selbst ein sozialer Determinismus, wenn auch ein seltener.

Seine Aufgabe, eine neue Sprache für Klassenkämpfe zu finden, zeigt er an Details. „Mit 50 Jahren ist meine Mutter zum ersten Mal geflogen, war im Theater und hat in einem Hotelzimmer übernachtet“, berichtet Louis. Dass selbst diese fehlende soziale Teilhabe ein Klassenkampf sei, aber nicht beachtet werde, liege daran, „dass der Schmerz, sich nicht ändern zu können, keinen Platz in der Gesellschaft besitzt.“ Seiner Meinung nach müsse diese Unterstützung zum Wandel nicht nur individuell geschehen, sondern politisch, in Form eines „Metamorphose-Ministeriums“. Für ihn als Autoren bedeute es weiterhin, um Repräsentation zu kämpfen, auch wenn nicht mehr seine Familie im Mittelpunkt stehe. Das Schreiben über seinen Bruder habe ihn aber eines gelehrt: „Das Schreiben über Menschen gibt ihnen ein zweites Leben.“