Nachdem am Mittwochmittag ein Zweitklässler bei einem Zusammenstoß zweier Busse im Landkreis Dachau ums Leben gekommen ist, schwebt nach Polizeiangaben keiner der teils schwer verletzten 28 Schüler sowie zwei Busfahrer und eine Lehrerin in akuter Lebensgefahr. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) schrieb auf der Plattform X: „Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer und wir beten für die Genesung der Verletzten.“ Er danke den Rettungskräften und der Polizei, die schnell geholfen hätten. „Das ist alles andere als selbstverständlich. Danke auch allen Ärzten und Pflegekräften in den Krankenhäusern, die jetzt ihr Bestes geben.“
Die Schülerinnen und Schüler kamen aus der zweiten und dritten Klasse der Grundschule Haimhausen. Dort findet an diesem Donnerstagvormittag ein Treffen zwischen Kriseninterventionsteam und lokalen Vertretern von Politik und Rettungskräften statt, um das weitere Vorgehen zu besprechen, wie die SZ aus dem Rathaus erfuhr. Der Haimhauser Bürgermeister Stefan Jänicke-Spicker, der auch Feuerwehrkommandant seiner Gemeinde ist, bewertet den Einsatz am Morgen nach dem Unfall als den „schlimmsten seiner Laufbahn“.
Als er gegen Mittag als einer der Ersten am Unfallort eingetroffen sei, habe sich ihm „ein schrecklicher Anblick“ geboten. „Auf so einen Einsatz kann man sich nicht vorbereiten.“ Er ringt um Fassung beim Sprechen am Morgen nach dem Unfalltag und sagt: „Es geht um Kinder und wir sind alle nur Menschen.“ Stefan Jänicke-Spicker ist seit 28 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr Haimhausen. Seit sechs Wochen ist der Bürgermeister von Haimhausen. Der 10. Juni 2026 markiert für ihn den schlimmsten Einsatz seines Lebens.
Die Schülerinnen und Schüler waren mit einem angemieteten Reisebus auf einem Schulausflug unterwegs. Nach bisherigen Erkenntnissen war der mit Schulkindern besetzte Reisebus gegen 12.30 Uhr in einer Kurve seitlich mit einem Linienbus kollidiert. In dem befand sich nach Polizeiangaben aber nur der Fahrer, keine Fahrgäste. Die Unfallstelle liegt in der Gemeinde Hebertshausen zwischen Ampermoching und Ottershausen auf der Staatsstraße 2339 im Bereich einer Kurve.
Der Zusammenstoß ereignete sich auf der Amperbrücke am Ortsausgang von Ampermoching. Niels P. Jørgensen
Man habe alles Menschenmögliche versucht, um den Jungen zu reanimieren, beschreibt Dennis Behrendt, Einsatzleiter des Rettungsdienstes, das Ringen um das Leben des Kindes. Auch ein Hubschrauber stand schon bereit, um den Bub in eine Klinik zu fliegen. Doch der Notarzt habe ihn dann vor Ort noch für tot erklären müssen, so Behrendt.
Der Dachauer Landrat Stefan Löwl (CSU) zeigte sich tief bewegt. Er sei in Gedanken bei der Familie des verstorbenen Kindes, aber auch bei den Verletzten. „Als Vater von drei Kindern, die auch schulpflichtig sind, die auch mit dem Bus gefahren sind, weiß man erst mal, was passiert, wenn man morgens sein Kind auf einen Schulausflug schickt und es dann abends nicht mehr zurückerhält. Für mich ein ganz, ganz schwieriger Tag.“
Wie es zu der Kollision kam, ist derzeit noch unklar. Die Staatsanwaltschaft München II hat einen Gutachter beauftragt, das Geschehen zu untersuchen. Mit einem Ergebnis sei in den kommenden Tagen allerdings nicht zu rechnen, sagte ein Polizeisprecher. Sicher ist, dass in der sehr engen Kurve Tempolimits gelten, einmal 60, einmal 50 Kilometer pro Stunde.
Eines kann die Polizei schon mal weitgehend ausschließen: Alkohol. Die Busfahrer hätten freiwillig Atemalkoholtests gemacht. Das Ergebnis in beiden Fällen: Null Promille.
Vier Rettungshubschrauber, 15 Rettungswagen und acht Notärzte eilten zur Unfallstelle
Stundenlang liefen am Mittwoch umfangreiche Rettungs- und Bergungsmaßnahmen am Unfallort. Vier Rettungshubschrauber seien im Einsatz, sagte ein Sprecher der Leitstelle in Fürstenfeldbruck, sowie etwa 15 Rettungswagen und acht Notärzte. Mehrere Verletzte seien in Krankenhäuser gebracht worden. Am Einsatz waren laut Polizei insgesamt an die 100 Kräfte beteiligt. Für Betroffene wurde ein Bürgertelefon eingerichtet.
An der Freiwilligen Feuerwehr Ampermoching wurde eine Sammelstelle eingerichtet. Der Parkplatz reicht am Nachmittag für die vielen Rettungsfahrzeuge nicht aus, sie stehen auch auf dem benachbarten Supermarktgelände und entlang der Straße. Immer wieder treffen Angehörige ein, manche weinend, manche ganz still. Eine Frau in fliederfarbener Jacke steht am Flatterband, hinter dem sich breitbeinig uniformierte Beamte postiert haben. „Hallo“, sagt sie. „Ich bin gekommen, um meinen Sohn abzuholen.“
Kurz zuvor ist eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter abgezogen, sie trägt noch die goldene Rettungsfolie unter dem Arm, die man dem Kind vermutlich zuvor umgelegt hat. Mit der Presse sprechen will hier keiner. Wenn nicht gerade wieder ein Fahrzeug mit Blaulicht losprescht, herrscht Stille. Ampermoching ist abgeriegelt, zumindest dieser Teil des kleinen Orts.
Der Schaden am Linienbus zeigt, wie schwer die Kollision gewesen sein muss. Niels P. Jørgensen
Die Unfallstelle wurde großräumig abgeriegelt, auch Pressevertreter lässt die Polizei lange nicht an die Unfallstelle, damit keine Bilder von der Versorgung verletzter Kinder veröffentlicht werden können. Man habe bisher nicht alle Eltern informieren können, erklärt eine Polizeisprecherin. Den Einsatzkräften habe sich anfangs ein „sehr schlimmes Bild“ geboten. Auch für sie ist es kein einfacher Job. „Ein Einsatz mit Kindern ist immer ergreifend“, sagt die Polizeisprecherin. Die Betreuungsgruppe an Ort und Stelle kümmere sich sowohl um Eltern als auch um die Einsatzkräfte.
An die 40 Menschen, darunter auch Eltern mit Kindern, haben sich am Mittwoch um 18 Uhr in der Haimhausener Kirche versammelt, Kerzen angezündet und gemeinsam getrauert. „Das war das Wichtigste, einfach in Stille zusammen zu sein. Die Leute standen unter Schock“, berichtet tags darauf Gemeindereferentin Mandy Adam. Auch die evangelische Pfarrerin sei dabei gewesen, Bürgermeister und Landrat. Zuletzt habe man noch ein gemeinsames Vaterunser gebetet.
Für die gesamte Schule werde es Angebote geben, kündigte Landrat Löwl an. Die Notfallseelsorge stehe bereit für jeden, der Bedarf habe, auch in den kommenden Tagen. In der Gemeindeverwaltung sei zudem ein Bürgertelefon eingerichtet worden, erklärt Bürgermeister Jänicke-Spicker.