Zunächst ist man überrascht, Meredith Monk, die Pionierin der vokalen Performancekunst in so einem gewöhnlichen Rahmen anzutreffen: Sie sitzt auf der beleuchteten Bühne des Pina Bausch Theaters zusammen mit dem Rektor der Folkwang Universität der Künste in Essen, Holger Zebu Kluth, und ihr gegenüber im Publikumsraum Pressevertreter, die Fragen stellen dürfen. Sollten wir uns nicht vielleicht die Schuhe ausziehen und auf dem Boden herumfläzen – oder wenigstens einen Kreis bilden und damit ein bisschen Intimität und Augenhöhe herstellen? Alles, was Meredith Monk an diesem Mittag erzählen wird, lässt darauf schließen, dass ihr das gefallen hätte.

Nach Marina Abramović und Miles Greenberg war Monk die dritte Künstlerin, die im Rahmen der Pina Bausch Professur an der Hochschule unterrichtete. Seit Oktober vergangenen Jahres arbeitete sie mit 24 internationalen Studierenden aus allen Disziplinen zusammen.

„Dancing Voice/Singing Body“ hieß der Kurs, in dem sich die Studierenden mit Stimm- und Bewegungsübungen auseinandersetzten, ihre Wahrnehmung und ihre Stimme schulten – und zusammen meditierten. „Bei all den Eindrücken, die ständig auf uns niederprasseln, ist es gut, einmal ganz in die Stille zu gehen“, sagt die 83-Jährige, die mit der Energie eines jungen Menschen vor den Journalisten sitzt. Und vor allem mit ganz viel Gefühl: „Manchmal fühle ich eine große Traurigkeit, wenn die Teilnehmer am Ende zu mir kommen und fragen: ‚Aber was sollen wir jetzt machen mit der Kunst, die wir erlernt haben?‘ Und ja, sie müssen ihre eigene Welt erschaffen, müssen die Kraft dafür aufbringen. Ich hoffe, ich konnte sie dazu ermutigen, ihrem eigenen Weg zu folgen.“

Wenn man sich Meredith Monks Biografie vor Augen hält, dann dreht sich alles um künstlerische Freiheit. Aus ihrer jüdischen Künstlerfamilie in New York bekam sie Einflüsse aus Klassik und Pop mit auf den Weg – ihre Großmutter war Konzertpianistin, die Mutter Popsängerin. Sie selbst revolutionierte ab den 1960er-Jahren die Art und Weise, wie man die menschliche Stimme in der Musik einsetzen kann, komponierte Klavier- und Chorstücke, Songs, feministische Opern, folgte John Cage und tummelte sich in der Fluxus-Bewegung. „Beim Komponieren bin ich ein Cadillac, beim Klavierspielen ein Volkswagen“, sagt sie beim Gespräch in der Folkwang Universität und lacht. Ihr sei immer wichtig gewesen, die Klavierbegleitung einfach zu halten, damit sich die Stimme von ihr abheben und frei entfalten kann.

Ist eine Universität denn überhaupt der richtige Ort, um die Freiheit der Kunst zu entfalten? Meredith Monk denkt kurz nach und antwortet dann: „Diese Universität ist definitiv der richtige Ort. Man fühlt hier einen Geist der Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen.“ Mit ihrer Art der Kursführung habe sie versucht, freie Herangehensweisen hervorzulocken: Nach stimmlichen und körperlichen Aufwärmübungen habe sie mit den Studierenden an Kompositionen gearbeitet, aber auch Improvisationen Raum gegeben. „Natürlich waren die Tänzer ein bisschen schüchtern, zu singen, und die Schauspieler ein wenig schüchtern, zu tanzen.“ Aber sie habe versucht, alle in ihrer Individualität zu sehen und zu akzeptieren. „Ich wollte eine warme, liebevolle, familiäre Atmosphäre“, sagt sie. „Immerhin erinnere ich mich selbst vor allem noch an die Lehrer, die mich wirklich gesehen haben.“ Außerdem habe sie mit kleinen Hausaufgaben wie einem Videofilm über die Struktur der Räume, in denen ihre Kursteilnehmer leben, freie Herangehensweisen gefördert.

Dass Monk in ihrer Zeit so große Pioniertaten vollbringen konnte, habe auch an der revolutionären Energie gelegen, die in der Luft lag: „Wir hatten die Energie des Rock’n’Roll.“ Aber welche Energie haben die jungen Menschen heute? „Wir leben in tyrannischen, destruktiven Zeiten“, sagt die Künstlerin betroffen. „Wir müssen uns wieder damit auseinandersetzen, was es bedeuten könnte, zensiert zu werden.“ Deshalb inspirieren sie Künstler etwa aus dem Iran, die ihre Werke auf einem USB-Stick in einem Kuchen außer Landes schmuggeln.

„Den jungen Menschen muss man irgendetwas anbieten, um sie von Tik Tok wegzukriegen“, so sieht Meredith Monk den Zeitgeist. Sie selbst besitze gar kein Smartphone, nur einen Computer, möchte nicht von morgens bis abends abgelenkt werden. Aber sie versteht auch, dass das für eine jüngere Generation illusorisch ist: „Natürlich müssen sie wissen, was gerade im Trend liegt. Aber eigentlich geht es darum: Verändert euer Leben, verändert die Welt. Ich glaube an Graswurzeln, an viele kleine Gärten überall auf der Welt, die uns erlauben, zu heilen. Ich glaube an die Freude, ein wenig Neugier zu riskieren.“

Die Zusammenarbeit mit den Studierenden habe sie selbst ermutigt: „Diese Menschen haben eine Unschuld und eine Sehnsucht nach echter Kunst.“