Sie galt als ebenso charmante wie energische Powerfrau der deutschen Museumslandschaft: Sabine Fehlemann wurde 1985 Direktor – die Bezeichnung Direktorin mochte sie gar nicht – des Von der Heydt-Museums und blieb es 21 Jahre lang.

Weggefährten schildern sie als Frau voller Tatendrang, Lebenslust und sprudelnder Fantasie, von hoher Kompetenz sowieso, aber auch von zäher, zuweilen ruppiger Kompromisslosigkeit. „Sie war für niemanden bequem, weder für den zuständigen Dezernenten noch für den ebenfalls einflussbewussten Kunst- und Museumsverein“, bilanzierte der frühere Kulturdezernent Heinz Theodor Jüchter zu ihrem Abschied 2006. „Manchmal stritt man sich sogar öffentlich, aber meistens hatte das Museum am Schluss die Vorteile auf seiner Seite.“ Allerdings nur meistens, aber dazu später mehr.

„Die Ausstellungseröffnungen ließen die Menschen sonntags in Scharen ins Museum strömen“, schrieb Eberhard Robke, seinerzeit Vorsitzender des Kunst- und Museumsvereins, bei gleicher Gelegenheit. „Viele kamen nur, um Frau Dr. Fehlemanns Eröffnungsreden zu hören – Essays von hohem kunsthistorischen Rang in einer für den kunstinteressierten Laien verständlichen Sprache formuliert.“

Fotos legen nahe, dass sie diese Auftritte genoss, mit blitzenden Augen und oft kokettem Hütchen steht sie vor der Besuchermenge. Doch auch die Schreibtischarbeit lag ihr, sie war eine viel beschäftigte Autorin von Kunstkatalogen, Künstlerporträts und Monografien. Etlichen Verbänden und Kommissionen gehörte sie an, war etwa als einzige Vertreterin der bildenden Künste im Kulturrat der Expo 2000.

Sie promovierte
über Anton Hallmann

Ihr Lebenslauf liest sich wie ein gerader Weg nach oben, bis sie eine der ersten Frauen an der Spitze eines namhaften bundesdeutschen Museums war. Geboren wurde sie am 3. März 1941 als viertes Kind des Orthopädie-Professors Hans Storck und seiner Frau Elisabeth. Nach dem Abitur war die Kunst als Berufsziel gesetzt, doch vorher machte sie eine Ausbildung zur Heilgymnastin, „zur finanziellen Absicherung“, so Fehlemann.

Ihre Studien von 1963 bis 1967 in Köln und München waren ein Rundumschlag in Kunstgeschichte, Philosophie, Romanistik, Archäologie und Musikwissenschaft, 1974 wurde sie mit einer Arbeit über den Maler-Architekten Anton Hallmann promoviert. In die praktische Museumsarbeit stieg sie 1974 für drei Jahre als Volontärin in den Staatlichen Museen Berlin ein. 1977 ging sie zum Museum Abteiberg in Mönchengladbach, profilierte sich dort beim Museumsneubau und der Präsentation zeitgenössischer Künstler.

Voller Tatendrang kam sie 1985 in Wuppertal an, stand aber erst einmal ohne Haus da. Denn das Von der Heydt-Museum wurde von 1986 an drei Jahre umgebaut. Sabine Fehlemann nutzte die Zeit zum eindrucksvollen Werbefeldzug für ihre neue Wirkungsstätte. Sie schickte 100 Meisterwerke um die Welt, unter anderem in Ascona, Madrid, Tel Aviv, Bratislava, Istanbul, Barcelona und Oklahoma kündeten sie von der hochrangigen Sammlung in Wuppertal – und die kannten am Ende 1,3 Millionen Zuschauer.

Sie wollte die Kunst
zum Erlebnis werden lassen

Auch hier wusste sie zu glänzen. In ihren 21 Jahren an der Wupper organisierte die Frau Direktor 232 Ausstellungen, 133 davon waren lebenden Künstlern gewidmet. Sie wollte „die Kunst zum Erlebnis werden lassen“ – das gelang ihr gut. Denn mit ihrer facettenreichen Ausstellungspolitik zog sie rund 150 000 Besucher im Jahr an, davon kann man heute nur noch träumen.

Sie zeigte unter anderem international beachtete Retrospektiven von Carl Spitzweg, Max Pechstein, Egon Schiele, Max Liebermann, Wassily Kandinsky und Otto Mueller, präsentierte aber auch örtliche Künstler wie Dietrich Maus, Guido Jendritzko und Renate Löbbecke. 1997 zeigte sie Malerinnen als Wegbereiterinnen der Moderne, 1999 ging es um Rot in der russischen Kunst, 2001 um Fotos aus 100 Jahren Schwebebahn.

Zum 100-jährigen Bestehen des Museums krempelte Fehlemann die ständige Sammlung um, provozierte einen neuen Blick. Denn sie präsentierte die Werke dicht an dicht neben- und übereinander in Petersburger Hängung, und das nicht nach Epochen, sondern nach Themen geordnet wie „Arbeitswelten“ oder „Wir bitten zu Tisch“.

Die Kunsthistorikerin hatte aber auch Sinn für die vermeintlich leichteren Gattungen. So widmete sie der Karikaturistin Franziska Becker im Jahr 2000 eine Ausstellung in der Kunsthalle Barmen. Wolf Erlbruch, den feinsinnigen Wuppertaler Illustrator zahlreicher Kinderbücher, holte sie 2005 ins Museum, stellte ihn in ihrer Rede in eine Reihe mit Max Ernst, Paul Klee und Alexander Calder.

Angst vor scheinbar unpopulären Entscheidungen hatte sie nicht. Als sie die Bergischen Löwen vor dem Eingang durch zwei Werke von Tony Cragg ersetzte, erntete sie zunächst einen Sturm der Entrüstung – was denn die „Coladosen“ da sollten? Die Museumschefin hielt dem stand, „denn Frau Dr. Fehlemann spielte die Löwin ohnehin lieber selbst“, so Heinz Theo Jüchter.

Angesichts des stetig sinkenden städtischen Etats hat sie kluge und wegweisende Entscheidungen getroffen. So band sie die Stiftungen von Wuppertaler Unternehmern eng ans Haus. Die Brennscheidt-Stiftung übernahm ab 2003 zunächst den gesamten Ausstellungsetat. Die Renate und Eberhard Robke-Stiftung stellt seit 2005 Mittel für den Ankauf von Gegenwartskunst zur Verfügung, dafür hatte die Stadt das Geld schon 1994 gestrichen. Und sie fand neue Einnahmequellen: rief den Museumsshop ins Leben, öffnete das Haus für Trauungen und private Feiern.

Das Museum und seine vorhandenen und verlorenen Werke hatten für sie immer Vorrang vor allem anderen. Doch in ihrer zuweilen verbissenen Kompromisslosigkeit verlor sie gelegentlich die historische Verhältnismäßigkeit aus dem Blick, setzte sich zumindest moralisch ins Unrecht und schadete damit auch dem Ansehen des Museums.

Bundesweite Aufmerksamkeit erregte sie 2003 mit ihrer Weigerung, drei unter der Naziherrschaft zwangsversteigerte Werke an die Erben der jüdischen Vorbesitzer zurückzugeben – die Pastellzeichnung von Adolph von Menzel sowie je ein Gemälde von Hans von Marées und Otto Scholderer waren bei unklaren Besitzverhältnissen vom Museum gekauft oder ihm geschenkt worden. Über Jahre weigerte sich Fehlemann kategorisch, die Bilder zurückzugeben. 2003 kam dann der entsprechende Ratsbeschluss, ohne sie je „konsultiert zu haben“, wie sie erklärte. Sie wolle weiter für ihre Bilder kämpfen, weil sie fürchtet, der Rat habe „getrieben von der Angst, etwas falsch zu machen“, die drei Arbeiten voreilig zurückgegeben. Man hätte noch juristische Gutachten abwarten müssen oder mit den Erben verhandeln können. In einer Presseerklärung unterstellte sie der Stadt „falsch verstandenen Wiedergutmachungseifer“. Zwei Jahre konnte sie die Rückgabe noch herauszögern, dann erfolgte sie doch.

Ausgerechnet auf ihrem Schreibtisch landete 1997 ein fehlgeleitetes Fax aus dem Louvre, in dem es um eine Zeichnung des Impressionisten Auguste Renoir ging. Sie sei einst im Besitz des Wuppertaler Museums gewesen und von den Franzosen „nach 1945 entschädigungslos eingezogen“ worden.

Sabine Fehlemann fuhr undercover nach Paris und fand noch acht weitere verloren geglaubte Werke, unter anderem von Eugène Delacroix und Jean-Auguste-Dominique Ingres. Umgehend organisierte sie eine Pressekonferenz und erklärte: „Wir wollen die Werke wiederhaben.“

Ihr Museum habe die Bilder zwischen 1940 und 1942 rechtmäßig erworben. Formal schon, aber den historischen Hintergrund ließ sie außer acht: Denn unter der deutschen Besatzung war der Kunstmarkt in Frankreich ein oft rechtsfreier Raum, Tausende Kunstwerke wechselten ohne Beleg den Besitzer, Bestände von jüdischen Händlern wurden beschlagnahmt. Fehlemann berief sich darauf, dass nicht alle Transaktionen kriminell gewesen seien. Doch für ihre Forderungen fand sie weder in der Politik noch bei Kollegen Resonanz. Die Franzosen ließen sie ohnehin schmallippig abblitzen.

Geradezu rührend wirkt ihr Einsatz um das Gemälde „Akrobat und junger Harlekin“ von 1905. Es war 1911 das erste Picasso-Werk gewesen, das ein Museum gezeigt hat – der Elberfelder Museumsverein hatte es in Paris gekauft. Im Jahr 1937 wurde es von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ beschlagnahmt. Als das Gemälde 1988 bei Christie’s in die Auktion kam, sammelte die Museumschefin durchaus beeindruckende 15 Millionen Mark bei Sponsoren ein. Doch diese Summe war nur das Einstiegsgebot, verkauft wurde das Werk letztlich für 66 Millionen Mark an ein japanisches Unternehmen.

2006 ging Sabine Fehlemann
in den Ruhestand

Als Sabine Fehlemann im April 2006 mit 65 Jahren in den Ruhestand ging – aus Altersgründen gehen musste, denn sie wäre gern länger geblieben –, sprach sie von zahlreichen Anfragen für ihre Mitarbeit. Doch nur weniges konnte sie umsetzen. Mit gerade einmal 66 Jahren ist sie am 6. Februar 2008 an Krebs gestorben.