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Für viele Westdeutsche kaum vorstellbar: Die Lebenszufriedenheit in einigen Regionen Ostdeutschlands ist höher als die im reichen Westen.

Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt soll der glücklichste Flecken Deutschlands sein? So behauptet es der neue Glücksatlas, doch es klingt irgendwie kontraintuitiv: Denn erstens können sich viele Bürgerinnen und Bürger Westdeutschlands nicht vorstellen, dass es im Jammertal Ostdeutschland sonnige Plätze gibt. Zweitens denken sie, dass Unzufriedenheit und Elend schlimm sein müssen, wo die AfD stark ist. Und drittens verwechseln sie hohe Immobilienpreise und geschäftiges Geschäftsgebaren mit Glück.

Dabei ist vieles andersherum: Man muss in die mittelgroßen Städte Deutschlands fahren, um zu verstehen, warum es in einigen von ihnen höhere Lebenszufriedenheit als beispielsweise in München oder Hamburg gibt.

Vor einigen Jahren hatte die Glücksforschung große Konjunktur in der ganzen Welt. Damals stellte man fest, dass die Menschen in den hoch entwickelten Ländern der Welt zwar immer wohlhabender, aber nicht immer glücklicher werden. Man erkannte, dass Einsamkeit nicht nur das Gemüt Einzelner, sondern die Stimmung in ganzen Stadtvierteln verschatten kann.

Die Sicherheit im öffentlichen Raum wurde aus der vermeintlich beruhigenden Kriminalstatistik in die unübersichtliche Situation der bedrängten Innenstädte gerückt. Die Anwesenheit vieler junger Familien galt auf einmal nicht mehr als ewiger Lärmfaktor, sondern als Garantie für Zukunft und Glück.

Zur Person

Ursula Weidenfeld zählt zu den renommiertesten Wirtschaftsjournalistinnen Deutschlands. Sie beschäftigt sich mit Konjunktur und deutscher Politik, früher unter anderem bei der „Financial Times Deutschland“ sowie als Wirtschaftsressortleiterin beim Berliner „Tagesspiegel“. Zuletzt erschien von ihr im Rowohlt-Verlag „Das doppelte Deutschland. Eine Parallelgeschichte“.

Der Glücksatlas ist das letzte Relikt dieser Zeit

Der Glücksatlas ist das letzte Relikt dieser Zeit. Das ist schade. Denn Bürgermeister und Kommunalpolitiker haben viel mehr Möglichkeiten, das Glück in ihrer Gemeinde zu fördern, als sie denken.

Die Glücksforschung war zwar immer eine Orchideendisziplin. Doch sie hat Erkenntnisse geliefert, die auch heute hilfreich sein könnten. Zum Beispiel: Geld bedeutet viel, aber nicht alles. Nachbarschaft zählt, Familie noch mehr. Bildung macht nicht nur Arbeit, sie macht auch froh. Viele junge Menschen machen eine Stadt glücklicher, viele Einpersonenhaushalte machen sie einsamer, sehr viele Ältere machen sie trauriger.

Aber nicht überall auf dieselbe Weise. In Erfurt sind die Leute viel glücklicher als man erwarten würde, wenn man nur auf objektive Kriterien wie Einkommen, Beschäftigung, Wohnungspreise, Kriminalität oder Bildungsniveau schaut. Da steht die thüringische Landeshauptstadt gerade mal auf Platz 27 von 40. Rostock dagegen, das Schlusslicht unter den Großstädten, wäre den reinen Daten nach mit Platz 17 deutlich besser dran.