Es gibt da eine ausgezeichnete und verstörende Erzählung des Schriftstellers Erich Hackl namens „Auroras Anlass“, in dem eine Mutter von der Zeugung an alles 150-prozentig richtig machen will für ihr Kind. Nichts bleibt unüberlegt, alles wird planvoll-perfekt durchgeführt. Das kann nur schiefgehen. Die Summe ihrer Erziehung: falsch.

Es gibt da ein ausgezeichnetes, gedankenvolles spanisches Schauspiel des Soldaten, Klerikers, Dramatikers Calderón namens „Das Leben ein Traum“, in dem König Basilio seinen Sohn Sigismund von Geburt an wegsperrt, in Ketten legt, weil er aufgrund astronomisch-astrologischer Beobachtung voraussieht, dieser Sohn werde ein Tyrann. Zwar erhält dieser Sohn Bildung durch Clotaldo, einen Vertrauten des Königs, doch nicht die Anleitung, seine männlichen Triebe einschließlich logischerweise übersteigertem Handlungswillen zu kontrollieren. Also geht auch das schief. Die Einzelhaft: natürlich falsch. Wenn Calderóns Dreiakter dennoch mehr oder weniger glücklich endet, dann deshalb, weil hier ein katholisch-gegenreformatorisches Läuterungstheater vorliegt. Geht „Das Leben ein Traum“ jetzt auch in Augsburg mehr oder weniger glücklich aus? Man darf Zweifel hegen.

Der Thronfolger auf Probe versagt tierisch

War neulich am Staatstheater in Goethes „Stella“ das Wörtchen „Herz“ Signalwort des Abends, so ist es jetzt im Martini-Park bei der Calderón-Neuproduktion das Wörtchen „Traum“. Weniger im Sinne des Träumens im Schlaf als im Sinne eines Erträumens durch allzu hoffnungsvolles Denken – und im Sinne des Unglaubens nach überraschenden Ereignissen: Ist‘s wahr oder träum‘ ich? Wahr jedenfalls ist, dass Sigismund doch eines Tages vom Vater zum Thronfolger auf Probe bestellt wird – und prompt tierisch versagt. Was sich ihm in den Weg stellt, wird gewaltsam beseitigt, und die Frau an sich – die Sigismund in Augsburg schon erschnüffelt, bevor er sie überhaupt sieht – gewaltsam genommen. Also wandert er wieder in Einzelhaft, während die vielleicht schönste Sentenz in der so gut verständlichen wie poetischen Stück-Übersetzung Georg Holzers gesprochen wird: „Die Majestät, die nur eingebildet war.“ Julius Kuhn spielt den Prinzen so messerscharf argumentierend wie rigoros.

Dem Leid und der maßlosen Selbstüberschätzung Sigismunds stellt Regisseurin Fanny Brunner aufwertend das Leid und die Ohnmacht der jungen Frau Rosaura entgegen, Tochter von Sigismunds Erzieher, wie sich herausstellen wird. Durch eine verlorene Liebe ist sie schwer in ihrer Ehre gekränkt und verlangt diese Ehre einen Abend lang zurück – zunehmend zornig. Wenn ihre schlimmen Erlebnisse von Katja Sieder am Bühnenrand rekapituliert werden, dann ist dies im Grunde die ungehaltene Rede einer ungehaltenen Frau. Und in einem erprobten Bühnenkniff wird Rosaura auch immer wieder per Video eingeblendet, wenn sie hinter der Szene über ihrer Lage grübelt, während vorne, auf der Szene, meist Männer verhandeln. Es gehört zu den Vorzügen von Brunners stringenter, das Publikum mitnehmender Inszenierung, dass sie Haupt- und Nebenhandlung wie selbstverständlich verflicht.

Eine Felljacke wie beim Sturm aufs Capitol

Und es gehört zu den Vorzügen, dass sie die tonnenschwere Bedeutung von „Das Leben ein Traum“, also die selbstherrliche Macht- und Gewaltausübung bei voller Immunität, nicht als Seminar, sondern bis kurz vor das pointierte Finale fast beiläufig abhandelt. Dieser Sigismund kehrt ja durch Revolte zurück auf den Thron, bei Brunner jedoch allenfalls halb geläutert. Er arrangiert sich in Staatsräson zumindest mit Vater und Hof, trifft vernunft-, nicht unbedingt herzensnahe Entscheidungen, bleibt aber fraglos Machtmensch.

Dazu tauchen dann Zeichen und Einblendungen in der ansonsten betont antiillusionistischen Bühnenausstattung von Daniel Angermayr auf, die meinen: Ihr da im Publikum, sollte in euren Köpfen der Gedanke um Trumpismus kreisen, so liegt ihr nicht falsch! Eine Felljacke taucht auf, wie sie bekannt wurde seit dem Sturm aufs Kapitol 2021, Sigismund besteigt mit seiner modelhaft jungen Frau Estrella (ehrgeizig-zielbewusst: Jenny Langner) wie Mr. President eine Gangway, und im Hintergrund demonstrieren Jagdbomber militärische Power über Landesgrenzen hinweg. Gutes lässt das nicht erwarten. Zumal König Basilio abdankt (emphatisch bis pathetisch: Michael Schrodt), Astolfo in Playmobil-Outfit abgespeist ist (Patrick Rupar), Clotaldo opportunistisch weiterwirkt (regelmäßig kalt und hart: Sebastian Müller-Stahl) und Clarin nur als Spaßmacher ernst genommen wird (tenoral wunderbar plappernd: Kai Windhövel). Starker, dankbarer Applaus im Martini-Park.