Ukrainische Angriffe auf Raffinerien, Brücken und Tanklastwagen sorgen dafür, dass das Benzin auf der von Russland annektierten Krim knapp wird. Moskau muss reagieren.
Nur noch 20 Liter pro Woche gibt es, und auch nur, wenn man rechtzeitig einen Tankgutschein ergattert. Auf der Krim ist der Treibstoff so knapp wie nie seit der russischen Annexion der Halbinsel 2014. Grund dafür: Anhaltende ukrainische Angriffe auf Infrastruktur und Transporte, mit denen Kiew die russischen Besetzer unter Druck bringen will.
Dass das Benzin knapp wird, hat selbst der Kreml nun in ungewohnt offener Weise eingeräumt. Sprecher Dmitri Peskow sprach von Engpässen und versprach, dass Maßnahmen ergriffen würden, um diese zu beheben.
Suche nach Rat in sozialen Medien
Schon mehrfach wurde es aufgrund ukrainischer Angriffe in den vergangenen Jahren eng an den Tankstellen auf der Krim. Doch die jetzige Treibstoffkrise ist die schlimmste seit der Annexion vor zwölf Jahren.
In den sozialen Netzwerken wimmelt es von Anfragen und Tipps, wo noch Treibstoff zu finden ist. Der wird teilweise zum doppelten Marktpreis angeboten. Für gestrandete Touristen richteten die Behörden inzwischen eine Hotline ein.
Nicht nur die Einwohnerschaft, auch die Wirtschaft trifft der Mangel hart: Sie ist abhängig vom Tourismus, und die Krise schreckt die Urlauber ab. Fast sieben Millionen Touristen zog es im vergangenen Jahr auf die Krim. Die Hoffnungen waren groß, die Zahl in diesem Jahr zu toppen. Laut Wirtschaftszeitung Kommersant wurden aber Ende Mai und Anfang Juni fast 80 Prozent der Hotelbuchungen storniert.
Einige Hotels boten Benzin als Bonus für neue Buchungen an. Die Angebote waren schnell vergriffen.
Angriffe auf Tanklastwagen
Ukrainische Drohnenangriffe zielen auf russische Raffinerien, Depots und Pipelines und erschwerten so die Treibstoffversorgung. Aber auch der Transport ist im Visier: So werden gezielt Tanklastwagen entlang des Landkorridors von Russland auf die Krim angegriffen.
Das russische Zarenreich hatte die Krim Ende des 18. Jahrhunderts von den Osmanen erobert. In Sowjetzeiten schlug Staatschef Nikita Chruschtschow die Halbinsel 1954 der ukrainischen Republik zu. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Krim Teil der unabhängigen Ukraine. Russland sicherte sich aber in der Krim-Stadt Sewastopol einen Marinestützpunkt für seine Schwarzmeerflotte.
Inmitten des politischen Umschwungs in der Ukraine Anfang 2014 setzte der russische Präsident Wladimir Putin zur Übernahme der Krim an. Die Annexion erfolgte nur Wochen später nach einem international scharf kritisierten Referendum, mit dem sich Moskau die vorgebliche Zustimmung von 97 Prozent der Bevölkerung holte.
Mit einer Brücke von der südostrussischen Stadt Kertsch aus stellte Russland einige Jahre später eine Landverbindung von eigenem Territorium her. Nach Beginn des umfassenden Moskauer Angriffskriegs auf die Ukraine 2022 stießen auf der Krim stationierte russische Soldaten von dort aus auf den Süden der Ukraine vor und sicherten den Landweg auf die Halbinsel auch aus nördlicher Richtung.
Brücke von Kertsch im Visier
Mit Raketen und Drohnen hat die Ukraine seither versucht, Russlands Kontrolle über die Krim und deren Zugangswege zu torpedieren. So wurden mehrere russische Kriegsschiffe im Schwarzen Meer und in ihren Stützpunkten auf der Krim getroffen, wodurch Moskau zu einer Verlegung seiner Flotte an die russische Schwarzmeerküste gezwungen war.
Die Ukraine griff zudem gezielt Munitionsdepots, Flugplätze und auch die Brücke von Kertsch an. Im Oktober 2022 wurden so zwei Brückenabschnitte gesprengt, monatelange Reparaturarbeiten waren nötig. Angesichts der Angriffe verlegte Russland einen Großteil seines Transports an Treibstoff und anderen Versorgungsgütern auf den Landweg über besetzte Gebiete in der Ukraine hin zur Krim. Mit Drohnenangriffen auf Tanklastwagen unterbrach die Ukraine auch diese Lieferungen im vergangenen Monat.
Ein weiterer, stark symbolischer Schlag folgte mit dem Angriff auf ein historisches Gebäude in Sewastopol: Dort wurde laut dem von Russland eingesetzten Gouverneur Michail Raswoschajew ein großes Panoramagemälde praktisch zerstört, das die Verteidigung der Stadt während des Krimkriegs im 19. Jahrhundert darstellte.
Das treffe Putin sicher hart, meint der russische Militärblogger Valeri Schirjajew. Es ist schwer, ein anderes Kunstwerk, einen anderen Teil des nationalen Erbes zu finden, dessen Zerstörung für Putin ebenso schmerzhaft wäre.