43 Jahre bei der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft, 30 Jahre davon in Botnang: Alberto Company hat Generationen von Kindern begleitet und geht jetzt in Rente. Was er dabei gelernt hat.
„Je näher der Abschied rückt“, sagt Alberto Company, „desto komischer fühlt es sich an.“ Und komisch wird es auch für die Kinder, wenn sie bald die Treppen des Bürgerhauses in der Griegstraße hochsteigen und dann kein Alberto da ist. 30 Jahre hat der 66-Jährige den Kindertreff in Botnang geleitet. „Warum hörst du auf?“, fragen ihn die Kinder. „Guck mich an, ich bin alt“, antwortet Company darauf. „Ah ja, stimmt“, würden viele dann nach eingehender Musterung sagen. „Kinder sind halt brutal ehrlich.“
Als Alberto Company 1982 im Jugendhaus in Zuffenhausen anfing, hatte er den Kopf noch voller Locken. Er war gerade frisch von der Sportschule Kiedaisch gekommen, wo er die Ausbildung zum Sport- und Gymnastiklehrer absolviert hatte. Company ist ein Gastarbeiterkind. Geboren ist er in Barcelona, doch schon als Baby zieht er mit seinen Eltern ins Schwäbische. 1962 ist das. Sein Vater stirbt, da ist er drei, seine Mutter zieht ihn und den Bruder in Horb am Neckar alleine groß.
Dass er was mit Sport und Kindern machen will, weiß Alberto Company früh. „Ich habe selbst Fußball gespielt, war immer in Vereinen aktiv“, erzählt der 66-Jährige. „Ich mochte die Gemeinschaft.“ Immer wieder begegnen ihm im Jugendhaus auch verhaltensauffällige Kinder. „Da bin ich mit meiner Ausbildung an Grenzen gekommen.“ Also sattelt er Anfang der 1990er Jahre eine Fortbildung zum Motopäden drauf.
Company hat schnell verstanden, wie Botnang tickt
Es ist 1996, als die Stelle des Hausleiters beim Kinder- und Jugendtreff in Botnang frei wird. Sie geht an Alberto Company. Der kleine Stadtbezirk jenseits des Botnanger Sattels liegt ihm sofort. „Ich komme aus einer Kleinstadt. Ich habe gleich verstanden, wie das in Botnang funktioniert – dass es hier am besten läuft, wenn alle mit im Boot sind.“ Alle: Das sind die Grundschulen, die Vereine, die Kirchen, das Bezirksamt, nicht zuletzt die Jugendfarm hinten am Buberlesbach.
Die runde Brille gab es damals schon: Alberto Company Ende der 1980er Jahre. Foto: privat
Dabei gibt es auch Hürden zu überwinden: Als Company und sein Team im ehemaligen AWO-Hort in der Franz-Schubert-Straße einen neuen Jugendtreff einrichten wollen, stellen sich die Nachbarn erst quer. „Wir haben dann versprochen: Wir regeln das mit den Öffnungszeiten so, dass ihr alle in Ruhe eure Tagesschau gucken könnt.“ Schließlich wird das Verhältnis zu den Nachbarn so gut, dass sie die Pflanzen im Jugendtreff gießen, wenn die Mitarbeiter im Urlaub sind.
Wann bekommt Botnang sein Haus der Jugend?
Auf den großen Wurf, das lang versprochene Haus der Jugend, wartet man in Botnang aber noch immer. „Dieses Thema beschäftigt uns seit 25 Jahren.“ Als endlich ein Standort gefunden war – am Fuß des Kräherwalds neben der Skateranlage und den Tennisplätzen an der Beethovenstraße -, kam das Problem der Altlasten im Boden des Geländes auf. Jetzt muss die Stadt auch noch massiv sparen. Zeiten klammer Kassen kennt Company noch von früher gut: „1985 war sogar im Gespräch, Jugendhäuser ganz zuzumachen. Das fühlte sich noch existenzieller an als heute.“
Dass er nun nicht dabei sein wird, wenn das Haus der Jugend irgendwann doch noch seine Türen öffnet – zumindest nicht als aktiver Mitarbeiter? „Natürlich finde ich das schade. Ich hätte es sehr gerne mit aufgebaut.“ Der Jugendtreff in der Franz-Schubert-Straße, mehr Schuppen als Haus, im Winter kalt und zugig, sei ja immer nur als Provisorium gedacht gewesen.
Von Stuttgart nach Barcelona
Sein besonderes Baby war stets die Zirkusschule im Bürgerhaus, heute ein Teil vom Stuttgarter Kinderzirkus „Circus Circuli“. 2008 organisierte er den ersten Austausch mit einer Zirkusschule in Barcelona, seiner Geburtsstadt. Im Wechsel reisen seither die Stuttgarter Jungakrobaten, Clowns und Zauberer in die katalonische Hauptstadt, oder die spanischen Kinder kommen an den Neckar. „Das war mein absolutes Herzensprojekt.“
43 Jahre arbeitete Alberto Company bei der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft. „Das geht nur, wenn man sich wohlfühlt“, sagt der 66-Jährige. „Ich konnte vieles anstoßen, hatte viele Freiheiten. Ich habe mich immer wertgeschätzt gefühlt.“ Und ohne sein Botnanger Team „würde sowieso nichts gehen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen so viel möglich, dafür bin ich wirklich dankbar.“ Im Kinder- und Jugendtreff übernimmt nun interimsweise Thomas Campanella die Leitung.
War vor 40 Jahren alles besser?
Wenn man mehr als 40 Jahre mit Kindern arbeitet – was war früher anders? Die Kinder? Die Eltern? Und ist das Smartphone die Quelle allen Übels? „Mediennutzung war auch in den 1990ern schon ein Thema. Die Kinder kamen zu uns und wollten erst mal eine VHS-Kassette in den Videorekorder schieben. Da musste man sich dann auch überlegen: Wie kriegt man die jetzt vom Sofa runter?“
Was sich geändert hat: Die meisten Kinder seien heute in Ganztagesschulen. „Aber einer Gesellschaft tut es gut, wenn sie präsent sind“, findet der 66-Jährige. „Kinder müssen gesehen werden, Kinder müssen laut sein.“ Wenn er Eltern einen Rat geben könnte, welcher wäre das? „Guckt nach euren Kindern. Guckt, wie es ihnen geht. Und schaut darauf, dass sie eine Gemeinschaft finden, in der sie sich wohlfühlen – egal, ob das der Fußballverein ist, eine Band oder ein Jugendhaus.“