Mit einer Waffe auf andere Menschen zielen und abdrücken – nicht in der Realität, sondern nur in einem Computerspiel. Und dennoch stellt sich die Frage: Wie passt das zu einer kirchlichen Jugendeinrichtung? „Mit der Idee habe auch ich zuerst gefremdelt“, gibt Karl-Hermann Otto zu, der Leiter des Jugendreferats der evangelischen Kirche in Düsseldorf. Mit Gaming habe er überhaupt nichts am Hut. Als Vater zweier mittlerweile erwachsener Töchter ist er sich aber sicher: „Hätten sie sich damals für Computerspiele interessiert, wäre ich als Elternteil dankbar für einen Ort wie diesen gewesen.“

Der Ort, von dem er spricht, ist das GG E-Sport und Gaming Jugendzentrum, das die evangelische Kirche seit dem Jahr 2020 mitten in der Altstadt an der Akademiestraße für junge Menschen zwischen zwölf und 27 Jahren betreibt – als das erste nicht kommerzielle Jugendzentrum mit Schwerpunkt auf Gaming und E-Sport in Düsseldorf.

Begegnungsort statt Spielhalle

Der Name „GG“ leitet sich vom Begriff „Good Game“ (englisch: gutes Spiel) ab und steht für Fairness, Respekt und Gemeinschaft, heißt es von den Verantwortlichen. Entsprechend sei das Zentrum kein Ort, an dem junge Menschen isoliert, stumm und stundenlang am Computer zocken, sagt Einrichtungsleiter Jan-Niklaas Wittke. „Wir sind keine Spielhalle“, ergänzt Karl-Hermann Otto. Stattdessen sei das Zentrum ein Begegnungsort, an dem junge Menschen ihre Leidenschaft mit Gleichgesinnten teilen und Kontakte knüpfen können. Und zudem auf Erwachsene treffen, die sie nicht für ihr Hobby verurteilen. Das pädagogische Ziel: „Gaming als Teil jugendlicher Lebenswelt ernst nehmen, kritisch begleiten und gemeinsam gestalten.“ Die Kosten für die Einrichtung belaufen sich auf etwa 200.000 Euro im Jahr, die Stadt Düsseldorf finanziert 80 Prozent.

Mehr Platz und weniger Barrieren am neuen Standort

In den Räumlichkeiten in der Altstadt sei es aber mittlerweile zu eng geworden, sagt Otto. Auch seien diese nicht barrierefrei zugänglich und es gebe keine Rückzugsmöglichkeit für ruhige Gespräche unter vier Augen. Nach den Sommerferien soll das Zentrum deshalb an einen neuen Standort an der Kruppstraße in Oberbilk ziehen, der derzeit für etwa 300.000 Euro umgebaut wird. Aus den nun 80 Quadratmetern werden dann 300. Im Ladenlokal gab es vorher unter anderem einen Vodafone-Shop und ein Bekleidungsgeschäft.

Zunächst hatte das Team des Gaming-Jugendzentrums allerdings gehofft, den Standort in der Altstadt auszubauen, die Verkehrsanbindung sei schließlich erstklassig, ebenso könne man hier auch spontan Jugendliche erreichen, die hier unterwegs sind, sagt Otto. Oberbilk sei wiederum anders als die Altstadt ein Viertel, wo viele der jungen Menschen wohnhaft seien. Auch das evangelische Jugendreferat ist an der Kruppstraße ansässig. „Damit können wir uns noch stärker an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen orientieren“, sagt Otto.

Wertschätzende Atmosphäre als Blaupause

Besonders hoch im Kurs bei diesen stehen derzeit etwa die als „Ballerspiele“ verschrienen Klassiker „Counterstrike“ oder „Fortnite“, erzählt Einrichtungsleiter Jan-Niklaas Wittke. Doch in der Einrichtung laufe der Umgang damit sehr kontrolliert ab: Pro Person sind 90 Spielminuten erlaubt, nach der Hälfte gibt es eine Pause. Bei Spielen mit Altersbegrenzung werde der entsprechende Teilbereich abgesperrt, sodass Jüngere ihn nicht einsehen können. Jedes Spiel werde zudem im Vorfeld genau geprüft und pädagogisch eingeordnet. Explizit gewaltverherrlichende Inhalte sind tabu. Nicht aber alle Spiele, in denen Gewalt Thema ist. „Darin geht es nämlich auch um Strategie, Taktik oder die Hand-Auge-Koordination“, sagt Wittke. Die jungen Leute spielten außerdem ohnehin. Umso wichtiger sei es deshalb, sie damit nicht alleine zu Hause zu lassen, sondern sie dabei zu begleiten, ihnen die damit verbundenen Gefahrenquellen aufzuzeigen sowie Medienkompetenz zu vermitteln.

Otto selbst sei ein großer Fan der Einrichtung geworden, gibt er zu.„Hier herrscht eine gesunde, wertschätzende Atmosphäre, die als Blaupause gelten kann“, sagt er. „Viele Gamer hören über ihr Hobby nur Negatives in Schule und Elternhaus. Hier merken sie: Die Erwachsenen sind auf meiner Seite.“ Zudem könnten sie sich in dem messen, worin sie gut sind. „Ein Junge mit Handicap wird möglicherweise nie der Held auf dem Fußballplatz sein können“, sagt Otto, „aber hier schon.“