Stand: 13.06.2026 06:00 Uhr

Nach einem Wohnungsbrand in ihrer Studenten-WG auf St. Pauli in den 1990er-Jahren stellte sich Fotografin Nanine Renninger die Fragen: Was bewahren wir auf und warum? Herausgekommen ist ein Bildband mit Menschen und ihren Erinnerungsstücken.

von Andreas Moll

Die Fotografin kehrt nach 30 Jahren zurück auf den Hans-Albers-Platz in Hamburg. „Da ist meine WG ausgebrannt“, sagt sie und zeigt auf einen Altbau. „Als ich die Wohnung verlassen habe, bin ich einfach nur aus der Wohnung geflüchtet und dachte, ich brauche nichts, ich renne nicht zurück, ich brauche nur mich und meine Erinnerungen.“ Das WG-Leben aus der Studentenzeit ist ausgelöscht. Und doch entfacht das Desaster eine Idee, die Nanine Renninger Jahrzehnte später umsetzt: Eine Fotografin auf den Spuren der Erinnerung. Sie fragt: Was ist für uns so wertvoll, dass wir es als Erinnerungsstück behalten?

Fototermin bei Liv und Tim, sie ist Yogalehrerin, er Key Account Manager. Sie halten ein besonderes Küchengerät in Ehren, ein Erbstück, eine Herzensangelegenheit und jetzt ein Fotoobjekt. „Das ist ein Dampfentsafter“, erklärt Tim. „Das Wasser muss kochen, damit der Dampf die sehr harten Poren vom Obst öffnet, damit dann der Saft rauskommt.“ Und Liv ergänzt: „Unser Herz aber hängt daran, weil er von Oma ist.“

Erinnerungsstücke für die Ewigkeit?

Das Cover des Buches "Erinnerungsstücke"

Das Buch „Erinnerungsstücke“ von Nanine Renninger ist im Kerber Verlag erschienen und kostet 40 Euro.

Nanine Renninger, hat 44 Menschen und ihre Erinnerungsstücke für ihr gleichnamiges Buch porträtiert. „Es geht ganz viel um Emotionen“, sagt sie. „Hier sehen wir zum Beispiel die blaue Bank, die vom Opa gebaut worden ist, von Hannover nach Hamburg zog und jetzt dort im Garten steht.“ Eine wackelige Bank, bei der der Lack teils ab ist. Für die Porträtierte trotzdem sehr wertvoll. Ebenso präsentiert Vivian Förster ein für sie wertvolles Erinnerungsstück: „Mein Uropa war Architekt und der hat im Grunde genommen immer auf Reisen oder Spaziergängen so kleine Skizzen angefertigt“, erzählt die Kommunikationsdesignerin. „Ich finde das einfach total toll, dass das so lange in Ehren gehalten wurde.“

Auch den persischen Gemüsehändler in ihrer Nachbarschaft kann Nanine Renninger für ihr Fotoprojekt begeistern. Ali Shahandeh hat eine berührende Geschichte. Vor mehr als vier Jahrzehnten musste er aus dem Iran fliehen. Er konnte rein gar nichts mitnehmen. „Als ich an dem Projekt gearbeitet habe, habe ich im Gespräch mit Ali herausgefunden, dass er eigentlich kein richtiges Erinnerungsstück von früher hat“, erzählt die Fotografin. „Meine Erinnerungen stecken in mir selbst“, meint daraufhin der Kaufmann. „Ich hab alles in mir und damit bin ich dann geflüchtet.“

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Fotografisches Denkmal in Buchforn

Zurück an den Hans-Albers-Platz, wo einst Nanines Studenten-WG abbrannte. Das Lokal gegenüber hat Bestand. Auch ein Stück Pizza kann Nostalgie auslösen. „Die Pizza schmeckt noch genauso wie in den 1990er-Jahren, also viele Jahre her, aber die Erinnerung bleibt. Sehr schön.“ Ob Pizza-, Erb- oder Familienstück, Fotografin Nanine Renninger setzt der Erinnerung ein fotografisches Denkmal – in ihrem Showroom und in ihrem Buch „Erinnerungsstücke.“

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