Singen, spielen, trösten, Streit schlichten – Alexandra R. ist seit fast zehn Jahren Kinderpflegerin im Raum Augsburg – und das mit großer Begeisterung. In dieser Zeit hat sie in verschiedenen Einrichtungen viel Erfahrung gesammelt. Und irgendwann wollte sie mehr – mehr Verantwortung, mehr Hintergrundwissen, größere Karrierechancen. Vor rund drei Jahren hat Alexandra R. deshalb eine Weiterbildung zur Erzieherin begonnen, die sie eigentlich bald abschließen wollte. Doch was sie inzwischen in ihrem Umfeld erlebt, schockiert sie so sehr, dass sie heute gar nicht mehr weiß, ob sie die Ausbildung überhaupt noch abschließen will.
„Überall wird von Fachkräftemangel gesprochen. Gleichzeitig erlebe ich, wie Menschen, die sich weiterqualifizieren und Erzieherinnen oder Erzieher werden möchten, immer wieder auf große Hindernisse stoßen“, berichtet die 29-Jährige unserer Redaktion. Das gelte vor allem für das Jahr des Berufspraktikums, das am Ende der bis dahin vor allem theoretischen Ausbildung steht. Viele Einrichtungen würden keine solchen Stellen anbieten oder bereits getroffene Zusagen sogar wieder zurückziehen. „Für die Betroffenen kann das bedeuten, dass eine mehrjährige Ausbildung plötzlich vor dem Aus steht“ – so wie bei ihr selbst.
Arbeitgeber zieht Zusage für Praktikum kurz vor dem Start zurück
Hinzu kommt: Finanziell überleben in der Ausbildung, wenn man nicht mehr bei den Eltern wohnt, das ist schwierig. Sie selbst habe erlebt, wie belastend es sein kann, Arbeit, Ausbildung und laufende Lebenshaltungskosten zu vereinbaren. „Ich frage mich deshalb: Wenn wir dringend mehr Fachkräfte brauchen, warum werden Menschen, die sich weiterqualifizieren möchten, nicht stärker unterstützt?“

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In den Kitas werden aktuell weniger Kinder betreut als noch vor ein paar Jahren, vor allem in den Krippen. Hintergrund: Seit einigen Jahren gehen die Geburten sprürbar zurück.
Foto: Christoph Soeder/dpa (Symbolfoto)
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In den Kitas werden aktuell weniger Kinder betreut als noch vor ein paar Jahren, vor allem in den Krippen. Hintergrund: Seit einigen Jahren gehen die Geburten sprürbar zurück.
Foto: Christoph Soeder/dpa (Symbolfoto)
Dass sie selbst an den Punkt gekommen ist, wo sie sich frage, ob sie die Ausbildung überhaupt noch abschließen wolle, macht sie traurig. „Mir gefällt die Arbeit mit Kindern. Kinder sind unsere Zukunft und verdienen gut ausgebildete Fachkräfte.“ Gerade aus diesem Grund sollte die Ausbildung stärker abgesichert werden. Sie selbst habe schon zweimal versucht, BAföG zu beantragen – „aber für das Meister-BaföG fehlen in meinem Beruf die Voraussetzungen“.
Das bedeutet: Um sich ihren Alltag mit eigener Wohnung weiter finanzieren zu können, hatte sich Alexandra R. entschlossen, die Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren. Also arbeitet sie weiter als Kinderpflegerin mit 35 Stunden pro Woche, abends und teilweise auch am Wochenende ist dann Schule angesagt.
Während dieser Teil der Ausbildung zur Erzieherin üblicherweise zwei Jahre dauert, ist das in Teilzeit ein Jahr mehr. Das letzte Jahr der Ausbildung besteht dann in beiden Fällen in einem Berufspraktikumsjahr, das jeweils im September beginnt. Schon im Januar hatte Alexandra R. dafür von ihrem aktuellen Arbeitgeber eine Zusage – die jetzt, wenige Tage vor ihren Abschlussprüfungen, zurückgezogen wurde. Nicht nur sie findet sich in solch einer unsicheren Situation wieder. Und jetzt, mitten in der Prüfungszeit, findet sie sich wieder in der Situation, Bewerbungen schreiben und auf eine Zusage für einen neuen Praktikumsplatz hoffen zu müssen.
Fachkräftemangel prägt weiterhin den Alltag in Kitas
Und das geht nicht nur ihr so, sondern einem großen Teil der Abschlussklasse, weiß Alexandra R. Die Belastung dadurch sei groß, nicht nur so kurz vor der Prüfung. „Wir alle können nur ein Jahr aussetzen und es im nächsten September nochmals mit einem Praktikum probieren“, sagt sie. Danach ist, so die Regelung bislang, die bis dahin absolvierte Ausbildung nicht mehr gültig. Also Jahre der Weiterbildung umsonst? Alexandra R. kennt viele Kolleginnen, die in andere soziale Bereiche wechseln, weil sie sich dort bessere Arbeits- und Karrierebedingungen erwarten. Zudem sei vor allem im Krippenbereich bereits spürbar, dass seit 2022 wieder weniger Kinder geboren werden als in den Vorjahren. Also werden in Zukunft einfach weniger Erzieherinnen und Erzieher gebraucht?
Aktuell zumindest ist der Fachkräftemangel in vielen Einrichtungen noch Alltag. „Ich wünsche mir, dass nicht nur Träger, Politiker oder Behörden über den Fachkräftemangel sprechen, sondern auch die Menschen, die täglich in den Einrichtungen arbeiten oder sich gerade in der Ausbildung befinden“, bestätigt die Kinderpflegerin. Denn nicht nur Kitas profitieren von Fachkräften, die sich mit fachlicher Methodik oder Psychologie auskennen, so einige der Inhalte, die die Ausbildung ausmachen. Auch Alexandra R. hat für ihre eigene Zukunft einen Traum, der über die alleinige Arbeit mit Kindern hinausgeht. „Ich möchte einmal in der Familienberatung arbeiten“, sagt sie. An die Ausbildung als Erzieherin möchte sie deshalb noch ein Sozialpädagogik-Studium anschließen. Doch das kann nur mit einer abgeschlossenen Ausbildung gelingen.