Die Anzeichen, dass im Bereich der Kindertagesstätten etwas ins Rutschen gekommen ist, hatten sich in den vergangenen Monaten gehäuft. Steinhagen und Versmold stoppten bereits geplante Neubauprojekte für Kitas, in Werther machten die Johanniter einen Rückzieher, obwohl auf dem Hof Overbeck bereits Bauarbeiten gelaufen waren.
Nun hat die plötzlich nachlassende Nachfrage nach Betreuungsplätzen im Altkreis Halle noch schwerwiegendere Konsequenzen: Eine bestehende Kita steht vor dem Aus. Das war zuletzt von der Kindertagesstätte Grashüpfer in Greffen bekannt geworden: Sie macht schon zum 1. August dicht. Im Haller Ortsteil Hesseln läuft die „Gnadenfrist“ noch länger. Allerdings dürfte es auch darüber noch Diskussionen geben: Träger- und Nutzungsvertrag wurden zum 31. Dezember 2027 gekündigt. Die Formulierung in der Mitteilung von Kreis Gütersloh und AWO legt nahe, das man sich noch nicht einig ist, ob die Kündigung nun zum 31. Juli 2027 oder 2028 wirksam wird. AWO, Kreis und die Stadt Halle würden das noch prüfen, heißt es.
Was jetzt schon feststeht: Der Kita-Standort in Hesseln hat eigentlich keine Perspektive mehr. Theoretisch wäre es natürlich denkbar, einen neuen Träger zu suchen. Allerdings zeichnet der Kreis Gütersloh für die Kindergartenbedarfsplanung verantwortlich und müsste den Betrieb einer Kita unter neuer Regie genehmigen. Jene Behörde also, die gerade gemeinsam mit der AWO OWL öffentlich verkündet hat, dass „ein wirtschaftlich tragfähiger Betrieb der Einrichtung perspektivisch nicht mehr sichergestellt werden kann“.
AWO hat auch im Altkreis Halle vor drei Jahren Krise durchgemacht
Kinder sind die Zukunft – die besteht für die AWO-Kita in Hesseln allerdings nicht mehr. Weil ihr die Kinder perspektivisch fehlen.
| © Marc Uthmann
Das könnte ja nur für die AWO OWL gelten, die Ende 2023 eine Insolvenz durchgemacht hat und bei verschiedenen Einrichtungen Probleme hatte, die Betreuung personell sicherzustellen. Allerdings liefern AWO und Kreis noch einen Nachsatz: Sie sprechen von „deutlich sinkenden Kinderzahlen, einem veränderten Anmeldeverhalten und einer seit mehreren Jahren rückläufigen Auslastung der Einrichtung“. Das wiederum sind generelle Trends, gegen die auch ein neuer Träger nur schwer anarbeiten könnte.
Kita-Krise trifft Halle: AWO schließt eine ihrer Einrichtungen
Kurzum: Hesseln hat ein Standortproblem. Wer sich im Umfeld der Einrichtung bei Eltern und Mitarbeitenden umhört, stößt auf Bedauern, aber keinesfalls auf Überraschung oder Bestürzung. Weil sich das Aus abgezeichnet hatte. „Schenken Sie uns hier ein Neubaugebiet“, heißt es einmal gegenüber dem HK. Mit nur gut 30 Kindern aus den offenbar alternden umliegenden Siedlungen lässt sich eine Kita nun mal nicht dauerhaft rentabel betreiben.
Hinzu kommen die besagten, grundlegenderen Entwicklungen. Natürlich könnte man sich fragen, warum Kreis, Träger und Kommunen jetzt so von einer Welle überrollt werden, die sich angesichts einer auf Jahre im Voraus angelegten Kindergartenbedarfsplanung doch eigentlich hätte ankündigen müssen. Diese Frage habe auch ich an dieser Stelle schon einmal durchaus kritisch gestellt.
Sonderausschuss in Halle sollte eine ehrliche Analyse liefern
Rund 500 Teilnehmer der vom Evangelischen Kirchenkreis Halle veranstalteten Demo gegen die geplanten Reformen des Kinderbildungsgesetzes in NRW zogen am Mittwochnachmittag vom alten ZOB zum Kirchplatz.
| © Uwe Pollmeier
Aber offenbar existieren eben doch eine Menge Variablen bei der Aufgabe, den Bedarf an Betreuungsplätzen für eine Stadt oder Region Jahre im Voraus zu schätzen: Gibt es besagte neue Baugebiete, wie entwickelt sich die Zuwanderung, wie beeinflussen womöglich auch gesamtwirtschaftliche Entwicklungen die Entscheidungen von Familien? Mittlerweile zeigt sich, dass die Variablen offenbar wesentlich sensibler reagieren und ein über Jahre eher an der oberen Kapazitätsgrenze belastetes System komplett zum Kippen bringen können.
Lautstarker Protest in Halle: Kitas und Familien machen ihrem Ärger Luft
Stadt, Kreis und Haller Politik wollen die Entwicklungen in einem Sonderausschuss am 24. Juni aufarbeiten. Dabei sollte eine möglichst ehrliche Analyse allerdings im Mittelpunkt stehen. Nach wie vor gilt: Die Krise der Kitas ist eben nicht nur Demografie. Nicht umsonst haben gerade erst Mitarbeitende der evangelischen Kitas im Kirchenkreis in Halle demonstriert: Gegen das Kinderbildungsgesetz in NRW, das den Einrichtungen kaum noch Spielräume zum wirtschaftlichen Betrieb lasse.
Es ächzt also nicht nur die AWO, andere Träger tun das auch. Und ohne Frage entscheiden sich aktuell mehr Eltern als noch vor wenigen Jahren gegen eine Betreuung ihres Kindes in einer Kita. Weil die Mittel im Haushalt aufgrund der aktuellen Wirtschaftskrise und negativer gesamtgesellschaftlicher Stimmung momentan eher zusammengehalten werden. Und weil eine Kita-Betreuung derzeit womöglich nicht die Verlässlichkeit bietet, die Familien mit zwei voll erwerbstätigen Eltern dringend brauchen. Hier kommt wieder der Fachkräftemangel ins Spiel.
Aktuell wird in Halle ökonomisch kalt ein „Markt bereinigt“
Der könnte, so zynisch das klingt, gerade gelindert werden, wenn Einrichtungen schließen. Erzieherinnen und Erzieher werden dann eben in anderen Einrichtungen gebraucht. Womöglich wird in der Region – und auch das klingt im pädagogischen Sektor wiederum ökonomisch kalt – gerade ein Markt „bereinigt“, der in den vergangenen Jahren zu rasant aufgebläht wurde.
Sinkende Nachfrage: Stecken die Kitas im Altkreis Halle in der Krise?
Für Hesseln bleibt diese Entwicklung schade: Weil ein Ortsteil damit eine Einrichtung verliert, die das Zusammenleben der Menschen stärkt. Das Ganze könnte womöglich schneller gehen als von den Verantwortlichen gedacht. Dann nämlich, wenn Eltern jetzt schon reagieren und die Kita wechseln, damit ihre Kinder eine möglichst lange Zeit mit vielen Spielkameraden in einem Haus mit Perspektive haben.
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