
AUDIO: Liebe, Rache, Wirklichkeit: „Der Troubadour“ als Spiegel der Zeit in Hannover (4 Min)
Stand: 14.06.2026 10:46 Uhr
Traumata, Rache und die unmögliche Liebe zweier Kontrahenten zu einer Frau – darum geht es in Giuseppe Verdis „Der Troubadour“. Nun hat die Staatsoper Hannover die Oper neuinszeniert.
Die Welt ist öde und leer. Auf einem grauen Felsmassiv, das die Bühne dominiert, versucht Leonora ihrem Schicksal zu entkommen. Mit dem Troubadour Manrico, den sie liebt, darf sie ihr Leben nicht teilen – denn auch der mächtige Graf Luna hat ihr seine Liebe gestanden. Dramatisch ist ihr Versuch, einen Weg aus der Misere zu finden.
„Es wird von ihr erwartet, dass sie den Grafen heiratet, aber sie begehrt auf und entscheidet sich für Manrico“, erzählt die portugiesische Sopranistin Cristina Oliveira, die Leonora verkörpert. „Genau das versuche ich musikalisch und schauspielerisch umzusetzen und ein Gleichgewicht zwischen den lyrisch-romantischen Zügen ihrer Persönlichkeit und ihrer sehr starken dramatischen Seite herzustellen.“
Troubadour-Stoff lässt sich mit unserer Gegenwart verbinden
Auch auf der gesellschaftlichen Ebene wirken starke Emotionen: Graf Luna wurde von seinem Vater beauftragt, seinen toten Bruder zu rächen. Manrico wird über die Frau, die er für seine Mutter hält, mit dessen Tod in Verbindung gebracht. Das Ganze spielt vor dem Hintergrund eines Bürgerkriegs, in dem die beiden Kontrahenten sind.
Für Regisseur Wolfgang Nägele, der mit dieser Oper seinen vierten Verdi inszeniert, ist es viel Stoff, der sich mit unserer Gegenwart verbinden lässt. „Ich finde diese vielen Perspektiven interessant, auch dass eigentlich in der Oper gar nicht so viel passiert. Alles hat vor der Oper oder zwischen den Akten stattgefunden und wird von verschiedenen Figuren erzählt“, so der Regisseur. „Und dieses Thema: Was ist Wahrheit oder wie subjektiv ist Wahrheit, finde ich total interessant.“

Die Staatsoper Hannover wurde unter seinem Dirigat als „Bestes Opernhaus“ ausgezeichnet. Nun wechselt der Chefdirigent nach Gent.
Kuhhörner und Baseballschläger
Bühnenbildnerin Lisa Däßler stellt diejenigen, die ihre Version der Vorgeschichte erzählen, geschickt in ein Fernsehstudio, lässt Bildschirmwände aus dem Bühnenhimmel schweben, ein Lagerfeuer per Fernseher in die graue Felslandschaft stellen. Kostümbildnerin Irina Spreckelmeyer findet für das Getümmel des Bürgerkriegs ein heutiges Bild, indem sie die Kämpfer in Anlehnung an den Sturm aufs Capitol in Amerika 2021 mit Kuhhörnern und Baseballschlägern ausstattet.
Dazu kommen Verdis Innenansichten der Protagonisten. „Das ist das modernste Stück, das er komponiert hat“, findet Wolfgang Nägele, „weil er sich so auf innere Zustände fokussiert und gar nicht mehr so viel Wert auf Storytelling legt. Für ihn geht es in dem Stück zugespitzt um diese Traumatisierung und Radikalisierung von Einzelpersonen meines Erachtens.“
Anspielungen wirken ernüchternd
Das bringen die Protagonisten in „Der Troubadour“ in Hannover überzeugend auf die Bühne. Und doch will der Funke nicht so recht überspringen. Die triste graue Felslandschaft auf der Bühne wirkt trotz fulminanter Musik bedrückend. Anspielungen auf die Polarisierung in der Gesellschaft und postfaktische Wahrheiten verbindet die Inszenierung zwar geschickt mit der Gegenwart, sie wirken zugleich aber ernüchternd. Ein Opernabend mit gemischten Gefühlen.

Der gebürtige Sizilianer übernimmt ab der Saison 2026/2027 die künstlerische Leitung an der Staatsoper Hannover.

Seit 100 Tagen ist Vasco Boenisch Intendant des Schauspiels Hannover. Im Gespräch zieht er eine Zwischenbilanz und blickt auf die neue Spielzeit.