
Die Bahngesellschaft Italo will in Deutschland einsteigen – auf zwei lukrativen Strecken. Anderswo könnte das weniger Züge zur Folge haben, warnt die EVG. Betroffen wären laut der Gewerkschaft Augsburg, Münster und 14 weitere Städte.
Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG warnt vor Verschlechterungen im deutschen Fernverkehr durch den geplanten Einstieg des italienischen Bahnunternehmens Italo. Dies könnte im Fernverkehr zu deutlichen Einschränkungen führen. Mindestens 16 Städten drohe die Einstellung oder Ausdünnung von ICE- und IC-Halten, heißt es in einer Analyse der Bahngewerkschaft, die auch dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt. Zuerst hatte die Bild am Sonntag darüber berichtet.
Die EVG betonte, dass dies eine erste Analyse sei und nur Bahnhöfe aufgeführt würden, bei denen sich die Gewerkschaft nach bisherigen Erkenntnissen sicher sei, dass es zu erheblichen Auswirkungen kommen würde. Die tatsächlichen Folgen dürften weitreichender sein.
Italo will ab 2028 in Deutschland fahren
Die Bahn mit ihren ICE- und IC-Zügen hat derzeit im Fernverkehr einen Marktanteil von etwa 95 Prozent – einzige nennenswerte Mitbewerber sind bislang Flixtrain sowie die österreichische Westbahn, die auf der Strecke Salzburg-München-Stuttgart fährt. Italo will ab 2028 in Deutschland Fernverkehrsfahrten anbieten. Das Unternehmen will dafür umfangreich in Züge investieren – aber auch eine gewisse Sicherheit haben, dass es lukrative Trassen bedienen darf. Diese Trassen vergibt die Bahn-Tochter InfraGo unter Aufsicht der Bundesnetzagentur.
Die Bahn betont seit Wochen, dass sie nichts gegen Wettbewerb habe. Sie warnt aber vor einer Überlastung wichtiger Knotenpunkte – und vor einem Wegfall von Fahrten auf weniger gut ausgelasteten Strecken, wenn lukrative Trassen an Konkurrenten gehen. „Wir als Deutsche Bahn tragen Verantwortung für die Mobilität in Deutschland. Nicht nur auf den stark nachgefragten Verbindungen, sondern eben für ein funktionierendes Gesamtsystem“, so formulierte es Bahn-Chefin Evelyn Palla.
Gewerkschaftschef warnt vor „Rosinenpickerei“
Das italienische Unternehmen will zunächst die Strecken München-Frankfurt/Main-Köln-Dortmund und München-Berlin-Hamburg befahren – zwei Verbindungen, auf denen auch die ICE-Züge der Bahn gut ausgelastet sind. EVG-Chef Martin Burkert warnte: „Wenn Italo hier Rosinenpickerei betreiben darf und die Bahn von den Hauptstrecken verdrängt wird, zerlegt das unseren Fernverkehr.“ Die Deutsche Bahn könne dann Fernzugverbindungen in der Provinz weniger quersubventionieren, sagte er der Bild am Sonntag – und argumentiert damit ähnlich wie die Bahn selbst.
Laut EVG-Analyse würde ein Italo-Markteintritt an den Bahnhöfen Aachen, Bamberg, Chemnitz, Cottbus, Freiburg, Ingolstadt, Jena, Magdeburg, Norddeich Mole, Osnabrück, Rostock, Saarbrücken, Schwerin und Singen massive Auswirkungen auf den Fernverkehr haben. Auch Augsburg und Münster wären betroffen, die mit gut 300.000 Einwohnern zu den 25 größten Städten Deutschlands zählen. In Trier – wo derzeit keine Fernzüge halten – würde demnach eine geplante IC-Anbindung wegfallen.
Der Gewerkschaftsvorsitzende fordert Paketlösungen bei der Streckenzuteilung, mit denen Italo verpflichtet wird, auch Zuglinien in der Provinz zu bedienen. Ähnlich argumentiert der bundeseigene Bahn-Konzern. Bahnchefin Palla rief die Politik jüngst auf, bessere politische Rahmenbedingungen zu schaffen. „Sonst droht ein ungesteuerter Wettbewerb, dessen Folgen sich am Ende womöglich für die Mehrheit negativ auswirken“, sagte sie.
Länder-Verkehrsminister zeigen „wenig Gegenliebe“
Eine Sprecherin des Bundesverkehrsministeriums teilte mit, man habe die Berichte zur Kenntnis genommen, äußere sich aber nicht zu „Spekulationen dieser Art“.
Allerdings äußerte sich ein Vertreter der Länder-Verkehrsminister: Der Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, Christian Bernreiter aus Bayern, sagte dem ARD-Hauptstadtstudio, „die Idee, nur noch große Metropolen miteinander zu verbinden, stößt auf wenig Gegenliebe bei den Verkehrsministerinnen und Verkehrsministern der Länder“. Jedes Oberzentrum müsse einen Fernverkehrsanschluss haben, so der CSU-Politiker. „Rosinenpickerei nur für rentable, große, schnelle Strecken, das geht gar nicht.“ Als Oberzentren bezeichnen Geographen größere Städte, die bestimmte Funktionen erfüllen – die 16 von der EVG genannten Städte fallen fast alle darunter.
Auf weniger ausgelasteten Fernverkehrsstrecken hat die Bahn ohnehin noch ein anderes Problem: Seit Einführung des Deutschlandtickets weichen viele Fahrgäste auf manchen Strecken auf Regionalzüge aus, die oft nicht wesentlich langsamer sind als die Fernzüge. ICE oder IC werden auf solchen Strecken damit noch weniger rentabel.