Mit dem Start der WM steigt auch das Sticker-Fieber an. Bei der ersten Tauschbörse in Stuttgart fanden am Sonntag sowohl echte Sammelnerds als auch Einsteiger zusammen.

Das Problem ist klar: Irgendwann macht Kaufen einfach schon deshalb keinen Sinn mehr, weil die Zahl der Dubletten immer größer wird, je voller das Sammelalbum ist. Die kostengünstigste Lösung, um zum Ziel zu gelangen, heißt dann: tauschen.

Das kann man unter Freunden machen. Viel effektiver ist es aber, eine der Tauschbörsen zu besuchen, die jetzt, nach Start der Fußballweltmeisterschaft, in vielen Städten der Republik wie Pilze aus dem Boden schießen. In Stuttgart ging die erste Sammelbilder-Tauschbörse am Sonntag im Haus des Sports neben der MHP-Arena über die Bühne.

Als dort um 13 Uhr die Türen aufgehen, warten schon die ersten Sammler ungeduldig auf Einlass. Die Nachfrage ist auch deshalb so groß, erfährt man schnell, weil der italienische Sticker-Hersteller Panini nicht mit den Lieferungen nachkommt. „In den Supermärkten und Kiosken findet man nichts mehr“, erzählt die 54-Jährige Ute Kobe. In der Hoffnung, bei der Sammelbörse ihre Lücken in dem 112 Seiten starken Album füllen zu können, ist sie extra aus Calw angereist.

Leidenschaft für Sticker

Frauen und Mädchen sind am Sonntag zwar in der Unterzahl, aber es gibt sie. Das Alter der Sticker-Jäger variiert ansonsten zwischen sechs und 60 Jahren. Erfahrene Sammler wie Miguel Gonzales aus Weilheim, der, wie er erzählt, die Fußballbilder seit Jahrzehnten sammelt, haben kleine Karteikästen dabei. Darin sind die doppelten Motive sorgfältig geordnet. Auf Listen stehen die fehlenden Bildnummern.

Gonzales ging die Sache stabsplanmäßig an: „Wir haben gleich am Anfang zu dritt für 150 Euro je eine Box mit 150 Tütchen à sieben Motiven gekauft.“ Danach wurde untereinander getauscht. Was dann immer noch fehlte, müsse jetzt auf Tauschbörsen gefunden werden. Bei Gonzales sind das nur noch vier Motive von den insgesamt 980 möglichen Stickern im aktuellen Panini-Sammelheft.

Die erste große Stuttgarter Panini Tauschbörse Foto: Christoph Schmidt

Damit scheint er zumindest finanziell bisher ziemlich gut gefahren zu sein. Christian Hesse, Mathematik-Professor der Uni Stuttgart, hat kürzlich auf Grundlage der Wahrscheinlichkeitsrechnung ermittelt, dass bei 980 Motiven rund 7300 Bilder erworben werden müssen, um ein Album vollständig zu füllen. „Dann ist man bei 1600 Euro im Schnitt für ein volles Album“, sagte er gegenüber der „Tagesschau“.

Überrascht von der großen Nachfrage

Das geht aktuell schon deshalb nicht, weil der Markt leergefegt ist. Markus Kleber, Chef des Stuttgarter Streaming-Anbieters Leagues, und Arndt Greiff vom Plüderhausener Onlinehändler Stickerpoint, die zusammen mit der Sportregion Stuttgart die Tauschbörse organisiert haben, bestätigen diesen Eindruck.

Sportreporter Philipp Maisel (Mitte) im Gespräch mit Markus Kleber (li.) und Arndt Greiff, den beiden Veranstaltern der Sticker-Tauschbörse in Stuttgart. Foto: Torsten Schöll

„Von den Boxen mit 50 und 100 Tüten gibt es am deutschen Markt fast keine mehr“, sagt Greiff. Panini verspreche, demnächst wieder zu liefern. Von der großen Nachfrage scheint der italienische Produzent jedenfalls überrascht worden zu sein: „Vielleicht“, so Kleber, „weil die letzte WM nicht so gut lief.“

Valentin Ends Stickeralbum ist erst zur Hälfte gefüllt. Jetzt versucht er auf der ersten Sticker-Tauschbörse in Stuttgart die fehlenden Bilder zu finden. Foto: Torsten Schöll

An den Tischen in den drei Sälen im Haus des Sports finden sich im Laufe des Sonntagnachmittags bis 16 Uhr immer mehr Sammler ein. Wer an einem Tisch nicht mehr fündig wird, zieht zum nächsten, um sein Glück zu versuchen. Der 20-jährige Valentin End aus Stuttgart hat seine doppelten Bilder übersichtlich aufgereiht: „Mir fehlen noch über 450 Bilder“, sagt er.

Fußball-WM löst Hype aus

Panini betont stets, dass alle Fußballer jedes Landes gleich oft vorkommen. Trotzdem hat Valentin End einige Spieler, die beim Kauf der Sammeltütchen immer wieder auftauchen: „Die Nr. 20 von Jordanien zum Beispiel“, erzählt er. Und auch die Nr. 8 von Paraguay komme sehr häufig vor. „Das ist schon auffällig.“

Ob die Tauschbörse in Stuttgart während der WM wiederholt wird, will dann Philipp Maisel wissen, der als Sportreporter unserer Zeitung im Rahmen der Veranstaltung mit Arndt Greiff und Markus Kleber ein kurzes öffentliches Interview führt. „Gut möglich“, antwortet der Stickerpoint-Chef am Mikrofon. Am Ende hänge das vom Hype ab, den die Fußball-WM in den kommenden Wochen auslöst.