Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau, es weht ein leichter Wind. Im idyllischen Kirchgarten der Stephanuskirche in Echterdingen sind weiße Pavillons aufgebaut. Schon kurz nach 10 Uhr am Samstagmorgen befindet sich ein Brautpaar im Kennenlerngespräch unter einem der Pavillons. Das war nicht unbedingt absehbar. Die vier evangelischen Kirchengemeinden in Leinfelden-Echterdingen bieten an diesem Tag spontane kirchliche Trauungen und Segnungen an – doch wie das Angebot angenommen werden würde, war im Vorhinein unklar.

Alle sechs Pfarrer der vier Kirchengemeinden sind am Samstag im Einsatz. „Wir wissen überhaupt nicht, wie es wird“, hatte Pfarrer Martin Weinzierl im Vorfeld gesagt. Ein solches Traufest habe es in Leinfelden-Echterdingen noch nie gegeben, daher könne er nicht einschätzen, wie viele Paare kommen. Bei dem Fest können sich Heiratswillige ganz spontan in, an oder auf der Echterdinger Stephanuskirche kirchlich trauen oder segnen lassen. Voraussetzung ist, dass mindestens ein Ehepartner evangelisch und das Paar bereits standesamtlich verheiratet ist. Letzteres hätte ebenfalls noch kurzfristig erledigt werden können: Das Echterdinger Standesamt hatte eigens Zusatztermine für den 13. Juni eingerichtet, die man bis Ende Mai reservieren konnte. Dafür hatte sich jedoch kein Paar angemeldet.

Pfarrer in Leinfelden-Echterdingen erwarten den Tag gespannt

Umso gespannter sind die Pfarrer am Samstagmorgen, was sie erwartet. Lange müssen sie sich nicht gedulden. Immer wieder kommen Paare durch das steinerne Tor in den Kirchgarten, schauen sich suchend um und werden sogleich von einem der Pfarrer in Empfang genommen. Etwa Frank und Daniela, die bereits während der Coronapandemie standesamtlich geheiratet haben. „Damals war die Frage, ob wir überhaupt heiraten können“, erzählt Daniela. Trotz Pandemie habe es geklappt, aber der kirchliche Segen habe ihnen gefehlt. „Wir wollten aber nicht noch einmal eine große Feier, sondern wollten die kirchliche Trauung nur für uns“, sagt Frank. Deshalb hätten sie sich spontan für das Traufest entschieden – und niemandem davon erzählt.

Pfarrer Thomas Epperlein führt mit spontan Heiratswilligen ein Kennenlerngespräch im Kirchgarten der Echterdinger Stephanuskirche. Foto: Markus Brändli

Auch Sven und Steffi wollten eigentlich schon längst kirchlich heiraten. „Bislang war das aber nicht möglich, weil Sven nicht getauft ist“, erzählt Steffi. Ihnen sei entgegengekommen, dass beim Traufest nur einer der Partner evangelisch sein müsse. Er sei ohne Kirche in Ostdeutschland aufgewachsen und im Südwesten erst langsam an die Kirche herangeführt worden, erzählt Sven. „Ich habe zwar kurz gezögert, aber dann habe ich gesagt: Das machen wir.“

Sarah und Markus entscheiden sich spontan für Trauung

Sarah und Markus sind seit drei Jahren standesamtlich verheiratet. „Wir wohnen in Leinfelden, haben aber nicht hier geheiratet, weil unsere Familien nicht von hier sind“, erzählt Sarah. Um sich dem Ort verbundener zu fühlen, würden sie jetzt gern noch einmal hier heiraten. Zudem hätten sie gemerkt, dass sie es doch schön fänden, sich auch kirchlich trauen zu lassen – und zwar nur für sich selbst, ohne große Feier. „Als wir heute morgen gemerkt haben, dass unsere Hochzeitsklamotten noch passen, haben wir uns ganz spontan für die Trauung heute entschieden“, sagt Sarah und lacht.

Gabriele und Nikolai Ziegler sind mit ihren beiden Kindern gekommen – sie in weißem Brautkleid, er im dunklen Anzug. Als sie vor Kurzem von der Aktion der evangelischen Kirchengemeinden erfuhren, hätten sie ihre „verstaubten Hochzeitsroben“ von der standesamtlichen Trauung 2018 aus dem Schrank geholt, erzählt Gabriele. „Wir wollten keine klassische kirchliche Trauung – und kein Fest für andere, sondern für uns“, sagt Nikolai. Daher passe das Traufest gut.

Trauung auf Kirchturm der Stephanuskirche

Die beiden entscheiden sich für den Turm der Stephanuskirche als Trauort. Mit dem fünfjährigen Elias und der siebenjährigen Elena im Schlepptau und Pfarrer Lukas Balles vorneweg erklimmen sie, vorbei an den riesigen Glocken, die 173 Stufen bis nach oben. In dem winzigen Turmzimmer stehen zwei Klappstühle. Ein schmaler Tisch mit kleinem Kreuz und einem Strauß rosa Rosen dient als Altar. Ganz ohne Gäste bleibt die Trauung nicht: Nikolais Eltern haben sich ebenfalls spontan auf den Weg gemacht, um der Hochzeit ihres Sohnes beizuwohnen. Nach der kurzen Zeremonie darf das Brautpaar noch die Aussicht vom kleinen Turmbalkon genießen, bevor es die engen Treppen wieder hinuntergeht.

Birgit und Heinrich Hegger haben vor 40 Jahren in der Echterdinger Stephanuskirche geheiratet. Am Samstag haben sie ihre Ehe von Pfarrer Lukas Balles spontan noch einmal unter Gottes Segen stellen lassen. Foto: Markus Brändli

Ein ganz besonderes Ereignis feiern Birgit und Heinrich Hegger. Vor fast genau 40 Jahren haben die beiden Musberger in der Stephanuskirche geheiratet – die Kirche in Musberg war damals wegen Renovierungsarbeiten gesperrt. Beim Traufest stellen sie ihre Ehe erneut unter Gottes Segen und schwelgen in Erinnerungen. „Damals war auch so schönes Wetter wie heute, aber viel heißer“, erzählt Birgit Hegger. Und auch am Trautag vor 40 Jahren sei gerade die Fußball-Weltmeisterschaft gelaufen. „Aber heute geht es um die Frage: Würdest du mich noch einmal heiraten?“, sagt Heinrich Hegger – und beide lachen fröhlich.

Gegen Mittag ist einiges los im Kirchgarten. Während einige noch ihre Vorgespräche führen, stoßen andere bereits auf ihre Trauung an. Unterdessen serviert der CVJM selbst gebackene Deie und Getränke. Bis kurz vor Ende des Traufestes kommen Heiratswillige vorbei, um den kirchlichen Segen zu empfangen – allerdings keine gleichgeschlechtlichen Paare, deren Segnung in der Peter-und-Paul-Kirche in Leinfelden möglich gewesen wäre. Insgesamt werden an diesem Tag im Kirchgarten, in der Kirche und auf dem Kirchturm sieben kirchliche Trauungen und fünf Segnungen vollzogen. Eine sehr gute Bilanz für das erste Fest dieser Art, findet Pfarrer Weinzierl: „Wir sind zufrieden.“