Bielefeld. Wie viel Licht passt auf ein einzelnes Gemälde? In eine Skulptur? Welche Formen kann das Licht annehmen? Viele, sehr viele, wie Alexander Baumgarte von der Galerie Samuelis Baumgarte ab dem 13. Juni zeigen wird. „Dissonanzen des Lichts“ komponiert aus Exponaten von mehr als hundert Jahren Kunstgeschichte eine Ausstellung, die berühmte Maler wie Max Liebermann, Pablo Picasso und Gerhard Richter der Papierkünstlerin Lore Bert, der Fotografin Astrid Lowack oder dem Bildhauer Tony Cragg gegenüberstellt.
„Kunst ist kein Privileg der wohlhabenden Menschen“, sagt Baumgarte, „man braucht die zwar zuweilen, aber eigentlich soll Kunst öffnen“. Sein linker Unterarm ruht auf dem Counter der Kunstpause Art & Book Lounge, einem Separee in der Galerie, in dem Besucher sitzen, Kaffee trinken und in Bildbänden stöbern können. Bis zu 60 Personen am Tag kämen täglich, aus unterschiedlichsten Bereichen und Kohorten.
Verkaufspreise möchte er öffentlich nicht lesen – aber, dass die meisten die Meister nur ansehen, nicht mitnehmen können, bedarf bei Namen wie Richter und Picasso keiner Erklärung. Die Werke sollen in Dialog treten, sagt Baumgarte. Darum seien sie nicht chronologisch geordnet, sondern nach unterschiedlichen Ausdrucksformen, aber verständig, was ihre jeweilige Bildsprache angehe.
Galerist Marcus Erlenbauer im Gespräch mit seiner Mitarbeiterin Nelleke Steinmetz. Sie betrachten die Skulptur „Stages 95“ von Tony Cragg, ein Teil der Ausstellung Dissonanzen des Lichts.
| © Andreas Zobe
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Licht und Dunkelheit im technischen Zeitalter
In den Werken aller ausstellenden Künstler bricht sich das Licht: Es bleibt nicht bloßes Instrument der Darstellung, sondern wird selbst zum Motiv ihres künstlerischen Schaffens. Licht kann sogar, wie Baumgarte anhand von Lesser Urys Ölgemälde „Unter den Linden“ zeigt, politisch sein.
Die Berliner Prachtstraße im Sonnenschein der 1920er Jahre: Baumkronen, die freundliche Schatten werfen, während links aus der Bildmitte eine Kolonne schwarzer, bedrohlicher Autos wächst. „Das ist die Technisierung von Großstädten, eine Überpopulation von Autos“, sagt Baumgarte. „Die Autos, das ist die Zeit der Technik, die jetzt auf uns zukommt“. Selbst Menschen, die ikonografischen Analysen wenig abgewinnen können, können sich einer solchen Deutung kaum verschließen: Ury nutzt das Licht als Mittel zur Gegenwartsdiagnose.
Manche der Werke in „Dissonanzen des Lichtes“ strahlen den Betrachter so an, dass kein Zweifel an ihrer Motivzugehörigkeit bleibt. Die „Lübecker Bucht“ von Lionel Feiniger etwa, ein Aquarell aus dem Jahre 1936. Als scheine die Sonne direkt durch das Bild hindurch.
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Das Licht betritt den Raum
Andere Werke, wie die drei ausgestellten Radierungen von Pablo Picasso, sind subtiler in ihrem Bezug. Die von Baumgarte beschriebene Metamorphose des Menschen durch Licht bleibt dem ersten Blick versagt. Aber, auch darauf legt er wert, „Jeder Mensch nimmt das Licht anders wahr“.
Diese Erkenntnis materialisiert sich bei Tony Cragg, dem „viertwichtigsten Bildhauer weltweit“, wie Baumgarte erklärt. In seiner Edelstahl-Skulptur „Stages 95“, gegossen in Sand, reflektiert das Licht je nach Bewegung und Position in unterschiedliche Formen. Das Licht verlässt die Fläche und betritt den Raum.
Manch ein Besucher wird die verstiegenen kunsthistorischen Deutungsangebote goutieren, andere werden mit ihnen fremdeln. In jedem Fall bleibt den Betrachtern eine sinnliche Freude beim Umhergehen und Ansehen der Werke – ein bisschen, als blickte man durch ein Kaleidoskop.
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INFORMATION
📌Ausstellung „Dissonanzen des Lichts“
Die Vernissage ist am 13. Juni 2026 um 17 Uhr in der Samuelis Baumgarte Galerie, Niederwall 10, 33602 Bielefeld. Die Ausstellung endet am 29. August.
