In den sozialen Medien kursieren zurzeit Bilder von Menschen inmitten von gepunkteten Riesententakeln. Die Gebilde wuchern aus Wänden und dem Boden und sehen aus wie eine Erscheinung, die das Gehirn unter LSD produziert. Andere Nutzer posten Fotos von einem menschenhohen Kürbis oder einem in Dunkelheit getauchten Wohnraum, der mit leuchtenden Farbtupfern übersät ist.
Die Bilder stammen aus einer Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama. Seit Mitte März läuft die Schau im Museum Ludwig in Köln und wird wohl einen neuen Besucherrekord des Hauses aufstellen. Während mit der nahenden Weltmeisterschaft der Fußball die öffentliche Wahrnehmung dominiert, wird häufig übersehen, wie viele Menschen sich auch für Kultur interessieren. Gleichzeitig verändern soziale Medien und digitale Formate die Art, wie Kunst erlebt wird. Wie müssen Museen konzipiert sein, um attraktiv zu bleiben – vor allem für die jungen Generationen?
Fast eine Viertelmillion Besucher in der Kusama-Schau in Köln
Fast eine Viertelmillion Besucher haben die Kusama-Retrospektive bis vergangenen Mittwoch bereits gesehen. Mit ihrer Kunst verarbeitet die 97-jährige Japanerin Halluzinationen, die sie seit ihrer Kindheit erlebt. In Kusamas Frühwerk geht es auch viel um Feminismus und Pazifismus. „Und das sind ja Themen, die wieder sehr aktuell sind“, betont Yilmaz Dziewior, Direktor des Museum Ludwig.
Dass Kunst nach wie vor großen Anklang findet, zeigen auch Besuchszahlen aus anderen Schauen: Die Hamburger Kunsthalle etwa veranstaltete vor zwei Jahren die meistbesuchte Ausstellung in der Geschichte des Hauses mit Werken von Caspar David Friedrich. Für die historische Vermeer-Ausstellung 2023 pilgerten Hunderttausende nach Amsterdam. Und die zurzeit laufende Schau „Monets Küste – Die Entdeckung von Étretat“ im Frankfurter Städel lockte seit Mitte März bereits über 150.000 Interessierte an.
Mehr als 100 Millionen Besuche in deutschen Museen
Insgesamt registrierten deutsche Museen im Jahr 2024 rund 107 Millionen Besuche, wie das Institut für Museumsforschung meldete. Dazu zählen nicht nur Kunstausstellungen, sondern alle Arten von Museen. Um das einmal mengenmäßig einzuschätzen: Für die Spiele der Ersten und Zweiten Bundesliga wurden in der Saison 2024/25 etwa 21 Millionen Tickets verkauft.
Die Kusama-Ausstellung beweist, dass Kunst auch junge Menschen fasziniert. Etwa ein Viertel der Besucher sei unter 18 Jahre alt, schätzt Museumsdirektor Dziewior. Ein Grund für die Beliebtheit der Ausstellung sei, dass es viele von Kusamas Werken erlauben, selbst in die Kunst einzutauchen. Damit eigneten sie sich ideal für Fotos in den sozialen Medien.
Immersive Ausstellungen ohne Originalwerke: „Marketing, keine Kunst“
Instagram-tauglich sind auch die vielen sogenannten immersiven Ausstellungen, die es in immer mehr Städten gibt. In diesen werden meist keine Originalwerke gezeigt, sondern Bilder an Wände projiziert, oft begleitet von Musik. Die Ausstellungen gibt es zu bekannten Künstlern wie Frida Kahlo und Vincent van Gogh. In den sozialen Medien finden sich zahlreiche Fotos, auf denen die Besucher vor den Animationen posieren. Gehen Menschen etwa nur noch in Kunstausstellungen, um ein Selfie für Instagram zu machen?
Zumindest für die Kusama-Ausstellung in Köln gilt dies nur bedingt, erklärt Museumsdirektor Dziewior. „Wir merken, dass unser Publikum auch wissbegierig ist.“ Es könne zwar durchaus sein, dass manche Besucher hauptsächlich für ein Foto kommen. „Aber der schöne Nebeneffekt ist, dass sie für sich und ihr Leben viel lernen.“ Zu immersiven Ausstellungen ohne Original-Kunstwerke hat Dziewior eine klare Meinung: Sie sähen zwar schön aus und die Besucher könnten auch dort etwas lernen. „Aber das ist Marketing, keine Kunst.“

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Yilmaz Dziewior ist Direktor des Museum Ludwig in Köln. Zu immersiven Ausstellungen ohne Originalwerke sagt er: „Das ist Marketing, keine Kunst.“
Foto: Falko Alexander
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Yilmaz Dziewior ist Direktor des Museum Ludwig in Köln. Zu immersiven Ausstellungen ohne Originalwerke sagt er: „Das ist Marketing, keine Kunst.“
Foto: Falko Alexander
Kann man mit Gemälden junge Menschen noch für Kunst begeistern?
Dabei experimentieren auch etablierte Museen mit digitalen Formaten, etwa VR-Brillen. Aus Sicht von Dziewior sind diese allein allerdings nicht die Zukunft der Kunstvermittlung. Ein Medium entscheide noch nicht über den Erfolg einer Ausstellung, sondern die Inhalte. „VR-Brillen für sich sagen noch gar nichts, genauso wenig wie Öl auf Leinwand per se etwas sagt.“ Neben digitalen Darstellungsformen begeistern klassische Formate wie Gemälde und Skulpturen nach wie vor, ist Dziewior überzeugt – gerade weil sie einen Gegensatz zum Internet mit seiner Bilderflut bildeten.
Wie gerne Menschen Kunst vor Ort erleben, habe sich anhand der Reaktion der Besucher nach den Corona-Lockdowns gezeigt. „Das ist einfach ein riesiger Unterschied, ob Sie einen Rothko und dieses Pulsieren der Bilder in Original oder bei Instagram sehen“, betont Dziewior. „Gerade in Krisenzeiten haben wir so viele gesellschaftliche Fragen. Kunst kann helfen, sich entweder genau mit diesen Problemen zu befassen – oder abzuschalten und sich mit urmenschlichen Fragen zu beschäftigen.“