20. März 1959, die Royal Albert Hall in London. Die Stimmung ist aufgeheizt, die BBC überträgt live, der riesige Saal ist ausverkauft, 756 Mitwirkende stehen auf der Bühne. Es gibt Gustav Mahlers gigantische 8. Sinfonie Es-Dur, die „Sinfonie der Tausend“. Ein Kollegium aus Solisten und sechs Chören singt, das London Symphony Orchestra spielt, Jascha Horenstein steht am Pult.

Es ist ein Gipfelpunkt im Schaffen des großen Dirigenten, der zu Mahler einen besonderen Zugang hatte: Er war 1928 der erste Maestro gewesen, der dessen „Kindertotenlieder“ für die Schallplatte einspielte. Seine Karriere hatte der Jude Horenstein ein Jahr später in Düsseldorf fortgesetzt – bis sie dort 1933 jäh beendet wurde, von den Nazis und der brüllenden SA ausgerechnet während einer „Fidelio“-Aufführung im Opernhaus, dessen Generalmusikdirektor Horenstein damals war. Jetzt erinnert dort ein ganzer Tag an den Dirigenten, der 1929 an den Rhein gekommen war. Drei Veranstaltungen des „Fokus: Jascha Horenstein“ am 21. Juni wollen zeigen, wie modern der Musiker dachte und welche enorme musikalische Kompetenz er besaß.

Horenstein, 1898 in Kiew geboren, kam über Wien und Berlin nach Düsseldorf; er war Schüler des Komponisten Franz Schreker und Zögling des Dirigenten Wilhelm Furtwängler gewesen, der ihn schon Mitte der 1920er-Jahre mit den Berliner Philharmonikern auftreten ließ. In Düsseldorf ermöglichte Horenstein mit dem Intendanten Walter Bruno Iltz ein Musiktheater, das sich der Moderne öffnete. Horenstein machte sich um die Aufführung zeitgenössischer Opern verdient, auf dem Programm der Oper standen in jenen Jahren Ernst Kreneks „Schwergewicht“, die Uraufführung von Manfred Gurlitts „Die Soldaten“, „Der Lindberghflug“ von Kurt Weill, Igor Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“ und Hans Pfitzners „Das Herz“, Hermann Reutters „Der verlorene Sohn“ (nach André Gide) und Winfried Zilligs „Der Rossknecht“. Über eine Düsseldorfer Aufführung seiner Oper „Wozzeck“ schrieb der Komponist Alban Berg an Iltz: „Diese Reprise freut mich mehr als manche Erstaufführungen, ja sie macht mich stolz“.

Der „Fokus“-Tag im Opernhaus besteht aus mehreren miteinander verbundenen Veranstaltungen. Zunächst gibt es eine Matinee um 11 Uhr im Foyer. Es folgt eine Aufführung von „Wozzeck“ (in Stefan Herheims spektakulärer Inszenierung aus dem Jahr 2017) um 15 Uhr. Um 17 Uhr gibt es ein Podiumsgespräch. Damit soll der Gedenktag auf drei Ebenen wirken: als Klang, als Opernerfahrung und als Reflexion.

Die Matinee trägt den Titel „Wien – Berlin – Düsseldorf: Eine musikalische Hommage an Jascha Horenstein“ und wird von Studierenden der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf gestaltet. Das Programm spannt einen Bogen von Ernst Krenek über Igor Strawinsky und Alban Berg bis zu Franz Schubert und Ludwig van Beethoven. Damit entsteht eine programmatische Miniatur dessen, wofür Horenstein stand: die Gleichzeitigkeit von Moderne und Überlieferung. Ernst Kreneks „Kleine Suite für Klarinette in B und Klavier op. 28“ verweist auf die musikalische Zwischenkriegsmoderne, also genau auf jenen Horizont, in dem Horenstein als junger Operndirigent wirkte.

Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ bringt eine andere Seite dieser Epoche ins Spiel: rhythmische Schärfe, stilistische Mobilität, theatralische Zuspitzung. Alban Bergs „Sieben frühe Lieder“ schlagen dann die Brücke zu jener Wiener Moderne, die Horenstein in Düsseldorf nicht nur akzeptierte, sondern förderte. In der Programmlogik ist Berg der Schlüsselkomponist des Tages, weil Horenstein gerade seine Werke mit besonderer Konsequenz auf den Spielplan setzte.

Schubert und Beethoven ergänzen das Bild. Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ erinnert an eine Tradition existenzieller Innerlichkeit. Beethovens „Fidelio“ in der Bläseroktett-Fassung ist schließlich doppelt aufgeladen: als Symbol der Freiheit und als Verweis auf jenes Werk, das Horensteins Düsseldorfer Ende markierte.

Horenstein war nach dem Krieg aus dem US-amerikanischen Exil nach Europa zurückgekehrt. Zunächst dirigierte er in Frankreich, später auch in Deutschland (etwa beim SWR-Orchester in Baden-Baden oder bei den Bamberger Symphonikern). Seine Wahlheimat fand er in England, wo er häufig mit dem London Symphony Orchestra arbeitete. Nach Düsseldorf kehrte er nie wieder zurück. Er starb 1973 in London.