Stand: 15.06.2026 15:54 Uhr
Für Renate Ites aus Oldenburg ist Malen wie eine Therapie – und auch ein tiefes Bedürfnis. Mit 80 Jahren traut sie sich an die Öffentlichkeit und zeigt ihr begehbares Gesamtkunstwerk exklusiv dem NDR.
Jahrzehntelang hat die pensionierte Altenpflegerin gemalt – nur für sich selbst. Dabei hat sie nicht nur Bilder gemalt, sondern auch all ihre Möbel und ihre Wohnung verziert. Sie hat die Wände bemalt. Alle. Und die Fensterrahmen. Und den Fußboden. Bettwäsche. Kleidung. Stühle. Tische. Schränke. Badewanne und Toilette mit Spülkasten. Hauptsache, es ergab am Ende für sie ein harmonisches Gesamtbild.
„Wahrscheinlich wäre ich verrückt geworden, wenn ich nicht gemalt hätte. Ich konnte mich nie ausdrücken, ich konnte meinen Eltern nicht erzählen, was in mir war. Ich habe nie was von mir erzählt. Und dann habe ich mitgekriegt, wenn ich male, dann kann ich mich ausdrücken. In meinen Bildern habe ich mich getragen gefühlt.“
Künstlerin schafft „Tagebuch in Bildern“

Ihren Esstisch hat Renate Ites schon dreimal übermalt.
Eigentlich sollte es nur eine Art „Tagebuch in Bildern“ sein: „Eine Frau malt sich frei“ hat sie ihr Gesamtkunstwerk genannt. Renate Ites hat es nie jemandem gezeigt, außer Freunden und Familie. Jetzt macht sie ihre Tür auf und sagt: „Malen war wie Tagebuchschreiben für mich – und ein Tagebuch gibt man ja nicht in die Öffentlichkeit – aber jetzt, mit 80 Jahren, bin ich bereit dazu.“ Sie lacht.
„Ich male spontan drauf los“
Renate Ites hat gemalt, gesprüht, gezeichnet. Auf Papier, Leinwand, Pappe. Styropor. Sie malte Porträts ihrer Kolleginnen im Altenheim. Viele Frauenbilder. Köpfe. Figuren. „Die Inspiration war ausschlaggebend. Das können Farben, Menschen, Erlebnisse sein – und dann male ich spontan drauflos, weiß jedoch nicht, was ich malen werde. Das Ergebnis selbst ist eine Überraschung für mich.“ Für Außenstehende möglicherweise irritierend. Zu viel. Aber das stört Renate Ites nicht. Denn sie malt ja für sich selbst.
Malen wie eine Form von Therapie

Renate Ites malt immer noch jeden Tag.
„Ich musste mir vielleicht selbst beweisen, dass ich etwas zustande bringe“, sagt sie. Immer, wenn Renate Ites ein Bild fertigstellt, ist das für sie wie ein Geschenk. „Ich frage mich immer, wie es angehen kann, dass da sowas aufs Papier gekommen ist?“ Vorher weiß sie nie, was genau entsteht; es fließt einfach aus ihr heraus, erzählt sie. An eine Ausstellung habe sie bisher auch noch nie gedacht: „Ich habe mich selbst nur so gefreut, dass da solche Bilder entstanden sind.“
Mutter, Hausfrau, Altenpflegerin – und Künstlerin
Sie malte schon als Kind, eine Kunstlehrerin erkennt und fördert ihr Talent. Und so wird die junge Renate an der Kunsthochschule in Hildesheim angenommen. Doch dann wird sie schwanger und erstmal Mutter, Hausfrau und später Altenpflegerin. Aber sie malt weiter. Jeden Tag. Für sich. Dadurch ist sie heile geworden, sagt sie. Und sitzt ganz ruhig und zufrieden lächelnd in ihrer Kunst. Mit 80 Jahren. „Ich könnte nie in einer Wohnung mit weißen Wänden wohnen. Die müsste ich sofort bemalen. Aber dann müsste ich ja 160 Jahre alt werden, wenn ich jetzt nochmal 80 Jahre dafür brauche.“
Renate bemalt alles: Kleidung, Tassen, Möbel

Man kann alles bemalen, sagt Renate Ites.
Sie bemalt auch ihre Kleidung. Ihr Hut ist bemalt. Ihre Schuhe, ihre Taschen. Die schwarze Bluse, die sie heute trägt. Möbel in ihrer Wohnung wurden zum Teil mehrfach übermalt. Ihr Esstisch hat schon die dritte ‚Bemalung‘. „Es kommt sicher noch eine vierte Schicht“, sagt Renate. „Oft werde ich gefragt: Wie machst du hier bloß sauber? Für mich ist das so: Ich liebe Patina. Ich werde älter. Der Tisch wird älter. Und wenn ein bisschen Staub draufkommt, dann bemale ich das wieder. Dann ist der Staub darunter.“
Erste öffentliche Ausstellung
Dass Renate Ites sich jetzt an die Öffentlichkeit traut, verdankt sie ihrer Tochter Esther Deemter und ihrem Schwiegersohn Frederik Deemter. Beide gaben ihr einen Schubs. Esther Deemter malt selbst auch. Hat inzwischen zwei Galerien auf Mallorca. Die Kunst verbindet Mutter und Tochter. Frederik Deemter scherzt: „Ich warne immer die Besucher: Bleibe bloß nicht zu lange in der Wohnung, sonst kommst du auch angemalt wieder raus.“
„Ich muss malen und zeichnen“
Renate Ites malt immer noch jeden Tag. „Die Malerei ist aber nicht mehr ganz so wichtig. Ich muss zwar malen und zeichnen, aber ich muss nicht mehr so lange an einem Bild sitzen. Und ein Bild, an dem ich sonst eine Woche gemalt hätte, wird jetzt in ein oder zwei Tagen fertig.“ Sie hat sich in ihr kleines Malzimmer verzogen. Sie malt im Stehen, über Papier gebeugt. Sie quetscht weiße Farbe aus einer Plastikflasche und lächelt. Es fließt eben einfach so aus ihr heraus.

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