Beschauliche Stunden auf dem Bismarckplatz im Stuttgarter Westen bevor die Sonne untergeht. Es ist warm. Vor diversen Kneipen stehen Stühle und Tische im Freien. Musik klingt aus Lautsprechern. Bier, Wein, Aperol oder sonst etwas wird getrunken. Aber dieses Feierabend-Vergnügen ist nicht der Grund für den Besuch auf dem Platz. Es geht um dessen Namen, welchen zudem auch noch eine weiterführende Straße trägt. Eine örtliche, politisch links stehende Initiative will ihn nämlich weg haben. Sie sieht in Otto von Bismarck eine historisch vergiftete Person.

Warum aber? Als geschichtlich interessierter Mensch erlebt man beim ersten Nachfragen bei zufälligen Begegnungen auf dem Bismarckplatz gleich mal eine schwere Enttäuschung. „Bismarck? Wer war denn das? Irgendein alter Typ, oder?“, kommt als Antwort von einem tätowierten Pärchen, das unweit einer Eisdiele bei der St. Elisabeth-Kirche zusammen mit zwei Kindern abhängt.

Fehlende historische Bildung

Wobei die Tattoos nicht als Klischee für eher bescheidene Bildung stehen sollen. Solche Körperkunst haben hier viele der Flanierer und Kneipengäste auf der Haut: Totenköpfe, Blumen, fernöstliche Schriftzeichen. Einer hat sich sogar den kommunistischen Helden Ernesto Che Guevara auf den Oberarm stechen lassen.

Fast ist man in diesem Zusammenhang froh, dass nicht auch Bismarck von einer Haut herunter grüßt, vielleicht sogar von einem bloß liegenden Bierbauch aus. Aber dazu müssten die entsprechenden Leute sowieso erst mal wissen, wer der Mensch überhaupt war.

Ganz kurz formuliert, lässt sich sagen, dass er maßgeblich vor rund 150 Jahren jenes Deutsche Reich geformt hat, auf welches das moderne Deutschland zurückgeht. Mit anderen Worten: Bismarck wird als Reichsgründer gerühmt, als jener Mann, der die deutsche Kleinstaaterei beendete.

Otto von Bismarck,  Gründer und erster Kanzler des Deutschen Reiches.Bild vergrößern

Otto von Bismarck,  Gründer und erster Kanzler des Deutschen Reiches. (Foto: Steffen Range)

Dafür hatte er schon zu Lebzeiten vielfache Ehrungen erhalten. Nach seinem Tod 1898 setzte sich dies fort. Wobei nicht nur Straßen oder Plätze nach ihm benannt wurden. Es entstanden Denkmäler, darunter im ganzen Reich fast zahllose sogenannte Bismarck-Türme. Der Mann entwickelte sich zum patriotischen Mythos.

Tausende Gedenkstätten

Im heutigen, nach zwei Weltkriegen wesentlich kleiner gewordenen Deutschland existieren noch rund 3000 Plätze, Straßen, Denkmäler oder Gebäude, die seinen Namen tragen. In Stuttgart sind es neben dem Bismarckplatz die Bismarckstraße, das dort befindliche Bismarckhaus, die Bismarckbüste in der benachbarten Vogelsangstraße, die Bismarckschule im Stadtteil Feuerbach und der Bismarckturm auf dem Gähkopf im Norden der Stadt.

Letzteres Denkmal wurde 1904 fertiggestellt. Das im Stil der Zeit klobig gehaltene Bauwerk geht auf eine Initiative der Studentenschaft der Technischen Hochschule Stuttgart zurück. Heutzutage ist es ein bekannter Aussichtspunkt. In lauen Sommernächten sammelt sich beim Turm gerne wildes Party-Volk und lässt laut Klagen von Anliegern nur zu oft seinen Müll zurück. Zudem erinnern Graffiti daran, dass sich Schmierfinken einfinden.

Empfohlene Artikel

Anders als beim Bismarck-Platz und der Bismarck-Straße scheint es aber keine Absichten zu geben, den Turm zu beseitigen. Vielleicht liegt er zu abseits. Bei einer nachmittäglichen Stippvisite dort oben kann aber festgestellt werden, dass es eine gleiche Ignoranz wie unten in der Stadt gibt. „Der Turm ist ein Denkmal? Das war mir nicht klar“, sagt eine junge Frau, die sich Karla nennt. Sie sonnt sich zusammen mit einer Freundin auf einem Mauerstück. Diese meint dann noch: „Von dem Bismarck haben wir mal was in der Schule gehört.“

Immerhin. Aber vielleicht muss man bei Bismarck doch ein wenig ausholen. Die Geschichte führt nicht nur ins 19. Jahrhundert, sondern ebenso ins damalige Königreich Preußen, Bismarcks Heimat. Sie war neben dem österreichischen Habsburgerreich seinerzeit der mächtigste deutsche Staat. Daneben gab es einige Dutzende kleinere Länder, meist ebenso Monarchien, die mit den beiden Großmächten in einem losen Bund zusammengeschlossen waren.

Die preußische Macht stärken

Vor allem im Bürgertum existierte aber der Traum von einem einigen deutschen Gesamtstaat. Dieser Traum beinhaltete auch eine republikanische Regierungsform. Er platzte jedoch mit dem Scheitern der bürgerlichen Revolution von 1848/49. Doch die Idee einer deutschen Einigung war nicht tot. 1862 kam Bismarck an entscheidender Stelle ins Spiel. Er wurde Preußens Ministerpräsident, ein Monarchist und ausgefuchster Machtpolitiker. Letzteres brachte ihm später den Ruf des „eisernen Kanzlers“ ein.

Bismarck griff den Nationalgedanken auf. Er verstand ihn als Möglichkeit, die preußische Macht zu stärken. Gleich nach seinem Amtsantritt kam es in einer Rede vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin zu seinem wohl bekanntesten Zitat: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das war der große Fehler von 1848 und 1849 –, sondern durch Eisen und Blut.“

Es folgten die drei sogenannten Einigungskriege. 1864 verdrängten preußische und österreichische Truppen Dänemark aus Norddeutschland. 1866 kam es zum deutschen Bruderkrieg. Österreich verlor gegen die Preußen. Es schied aus Deutschland aus.

Die Proklamation Wilhelms I. zum Kaiser im Spiegelsaal von Versailles 1871 gilt als Geburtsstunde des Deutschen Reichs. Otto von Bismarck ist in der Bildmitte in weißer Uniform zu sehen.Bild vergrößern

Die Proklamation Wilhelms I. zum Kaiser im Spiegelsaal von Versailles 1871 gilt als Geburtsstunde des Deutschen Reichs. Otto von Bismarck ist in der Bildmitte in weißer Uniform zu sehen. (Foto: wikipedia)

Worauf der Blick nach Westen ging. Einer Einigung der verbliebenen deutschen Länder stand nur noch das auf europäische Dominanz bedachte französische Kaiserreich unter Napoleon III. im Wege. 1870/71 sprachen wieder die Waffen. Unter Preußens Führung siegten die Deutschen. Bismarck konnte die Reichsgründung vollziehen. Preußens König Wilhelm I. wurde deutscher Kaiser. Bismarck rückte zum Reichskanzler auf.

Viel Schwertgeklirr und Pulverdampf

Für heutige mitteleuropäische Ohren mag diese Geschichte viel zu viel Schwertgeklirr und Pulverdampf beinhalten. In Bismarcks Epoche führten größere Staaten jedoch immer wieder Krieg. Dies galt als ihr legitimes Recht. Insofern war der 1815 geborene Bismarck nur ein Kind seiner Zeit.

So tut es beispielsweise in Frankreich dem ehrenden Gedenken an den ersten, 1821 im Exil verstorbenen Kaiser Napoleon Bonaparte keinen Abbruch, dass er unablässig Schlachten geschlagen hat. Wobei dieser wilde Krieger auch eine andere Seite hatte: die des Staatsreformers. So hat er den „Code Civil“ eingeführt, das Bürgerliche Gesetzbuch.

Bei Bismarck lässt sich Ähnliches finden. Er wurde Sozialreformer im neu gegründeten Deutschen Reich. Auf ihn gehen die Kranken-, Unfallversicherung und Rentenversicherung zurück. Wie so oft dachte Bismarck in diesem Zusammenhang strategisch. Mit diesen Wohltaten sollte der Einfluss der aufstrebenden Sozialisten auf die Arbeiterschaft eingedämmt werden.

Blick  auf den Bismarckplatz in Stuttgart. Im Hintergrund ist die St. Elisabeth-Kirche zu sehen.Bild vergrößern

Blick  auf den Bismarckplatz in Stuttgart. Im Hintergrund ist die St. Elisabeth-Kirche zu sehen. (Foto: Uwe Jauß)

Neben den roten Bestrebungen sah der wie die gesamte preußische Führung protestantisch geprägte Reichskanzler noch einen weiteren innenpolitischen Gegner: Katholiken. Auch deren Einfluss versuchte er zurückzudrängen. Die Wahl der Mittel: obrigkeitsstaatliche Bedrängung. Was scheiterte. Bismarck akzeptierte dies.

Ein nüchterner Machtpolitiker

Er war ein Politiker des Möglichen, der sprichwörtlichen nüchternen Realpolitik.  Streit um des Streites Willen, Ideologie oder visionäre Schwärmerei waren dagegen nicht sein Ding.

So hat sich Bismarck in seiner Zeit als Reichskanzler bis 1890 unter anderem immer dagegen gewandt, aus nationalem Überschwang weitere Gebiete in Europa zu erobern. Das Reich sei saturiert, hieß es. Sonst würde es an einem Übermaß an Feinden zugrunde gehen. Eine wahre Erkenntnis, wie der spätere Fortgang der Geschichte zeigte.

Anders als konkurrierende europäische Mächte wie etwa Frankreich oder Großbritannien hielt der Reichskanzler auch nichts von Kolonien. Der Trend der Zeit ging jedoch in die andere Richtung. Führende Kreise in Deutschland wollten es den anderen Mächten gleichtun. Sie schielten auf „einen Platz an der Sonne“, wie die imperialistischen Bestrebungen beworben wurden.

Es ging ihnen vor allem um die Teilnahme des europäischen Wettlaufs zur Aufteilung Afrikas. Bismarck gab dem Druck 1884 nach und ließ zu, dass sich das Reich erste Gebiete in Schwarzafrika sicherte. Um weitere internationale Streitereien bei der Aufteilung des Kontinents zu vermeiden, lud Bismarck im selben Jahr die Vertreter von 13 Staaten der nördlichen Hemisphäre zur Kongo-Konferenz nach Berlin ein. Auf diesem Treffen wurden die Spielregeln für die weitere Kolonialisierung Afrikas verhandelt.

Der Bismarckturm auf dem Gähkopf in Stuttgart.Bild vergrößern

Der Bismarckturm auf dem Gähkopf in Stuttgart. (Foto: Stuttgart Tourismus)

Was übrigens recht erwartbar zu den Punkten gehört, welche die Anti-Bismarck-Front dem Reichskanzler ankreiden. Damit zurück nach Stuttgart und dem Namensstreit. Zugegeben: Das facettenreiche Leben des Reichskanzlers bietet aus heutiger Sicht zahlreiche Angriffsmöglichkeiten – wie auch das Dasein anderer historischer Personen.  Man blicke bloß auf die württembergischen Könige oder Herzöge, deren Namen sich auch auf Stuttgarts Stadtplan wiederfinden.

Linke machen mobil

Eine gute Frage ist es deshalb, warum überhaupt eine Umbenennungsdiskussion losgetreten worden ist? Eigentlich fing alles harmlos an – und zwar mit Plänen für die Neugestaltung des Bismarckplatzes vor mehr als zehn Jahren. Die Idee dabei: weniger Verkehr, dafür eine weitere städtebauliche Aufwertung durch mehr Botanik.

Solche Arbeiten lassen zwar weiter auf sich warten. Dafür wird jedoch seit ungefähr 2020 der Gedanke propagiert, bei einer Sanierung auch gleich Bismarcks Namen verschwinden zu lassen. Zu seinen Gegnern gehören unter anderem die Grünen im Stuttgarter Gemeinderat. Ihre Meinung: Wegen „einer undemokratischen Haltung“ sei der bisherige Namensgeber nicht mehr tragbar. Die Gemeinderatsfraktion „Linke/SÖS/Plus“ sekundiert dabei.

Empfohlene Artikel

Mit im Spiel ist ebenso die linke Bürgerinitiative „Die AnStifter“. Für sie steht Bismarck für Unterdrückung, Kolonialismus und das Vorgehen gegen politische Gegner. Aus den „AnStiftern“ heraus soll schließlich die Bewegung „Ein Platz für Betty Rosenfeld“ entstanden sein. Sie will Bismarck gegen diese Frau austauschen.

Rosenfeld wird als Ikone des Widerstands gegen die historischen Nazis stilisiert. Sie war Jüdin. Ihr Elternhaus stand in der Stuttgarter Breitscheid-Straße und damit unweit des Bismarckplatzes. 1942 wurde Rosenfeld von den Nazis in Auschwitz ermordet. Doch die gelernte Krankenschwester ist auch politisch aktiv gewesen. Bereits in den 1920er Jahren suchte sie den Kontakt zu den Kommunisten, die wie die Nazis entschlossene Gegner der Weimarer Republik waren.

Ein vergilbtes Passbild der aus Stuttgart stammenden Kommunistin Betty Rosenfeld. Die Jüdin wurde 1942 von den Nazis in Auschwitz umgebracht. Nun will eine linke Initiative, dass der Bismarckplatz nach dieser Frau benannt wird.Bild vergrößern

Ein vergilbtes Passbild der aus Stuttgart stammenden Kommunistin Betty Rosenfeld. Die Jüdin wurde 1942 von den Nazis in Auschwitz umgebracht. Nun will eine linke Initiative, dass der Bismarckplatz nach dieser Frau benannt wird. (Foto: Foto: CDMH Salamanca)

Während des Spanischen Bürgerkriegs stieß Rosenfeld 1937 zu den Internationalen Brigaden, die gegen den rechtsgerichteten General Francisco Franco und seine Unterstützer aus dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland kämpften. Diese Freiwilligentruppe war seinerzeit bereits stalinistisch unterwandert, stand also unter dem Einfluss des verbrecherischen Sowjet-Diktators Josef Stalin. In Spanien beantragte Rosenfeld zudem die Aufnahme in die von Moskau gesteuerte Kommunistische Partei Deutschlands.

Die Furcht vor den Kosten einer Umbenennung

Auch ihr Schicksal in Auschwitz ändert nichts daran, dass sie keine Anhängerin freiheitlicher demokratischer Vorstellungen war, sondern offenbar geistig einem grausamen Diktator nahestand.

Aber wohin geht jetzt die Debatte? Die zum Stuttgarter Kulturamt gehörende Koordinierungsstelle Erinnerungskultur hat kürzlich zu einer Diskussionsrunde eingeladen, einem Bürgerdialog. Das Ergebnis: ein andauerndes Für und Wider in Sachen Bismarck – mit angekündigtem Fortgang der Debatte.

Palavert man am Bismarckplatz und drumherum mit weiteren zufällig anzutreffenden Menschen, wird eher der Eindruck vermittelt, dass das Thema kaum jemandem unter den Nägeln brennt. Am spürbarsten reagieren vielleicht noch Geschäftsleute: „Das soll alles beim alten bleiben. Eine Umbenennung bedeutet für uns eine geschäftliche Adress-Änderung. Das müssen wir teuer bezahlen, das schadet dem Betrieb“, meint ein Schuster in seinem Reparaturladen.

Am Schluss hat er aber dann doch noch einen Vorschlag: „Wenn schon eine Umbenennung, dann in Gänseblümchen-Platz. Das wäre definitiv unbelastet – auch in 100 Jahren noch.“