Können Sie uns hier ein Beispiel geben?
Die Kinder lernen in der Kita bereits Regeln, die sie dann in der Schule wiederfinden. Zum Beispiel der Ablauf des Morgenkreises. Der ist in einigen Verbünden abgestimmt und verläuft sehr ähnlich. Die Kinder erleben durch das bekannte Ritual Sicherheit und fühlen sich schon ein bisschen heimisch in der neuen Umgebung.
Gibt es in den Verbünden auch abgestimmte Inhalte im Fachunterricht?
Ja, die gibt es. Im Bereich Mathematik haben sich zum Beispiel mehrere Verbünde auf eine Fachsprache verständigt. Die Kitakinder lernen bereits die entsprechenden Wörter, die sie später in der Grundschule wieder erleben – etwa wenn von einem „Vorgänger“ und dem „Nachfolger“ einer Zahl die Rede ist.
Lassen Sie uns noch mal auf die Verbundstruktur zurückkommen. Wird die Zusammensetzung der Verbünde von der Bremer Bildungsbehörde festgelegt? Oder entscheiden die Schulen und Kitas selbst, wer sich mit wem verbündet?
Das ist ein partizipativer Prozess, der in diesem Kita- und Schuljahr stattgefunden hat. Dazu gab es zwölf Stadtteilkonferenzen, zu denen alle Kitas und Grundschulen eines Stadtteils eingeladen waren und auf denen gemeinsam festgelegt wurde, welche Kitas und Grundschulen miteinander arbeiten. So konnten die Kooperationen, die es schon gab, zum Teil auch verstetigt werden. Dabei spielt natürlich auch die räumliche Nähe eine wichtige Rolle für die Zusammenschlüsse. Ziel ist, dass die Kinder möglichst kurze Wege haben.
Wie profitieren die Kinder konkret von den Verbundstrukturen?
Durch die Gestaltung der Übergänge können die Kinder diese möglichst brucharm und transparent erleben und sich selbst dabei als kompetent wahrnehmen. Die pädagogischen Fachkräfte aus den Kitas und Grundschulen nähern sich in Bezug auf die Lern- und Bildungsziele immer mehr einem gemeinsamen Bildungsverständnis an und bauen auf dem auf, was die Lernausgangslage der Kinder erfordert. Das stärkt insgesamt die Resilienz, die Sicherheit und die Lernmotivation der Kinder. Dazu ist auch der fachliche Austausch unbedingt erforderlich, der in Bremen durch das gemeinsame Curriculum, entsprechende Fortbildungen und den Austausch bewährter Methoden, Materialien und Medien realisiert wird.
Profitieren vom Bildungsplan 0 bis 10 insbesondere Kinder von Schulen, die im Startchancen-Programm sind?
Ich glaube, dass sich der Bildungsplan sowohl für Kinder in privilegierten Stadtteilen als auch für Kinder in herausfordernden Lagen positiv auswirkt. Er unterstützt die Chancen aller Kinder durch abgestimmte Strukturen, Ressourcen und Kommunikation. So wird Bildung hoffentlich für alle Kinder in Bremen erreichbar – unabhängig von ihren situativen Herausforderungen.
Am Startchancen-Programm können bisher nur Schulen teilnehmen. Bietet der Bremer Bildungsplan auch die Möglichkeit, die frühkindliche Bildung in das Programm zu integrieren?
Ich gehe davon aus, dass der Bildungsplan ein Instrument sein kann, um die frühkindliche Bildung systematisch zu integrieren. Wenn man das Startchancen-Programm für Kitas auch indexbasiert umsetzen würde, wäre das natürlich eine große Chance, da wir in unserem Bundesland bereits sozialräumlich organisiert sind. Insofern könnte der Bildungsplan tatsächlich das verbindende Framework sein.
Neben dem gemeinsamen Lehrplan und der Integration der Sozialräume sind als dritte Säule des Bildungsplans Fortbildungen geplant. Was genau ist da vorgesehen?
Das passiert auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Zum einen gibt es die Verbundbegleitung. Dabei können sich neue Verbünde durch erfahrene Tandems aus Kita- und Grundschulpersonal begleiten lassen. Und zum anderen bieten wir Fortbildungen zum Bildungsplan 0 bis 10, die sich an die pädagogischen Fachkräfte aus Kitas und Grundschulen richten. In diesem Jahr gab es zum ersten Mal einen Markt der Möglichkeiten. Dort haben sich 14 Verbünde vorgestellt. So werden Ideen zur Umsetzung des Bildungsplans auch über die Verbünde hinaus weitergegeben.
Der Übergang wird in Bremen schon lange vor der Einschulung vorbereitet. Welche Informationen bekommt die Schule vor dem Wechsel von der jeweiligen Kindertageseinrichtung?
Es gibt Übergabegespräche zwischen Kita und Grundschule. Basis dafür ist ein Übergabebogen. Dieser bietet Kitas und Grundschulen eine systematische Grundlage zum Austausch über Interessen, Stärken, Vorlieben und über die sozialen, emotionalen, motorischen und sprachlichen Kompetenzen eines Kindes.
Das heißt, eine schriftliche Dokumentation findet nicht statt?
Genau, die Übergabe findet mündlich statt. Sofern die Datenschutzfreigabe der Erziehungsberechtigten vorliegt, kann der Einschätzungsbogen aber natürlich mit übergeben werden.
Halten Sie in diesem Kontext die Einführung einer bundesweiten Bildungs-ID für wünschenswert?
Um es vorwegzunehmen: Diese Entscheidung liegt absolut nicht in meinem Verantwortungsbereich. Persönlich sind mir aber zwei Dinge wichtig, die eine Bildungs-ID durchaus unterstützen würden. Zum einen könnte man so eine datengestützte Einrichtungs- und Bildungsangebotsentwicklung sichtbar machen. Und zum anderen wäre eine datenbasierte, durchgängige Entwicklungs- und Förderplanung für jedes Kind möglich, für die es derzeit den regelmäßigen und intensiven persönlichen Austausch in der Praxis braucht. In Bremen selbst haben wir bereits eine Schüler:innen-ID. Sie ermöglicht es, die Lernergebnisse von Kindern institutionsübergreifend zu verbinden.