Was braucht ein Krimi-Held, um zur Kultfigur aufzusteigen? Einen Heißhunger auf Kässpatzen, wie Kommissar Kluftinger aus dem Allgäu? Eine Liebe zum Leberkäs, wie der Eberhofer aus Niederbayern? Peter Schramm ist da eine Klasse für sich, er genießt die Haute-Cuisine – und die feinste Kunst. Im Hauptberuf ist Schramm Kunsthistoriker, aber nebenbei schnüffelt er für die Augsburger Polizei. „Was macht ein Kunstermittler?“, fragt ihn eine Einheimische, als er um seinen neusten Tatort schleicht. „Er stellt Fragen, um kunstkriminalistische Fälle zu lösen.“ Jetzt ist sein vierter Fall erschienen, der neue Krimi von Toni Ludwig. Das Besondere: Es ist der erste Band, nachdem sich der wahre Autor hinter dem Pseudonym zu erkennen gegeben hat. Christof Trepesch, Leiter der Kunstsammlungen und Museen Augsburg, schreibt diese Buchreihe. Schramms neue Fährte führt in den Untergrund – und zu einem Fund von Gold. Dabei wuselt wieder eine Schar von schrulligen Schwaben um den Ermittler aus dem Saarland. Lesenswert, liebenswert.
Peter Schramm ermittelt wieder, diesmal geht es um das Ulrichsgold
Kommissar Müller hat Schramm gerufen, ihn schon wieder als Hilfe nach Augsburg bestellt. Schramms Reaktion? „Wenn ich Sie nicht hätte, lieber Herr Müller, wäre mein Tag im Eimer gewesen!“ Folgender Fall: Im Schatten der Basilika St. Ulrich und Afra steht eine alte Schmiede, ein windschiefes Haus aus historischer Zeit. Hier hat ein Mann gewohnt, ein Kunstsammler, der jetzt ermordet wurde. Tatort Autobahnraststätte, Schuss in die Schläfe. Also wühlt sich Schramm, der den alten Sammler gut kannte, durch die Schmiede. Im Wirrwarr zwischen Gemälden, Matchbox-Autos, Vasen findet er tatsächlich eine Schatz-Schatulle. Und damit führt die Spur noch weiter, bald unter die Erde und zu den goldenen Kreuzen, die der alte Sammler wohl entdeckt hatte. Schramm kennt ihre Geschichte: St. Ulrich, der Stadtheilige von Augsburg, zog 955 in die Schlacht gegen die Ungarn. Seine Truppe führte er zum Sieg. Aus dieser Legende, und vor allem aus dem Verkauf von Pilgerkreuzen mit Ulrichs Abbild, ließ sich bald gut Geschäft machen. Aber welchen Wert haben die Goldstücke heute? Ist der Sammler deshalb in mörderische Milieus geraten?
Dieser Krimi enthält Spuren von James Bond: Schramm öffnet die Schatz-Schatulle und hält den Atem an – weil er plötzlich in den Lauf einer Pistole blickt. Ist sie geladen? Ist das ein Selbstschussmechanismus? Und es knallt tatsächlich. In anderen Passagen allerdings liest sich der Krimi wie ein Stadtführer durch die Kunst- und Architekturhistorie. Schramm erklärt, sinniert. Und dann widmet er sich eine halbe Seite lang dem Rezept, wie er einen Pilz namens Krause Glucke mit Speck zubereitet. Das macht diese Figur von einem Genießer sehr charmant. In manchen Momenten liest sich das aber auch etwas schwer und trocken, so wie vermutlich der Wein schmeckt, den Schramm im Hotel 3M gurgelt oder beim Griechen. Kunstgeschichte, Kulinarik, Krimi, wer das gerne in einem Happs genießt, ist mit diesem Fall aber gut bedient.
Wer ist der Mörder in Christof Trepeschs Krimi „Ulrichsgold“?
Charakterstark die Figuren: War es die Geliebte des Sammlers? Welche Rolle spielt der Pfarrer? So lernt Schramm die Verdächtigen kennen, und als er im Pfarrbüro anklopft, kommt es zum Showdown an der Theke: Die Frauen am Empfang schweigen ihn eiskalt an. Was die Augsburger auszeichnet? „Eine gewisse Unhöflichkeit unbekannten Personen gegenüber“, ja „ein ostentativ zum Ausdruck gebrachtes unwirsches Gefühl des Gestört-Worden-Seins“. Ein Treffer ins Schwarze? Weil Schramm mit Liebe von Augsburgs Prachtstraßen schwärmt, aber auch mit Liebe lästert, ist der Roman wieder eine hübsche Sympathiebekundung für die Stadt und ihre Menschen.
Toni Ludwig: Ulrichsgold. Edition Schwaben, 264 Seiten, 18 Euro.