Stand: 16.06.2026 20:22 Uhr

Ein Transport mit radioaktiven Abfällen aus Großbritannien hat am Dienstag Brunsbüttel erreicht. Dort werden die Behälter nun umgeladen. Ziel ist das Zwischenlager Brokdorf, wo am späten Nachmittag eine Mahnwache abgehalten wurde.

Seit Dienstagvormittag werden im Elbehafen Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen) Behälter mit hochradioaktiven Abfällen verladen. Sie sollen in das zwölf Kilometer entfernte Zwischenlager in Brokdorf im Kreis Steinburg transportiert werden, wie die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) mitgeteilt hat. Den Angaben zufolge handelt es sich um sieben Behälter mit radioaktivem Müll – sogenannte Castoren.

Der atomare Abfall stammt aus einer Wiederaufbereitungsanlage in Großbritannien. Von dort war das Spezialschiff „Pacific Grebe“ in der vergangenen Woche gestartet und am Dienstag in den frühen Morgenstunden in Brunsbüttel angekommen.

Vorbereitungen für Weitertransport – Route geheim

Castor-Behälter wird auf Schiff verladen.

Am Dienstagvormittag wurde der erste Castor-Behälter umgeladen.

Laut GNS laufen die Verladearbeiten bislang planmäßig und ohne Vorfälle ab. Am Dienstagvormittag wurde der erste Castor-Behälter vom Schiff auf einen Spezial-Lkw umgeladen. Dafür kam ein besonderer Kran zum Einsatz, der die schweren Castoren anhebt. Mit einem zweiten Kran wurde Material bewegt, das das Personal zum Umladen braucht, berichtet ein NDR Reporter vor Ort. Die Umlade-Arbeiten werden laut GNS mindestens bis in den Mittwoch dauern. Wann der Weitertransport auf der Straße nach Brokdorf beginnt, ist ungewiss. Die genaue Route ist geheim.

Polizei sichert Hafen

Die Polizei sperrt seit dem Dienstagmorgen mit mehreren Einsatzfahrzeugen die Zufahrten zum Hafen ab. „Die Polizei passt auf, dass alles vernünftig über die Bühne geht“, sagte der Leiter der Polizeidirektion Itzehoe, Frank Matthiesen. Er lobte die Kolleginnen und Kollegen der Wasserschutzpolizei und Küstenwache, die das Spezialschiff bereits auf dem Wasser begleitet hatten.

Castor-Transport: Ein Behälter mit radioaktivem Müll wird verladen.

Am Dienstag hat ein Schiff mit radioaktiven Abfällen in Brunsbüttel angelegt. Dort laufen Vorbereitungen für den Weitertransport nach Brokdorf.

Friedliche Protest-Kundgebung vor AKW Brokdorf

Um 17.30 Uhr versammelten sich etwa zehn Personen zu einer Mahnwache am AKW Brokdorf. Sie kritisieren den Castor-Transport und Atomkraft im Allgemeinen aus verschiedenen Gründen. Einer lautet, dass es noch kein festes Endlager für den Atommüll gibt und die Zwischenlager – wie in Brokdorf – zu ungeeigneten Langzeitlagern werden könnten.

Keiner weiß, wohin mit diesem Atommüll. Der Betrieb von AKW war für mich wie ein Flugzeug ohne Landebahn, und wir suchen immer noch die Landebahn.

Cécile Lecomte, Teilnehmerin der Mahnwache

Doch unter den wenigen Menschen herrschte teils Uneinigkeit. David Gramatzki betonte, dass der atomare Abfall natürlich zurückgenommen werde – dazu sei Deutschland schließlich verpflichtet. Dieser müsse sicher verwahrt und entsorgt werden. Die Polizei begleitete die Protestierenden.

Am Mittwoch sind weitere Mahnwachen geplant

Die Initiative „Castor stoppen!“ hatte die Kundgebung vorab angekündigt. Auch für Mittwoch sind laut einem Aktivisten Mahnwachen entlang der möglichen Route von Brunsbüttel Richtung Brokdorf geplant. Größere Protestaktionen sind dem NDR bislang nicht bekannt.

Keine Anti-Atomkraft-Proteste am Dienstagmorgen

Am frühen Dienstagmorgen hielten sich Aktivisten nur vereinzelt rund um den Elbehafen auf. Eine Gruppe von Castor-Gegnern mit dem Namen „Brokdorf – Castor stoppen!“ hatte zwar bereits im Vorfeld vermutet, dass das Atommüll-Schiff am Dienstag in Brunsbüttel anlegen wird. Da aber ein Schiff der Küstenwache seit Montagabend mit langsamer Fahrt von Helgoland auf dem Weg Richtung Brunsbüttel war, waren Anti-Atomkraft-Aktivisten davon ausgegangen, dass die „Pacific Grebe“ erst gegen Mittag in Brunsbüttel ankommen würde.

Polizei ist auf Proteste vorbereitet

„Grundsätzlich kann man sagen, dass in Deutschland Castor-Transporte ein gewisses Protestpotenzial haben“, sagte Frank Matthiesen von der Polizei Itzehoe. Die Polizei ist demnach auf Proteste – auch entlang des weiteren Transportweges – vorbereitet und beobachtet mögliche Aufrufe im Internet.

Letzter Castor-Transport aus England nach Deutschland

In den Behältern befinden sich laut GNS radioaktive Abfälle. Sie stammen aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente im britischen Sellafield. Dorthin wurden die Brennelemente vor 2005 aus deutschen Kernkraftwerken transportiert. Bei der Wiederaufarbeitung sind radioaktive Abfälle entstanden. Diese muss Deutschland wieder zurücknehmen.

Die meisten befinden sich schon in anderen Zwischenlagern in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Niedersachsen. Die heute angekommene Ladung der „Pacific Grebe“ ist der letzte Castor-Transport von Großbritannien nach Deutschland – und auch der letzte radioaktive Abfall, der in Brokdorf ankommt.

Kritik an Transporten zu Zwischenlagern

Aktivisten wie Christian Völker kritisieren Transporte dieser Art. „Das Narrativ ist: Wir müssen es wieder zurücknehmen. Aber es wird wieder Zeug durch die Gegend gekarrt, damit sind wieder Gefahren verbunden und es gibt wieder kein Endlager-Konzept“, sagte er NDR Schleswig-Holstein.

Video:
Castor-Transport zum AKW Brokdorf (1 Min)

Nach Angaben der GNS werden die sieben Behälter nach Ankunft des Spezialschiffs per Kran auf ein Transportfahrzeug umgeladen. In den Röhren sind laut Gesellschaft für Zwischenlagerung mbH (BGZ) die hochradioaktiven Abfälle in Glas eingeschmolzen und in Edelstahlgussformen gefüllt. Allein ein solcher Behälter wiegt über einhundert Tonnen. Wie lange der Umschlag dauert, ist unklar.

Bis zum Jahr 2005 wurden laut GNS verbrauchte Brennelemente aus deutschen Kernkraftwerken zur Wiederaufarbeitung nach England und Frankreich transportiert. Dort sind spezialisierte Anlagen, die aus dem Material wertvolle Brennstoffüberreste separieren, die wiederverwendet werden können. Gleichzeitig entstehen jedoch auch nicht weiter verwertbare radioaktive Stoffe, die entsorgt werden müssen. Die Praxis der Wiederaufarbeitung wurde von der Bundesregierung im Jahr 2005 gesetzlich beendet. Zur Rücknahme der radioaktiven Abfälle haben sich sowohl die Betreiber der Kernkraftwerke privatrechtlich als auch die Bundesrepublik Deutschland völkerrechtlich verpflichtet.

Das Ziel vom Hafen aus ist das Zwischenlager Brokdorf (Kreis Steinburg). Damit wäre es die bislang einzige Rückführung hin zu einem schleswig-holsteinischen Standort. Wann das radioaktive Material dort eintrifft, ist unklar.

Insgesamt fanden in den letzten 30 Jahren fünfzehn Rückführungen statt. 108 Castoren aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague sind ins zentrale Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben gebracht und dort eingelagert worden. 2015 hatte die Bundesregierung ein Konzept für die Aufbewahrung der noch übrigen 24 deutschen Castoren festgelegt. Neben den Standorten Biblis (Hessen), Philippsburg (Baden-Württemberg) und Isar (Bayern) geht der letzte geplante Transport nach Brokdorf.

Laut dem Inhaber der Zwischenlager, der Gesellschaft für Zwischenlagerung mbH (BGZ), führen Fachkräfte nach der Ankunft des Transports letzte Sicherheitsvorkehrungen an den Behältern durch. Außerdem wird nach Angaben der Gesellschaft der Hohlraum zwischen beiden Deckeln mit Helium gefüllt. Dies ermögliche es, bei Druckverlust Mängel an der Dichtungsabsicherung zu finden. Schließlich werden Behälter auf den finalen Stellplatz im Lagerbereich deponiert und an ein Überwachungssystem angeschlossen. Mit den sieben neuen Castoren wären somit 83 von 100 Stellplätze in der Anlage belegt. Diese sollen so lange dort bleiben, bis es ein Endlager gebe, teilt die BGZ mit. Dies könne mehrere Jahrzehnte dauern, so die Gesellschaft.

17:19 Uhr

Zunächst hatten wir geschrieben, dass sich in den Behältern wiederaufbereitete Brennelemente befinden und Deutschland diese zurücknehmen muss. Das ist jedoch falsch. Richtig ist, dass Deutschland verpflichtet ist, die radioaktiven Abfälle zurückzunehmen. Diese befinden sich in den Behältern. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Gewalttätige Demonstranten werden während Ausschreitungen vor dem Kernkraftwerk Brokdorf am 7. Juni 1986 von Polizeiwasserwerfern getroffen.

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In den 1960er-Jahren gingen die ersten Kernkraftwerke ans Netz. Seit dem 15. April 2023 ist die Atomkraft in Deutschland Geschichte.

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Vor 40 Jahren ist der Kernreaktor in Tschernobyl explodiert. BUND und die Grünen nehmen das als Anlass für eine Mahnwache.