Es wäre allerdings zu einfach, die maue erste Halbzeit Frankreichs nur der abwartenden Taktik Deschamps zuzuschreiben. Frankreichs Nationaltrainer wird sich in seinen letzten Spielen nicht mehr ändern und am Ende haben seine Mannschaften ja meist geliefert. Und dass ein Spieler nach einem Ballverlust nicht nachsetzt und so die Großchance inklusive Pfostentreffer von Bayerns Ex-Leihgabe Nicolas Jackson verursacht, liegt sicher nicht an Deschamps Vorstellungen und seinen Lehren. Das hat Kylian Mbappe schon ganz alleine verbrochen. 

Dass nach dem 3:1 aber natürlich vor allem über Mbappes spektakuläre Rekorde und seine zwei Treffer gesprochen wird, liegt in der Natur der Sache – und an diesem geradezu wahnwitzigen zweiten Treffer aus der Distanz kurz vor Schluss. 58 Tore erzielte Mbappe in seinen nur 99 Länderspielen – kein Franzose schaffte jemals mehr. Ein weiterer Meileinstein einer Karriere voller Superlativen. Und mindestens ein Superlativ ist in greifbarer Nähe: Nur noch zwei Tore bei der WM 2026 fehlen ihm, um Miroslav Klose als WM-Rekordtorschützen einzuholen. Und Frankreich war, ist und bleibt nach diesem letztlich hochverdienten 3:1 zum Auftakt der Topfavorit des Turniers. 

Mbappe war erst 19, als er 2018 mit Frankreich in Russland Weltmeister wurde, seine vier Treffer waren auf dem Weg zum Titel wichtig, er wurde zum besten jungen Spieler des Turniers gewählt. 2022 lieferte er sich im Finale ein episches Privatduell mit Lionel Messi und dessen Argentiniern und hielt Frankreichs Titelchancen mit seinem Hattrick im Finale beim 3:3 in der regulären Spielzeit fast alleine am Leben. Mit acht Treffern war er zudem der beste Torschütze des Turniers. 

Mbappe, so schien es, würde den Weltfußball in den kommenden Jahren dominieren und die Ära nach Messi und Cristiano Ronaldo anführen. Doch in den vergangenen vier Jahren hat sich was verschoben: Obwohl Mbappe in dieser Spielzeit für Real Madrid sehr viele Tore erzielte und endlich auch bei den Blancos der Protagonist war, der er sein muss, holten die großen Titel andere: Sein Ex-Klub PSG etwa, von dem er sich im Streit trennte.. Weltfußballer wurde zuletzt Ousmane Dembele von Paris Saint-Germain, und Desire Doue und Bayerns Michael Olise gelten längst als aufregendere Spieler als Mbappe. Allen vier scheint das Verteidigen mittlerweile übrigens richtig Spaß zu machen, und zwar nicht nur im Nationalteam. Das haben sie Mbappe auf jeden Fall voraus. Doch wenn Mbappe weiter solche Tore erzielt, wird ihm sogar Deschamps verzeihen, wenn er mal nach einem Ballverlust nicht nachsetzt.