„Gehäuse“ nennt der Berliner Fotograf Michael Schäfer seine Ausstellung im Zweibrücker Stadtmuseum. Er verbindet Skulpturen mit Fotografien und Thementischen.

Michael Schäfer, Jahrgang 1964, arbeitet in Berlin und hat in Leipzig und Vancouver künstlerische Kunst und Fotografie studiert, er stellt seine Arbeiten international aus. Der Kontakt zu ihm ist durch Kurt Becker entstanden, den Co-Vorsitzenden des Kunstvereins Zweibrücken, der die Ausstellung zusammen mit dem Stadtmuseum präsentiert.

Ausgangspunkt für Michael Schäfers Ausstellung „Gehäuse“ ist die Frage, wie sich unsere Wahrnehmung von Welt durch Medien, Technik und digitale Informationsströme verändert. „Das sind Bilder von Demonstrationen überall auf der Welt“, erzählt Michael Schäfer zu seiner Serie „Revolte und andere Pflanzen“. „Ich arbeite mit Screenshots von Videos von Demos; man sieht auch viele Leute, die das mit ihren eigenen Handykameras aufnehmen. Die Screenshots sind verschlungen mit diesen Pflanzenbildern, die ich selbst aufgenommen habe, daher kommt auch der Titel der Skulpturen.“

Was ist Natur?

Für den Künstler geht es dabei nicht nur um Fragen wie: Was ist Natur?, sondern vor allem darum, ob der Mensch mit seiner Kultur einen Gegenpol zur Natur bildet. „Ich sehe die Polarität anders“, führt er selbst dazu aus. „Der Mensch mit all seiner Technik ist Teil der Natur, doch der Mensch projiziert seine Moral und seinen Gerechtigkeitssinn auf die Natur, die aber keine Gerechtigkeit kennt. Die Polarität besteht für mich nicht zwischen Natur und Technik, sondern zwischen Natur und Individuum – Mensch, Frosch, Mikrobe, was auch immer. Für uns Individuen ist die Welt nicht geschaffen, sondern wir sind die Bausteine davon. Wir sind Informationsträger, wir tragen die Erbinformation.“

Michael Schäfer hängt sein bewusst unscharfes Porträt von Xi Jingping auf, das auf wackeligen Schienen steht. Michael Schäfer hängt sein bewusst unscharfes Porträt von Xi Jingping auf, das auf wackeligen Schienen steht.Foto: Andrea Dittgen

Im Titel seiner Serie „Revolte und andere Pflanzen“ nimmt Michael Schäfer Bezug auf den Begriff von Revolte, wie ihn der französische Existenzialist Albert Camus geprägt hat. „Der Mensch hat dieses Gerechtigkeitsgefühl in sich, aber er findet die Gerechtigkeit nicht in der Welt. Deshalb bringe ich diese beiden Dinge zusammen und zeige auch Fotos von Diktatoren. Ich hab‘ die Arbeit mit den Porträts der „Feinde der Pressefreiheit“ entwickelt, weil in den Ausstellungsräumen hier diese alte Presse steht, die nicht verrückbar ist.“ An ihr lehnt ein zur Seite gelegtes Porträt des AfD-Politikers Björn Höcke. „Er hat auch zum Beispiel von Donald Trump gelernt, wie man Sachen raushaut und provoziert. Das war für mich eine Inspiration, denn auf dieser Presse wurden im 19. Jahrhundert liberale Schriften gedruckt, die die Idee der Demokratie verbreiteten. Technologien waren damals schon verbunden mit gesellschaftlicher Entwicklung.“

Der Niedergang der Fotografie

Doch die technische Entwicklung kann die Verbreitung von Demokratie nicht nur fördern, sondern auch bedrohen, davon ist Michael Schäfer überzeugt. „Unsere Bildkultur ändert sich durch KI. Sie kann Bilder generieren, die die Authentizität des fotografischen Mediums als Zeitdokument desavouieren und so verunsichern“, sagt der Künstler. „Mit diesem Niedergang der Fotografie, die für die Demokratie wichtig war, geht auch ein Niedergang der Demokratie einher.“

„Gehäuse“ hat Schäfer seine Ausstellung genannt, weil ein Museum als Ausstellungsort für ihn ein Raum ist, in dem Dinge bewahrt und präsentiert werden. Ich mache nichts anderes, indem ich diese Informationsfragmente in dieses Gehäuse hineintrage.“

Foto-Pflanzen

Die Skulpturen der Serie „Revolte und andere Pflanzen“ zeigen wild ragende Pflanzen, auf deren plastisch gewundenen Oberflächen Informationsschnipsel integriert und zu einer sich unverbunden gegenüberstehenden Einheit kombiniert sind. Gegensätze treffen hier unvermittelt aufeinander, in einem Gewirr, das auf den ersten Blick nicht leicht zu erschließen, schon gar nicht zu enträtseln ist. Gleichzeitig werfen diese Skulpturen in Verbindung mit Porträts von Diktatoren oder Menschen wie zum Beispiel Elon Musk, die mit ihrer Macht die Welt verändern wollen, Fragen auf. Wer definiert Wahrheit? Welche Wahrheit wird uns vorgesetzt? Was nehmen wir als Wahrheit wahr?

Dabei faszinieren diese Skulpturen aber nicht nur durch ihren ernsten Hintergrund, sondern auch durch ihre fantasievollen Formen und ihre schillernde Farbigkeit. Eine der Arbeiten erinnert spontan an einen bunt gefiederten Vogel und nimmt damit Bezug auf einen Nachrichtenträger in der Natur. Eine andere Skulptur weckt unwillkürlich Assoziationen an eine Schildkröte, ein Tier, das in seinem langen Leben viele Erfahrungen macht und mit sich herumträgt.

Die Informationsflut

Ergänzt werden die Skulpturen und Porträtfotos durch Thementische. Hier stellt Michael Schäfer Ausschnitte aus Zeitungs- und Magazinartikeln zu unterschiedlichsten Themen neben einer Weltkarte scheinbar willkürlich zusammen, so wie Menschen mit ihnen im steten Informationsfluss der Nachrichten durch traditionelle Medien, aber auch Social Media konfrontiert werden. Der Überblick geht in dieser Flut immer mehr verloren, das wird dem Betrachter vor diesen Tischen exemplarisch vor Augen geführt. Die Informationsschnipsel ergeben kein schlüssiges Gesamtbild mehr und überfordern in ihrer unvollständigen, aus den Zusammenhängen gerissenen Komplexität voller Widersprüche, ein Zerrbild der Realität, die sie angeblich abbilden.

Info

Michael Schäfer: „Gehäuse“, Fotografien und Objekte, Stadtmuseum Zweibrücken, Herzogstraße 9, bis 12. Juli, geöffnet: Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr, Dienstag 10-18 Uhr. Katalog: 76 Seiten, 20 Euro.