Wie lässt sich die unvorstellbare Geschichte unseres Planeten begreifen? Der Deep Time Walk bietet darauf eine ebenso einfache wie faszinierende Antwort: Schritt für Schritt wandern die Teilnehmenden durch 4,6 Milliarden Jahre Erdgeschichte und erleben die Entwicklung von Erde und Leben auf eindrucksvolle Weise. Nach einer erfolgreichen Pilotveranstaltung lädt das Netzwerk für Natur und Nachhaltigkeit (NNN) nun erneut zu dieser besonderen Zeitreise ein.

Das Konzept des Deep Time Walks ist außergewöhnlich: Jeder Meter der rund 4,6 Kilometer langen Strecke entspricht einer Million Jahren Erdgeschichte. Von der Entstehung unseres Sonnensystems über die ersten Lebensformen bis hin zum Auftreten des modernen Menschen entfaltet sich die Geschichte des Planeten entlang eines gemeinsamen Weges. Besonders eindrücklich wird dabei, wie spät der Mensch in der Entwicklungsgeschichte erscheint – die gesamte Menschheitsgeschichte umfasst lediglich die letzten Zentimeter der Wanderung.

Die erste Durchführung des Deep Time Walks hinterließ bei den Teilnehmenden nachhaltige Eindrücke. Viele beschrieben die Wanderung als weit mehr als eine naturkundliche Exkursion. Sie wurde zu einer Reise in die eigene Beziehung zur Erde und zum Leben selbst.

„Während des Walks wird einem bewusst, wie unvorstellbar lang die Entwicklung des Universums, der Erde und des Lebens gedauert hat – und wie kurz unsere eigene Existenz im Vergleich dazu ist“, berichtet ein Teilnehmer. Diese Perspektive erfülle ihn mit Demut und Nachdenklichkeit. Sie zeige, wie kostbar die Erde, das Leben und jeder einzelne Augenblick seien.

Der Deep Time Walk wurde 2016 vom Biologen Stephan Harding gemeinsam mit dem Geologen Sergio Maraschin entwickelt. Harding leitete viele Jahre das Zentrum für ökologische Studien am Schumacher College in Großbritannien und beschäftigte sich intensiv mit den Beziehungen zwischen Mensch, Natur und Erde als lebendigem System.

Das Konzept basiert auf gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Geologie, Evolutionsbiologie und Kosmologie. Gleichzeitig greift es systemökologische Sichtweisen auf, die die Erde als ein komplexes, sich selbstregulierendes System verstehen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Gaia-Hypothese, die vom britischen Wissenschaftler James Lovelock entwickelt und von der Biologin Lynn Margulis entscheidend mitgeprägt wurde. Sie beschreibt die Erde als eng vernetztes Gesamtsystem, in dem Lebewesen, Atmosphäre, Ozeane und Gesteine miteinander wechselwirken und Bedingungen schaffen, die Leben ermöglichen und erhalten.

Für Harding war Gaia nicht nur eine wissenschaftliche Theorie, sondern auch eine Einladung, die Erde anders zu betrachten: nicht als bloße Ansammlung von Ressourcen, sondern als lebendige Gemeinschaft, zu der auch der Mensch gehört. Diese Sichtweise prägt den Deep Time Walk bis heute.

Im Verlauf der Erdgeschichte entstanden immer wieder neue Lebensformen durch das Zusammenwirken verschiedener Organismen. Viele Evolutionsforscher betrachten daher Kooperation, Symbiose und gegenseitige Abhängigkeit als wesentliche Triebkräfte der Evolution. Der Deep Time Walk lenkt den Blick auf diese oft übersehene Seite der Naturgeschichte: Leben wurde nicht allein durch Konkurrenz geprägt, sondern ebenso durch Zusammenarbeit und Vernetzung.

Gerade diese Erkenntnis bewegt viele Teilnehmende besonders. Der Deep Time Walk macht erfahrbar, dass unser Dasein das Ergebnis einer kaum vorstellbaren Kette von Entwicklungen und Zufällen ist. Gleichzeitig regt die Wanderung dazu an, über die Verantwortung des Menschen für die natürlichen Lebensgrundlagen nachzudenken.

Daniela Krekelberg und Iris Blenkle vom Netzwerk für Natur und Nachhaltigkeit möchten mit ihrem Angebot vor allem ein tieferes Verständnis für das Leben auf unserem Planeten fördern. „Die Wunder des Lebens erfahrbar zu machen und alles Leben wertzuschätzen“, beschreibt Daniela Krekelberg ihr Anliegen. Iris Blenkle ergänzt: „Die Erkenntnis, dass alles mit allem verbunden ist und der Mensch nicht die Krone der Schöpfung ist.“

Die beiden haben in diesem Jahr bereits einen ersten Deep Time Walk als Pilotveranstaltung durchgeführt. An ausgewählten Stationen erläutern sie wichtige Entwicklungsschritte der Erd- und Lebensgeschichte. „Wir sind selbst noch Lernende auf diesem Weg“, betonen sie. Da sich wissenschaftliche Erkenntnisse stetig weiterentwickeln, werden einzelne Informationen teilweise direkt aus vorbereiteten Texten vorgelesen. Zwischen den Stationen bleibt bewusst Raum für Stille, damit die gewaltigen Zeiträume und Eindrücke auf die Teilnehmenden wirken können. Den Abschluss bildet ein gemeinsamer Austausch über persönliche Erfahrungen und Gedanken.

„Der Deep Time Walk erinnert daran, dass nichts selbstverständlich ist. Jeder Atemzug, jeder Tag und jede Begegnung sind ein Geschenk“, fasst ein Teilnehmer seine Erfahrungen zusammen. Wer die Geschichte des Lebens in dieser Form erlebt, begegne der Natur, den Mitmenschen und der eigenen Existenz oft mit größerer Achtsamkeit und Dankbarkeit.