Schon heute sind die meisten Chipfabriken in Sachsen – hier ein Blick in einen Lithographie-Reinraum von Infineon Dresden – hochautomatisiert und fast menschenleer. Neurocomputer und Künstliche Intelligenzen werden diesen Trend forcieren. Denn nur durch Hochautomatisierung ist Chipproduktion in einem Hochlohnland wie Deutschland überhaupt rentabel geblieben. Foto: Heiko Weckbrodt
Infineon Dresden führt „Supercomp“-Konsortium an
Dresden, 17.06.26. Der globale Wettlauf um immer leistungsstärkerer Computerchips für Smartphones, Autos, Roboter ebenso wie für große KI-Rechenzentren gewinnt an Tempo. Dabei setzen die führenden Halbleiterkonzerne zunehmend auch auf Automatisierung: Künstliche Intelligenzen (KIs) und Supercomputer statt Menschen übernehmen immer mehr Prozessschritte auf dem langen Weg vom ersten Schaltungsentwurf bis zum fertigen Elektronikprodukt – viele KI-Chips werden heute schon zu wesentlichen Teilen durch KIs entworfen.
KI entwirft KI-Chips: Chipentwicklung ist längst zu komplex für Menschen
Wenn Europa gegenüber Taiwan, Südkorea, China, den USA und anderen Technologie-Schwergewichten hier nicht vollends den Anschluss verlieren will, müssen die hiesigen Chipdesign-Schmieden und Fabriken auch auf diesen Zug aufspringen, sind viele Ingenieure und Forscher in Sachsen überzeugt. Denn Entwurf, Prozessentwicklung und rasche Produktionssteigerung neuer Hochleistungs-Chips werden immer komplexere Aufgaben – sie zu optimieren, vermögen Menschen kaum noch. Hier sind eben KI und Superrechner gefragt.
Wirtschaftsministerium schießt 12,7 Millionen Euro zu
Daher haben sich nun sechs Technologie-Unternehmen und vier Forschungseinrichtungen zusammengetan. Sie wollen im neuen „Supercomp“-Konsortium unter Führung von Infineon Dresden bis Mitte 2028 „innovative Lösungen mit künstlicher Intelligenz (KI) und modernen Computerverfahren“ entwickeln, „um Design, Entwicklung und Fertigung von Halbleitern zu verbessern“. Dafür leitet der Freistaat Sachsen 12,7 Millionen Euro EU-Fördergelder an „Supercomp“ weiter. Das hat das sächsische Wirtschaftsministerium angekündigt.
Dirk Panter. Foto: Heiko Weckbrodt
„Unser Ziel sind bahnbrechende Innovationen aus Sachsen für ein souveränes Europa.“
Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter
„Da die Anforderungen an das Design, die Entwicklung und die Fertigung von Halbleitern kontinuierlich steigen, stoßen traditionelle Methoden bei der Verarbeitung großer Datenmengen und der Lösung komplexer Optimierungsprobleme zunehmend an ihre Grenzen“, umreißen das Ministerium und die Konsortialpartner die Herausforderungen. Da setze „Supercomp“ an: „Durch die Erforschung innovativer Supercomputing-Lösungen sollen Prozesse schneller, effizienter und zuverlässiger gestaltet werden. Hierzu bündeln die Projektpartner ihre Kompetenzen als führende Institutionen aus Industrie und Forschung in Sachsen.“
Der weltweit einmalige Neuro-Supercomputer „Spinncloud“ in Dresden. Foto: Tobias Ritz für Spinncloud via TUD
Neuro-Optimierer, 3D-Chips und humanoide Roboter
Konkret möchten die Partner beispielsweise Quantencomputer und Neurorechner à la „Spinncloud“ einsetzen, um die großen Datenmengen bei Schaltkreisentwurf, Produktionsprozess-Entwicklung und Lieferketten zu optimieren. Als konkrete Anwendungsfälle wollen sie sich zunächst die „Technologieentwicklung für komplexe Systemlösungen“ und die rechnerwolken-basierte, digitalisierte Fertigung und Logistik vorknöpfen. Auf der Agenda stehen unter anderem 3D-Chips, Schaltkreise mit direkt auf der Siliziumscheibe (Wafer) integrierten Sensoren, das sogenannte „Waferbonden“ für die elektrischen Kontakte untereinander, Effizienz-Überwachungs-KIs in den Chipfabriken, neue Filtermaterialien für Reinräume, KI-gestützte Qualitätskontrolle, digitale Zwillinge und der Einsatz von humanoiden – also menschenähnlichen – Robotern in den Fabs.
Humanoid geformte Roboterin am Ceti Dresden. Foto (freigestellt): Heiko Weckbrodt
Mit an Bord sind neben Infineon unter anderen der Lehrstuhl für „Hochparallele VLSI-Systeme und Neuromikroelektronik“ der Technischen Universität Dresden (TUD), die Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (HTWD), die Hochschule Zittau/Görlitz (HSZG), das Fraunhofer-Institut für Elektronische Nanosysteme (Enas) in Chemnitz, der Neurocomputer-Hersteller „Spinncloud Systems“ aus Dresden, die Saxony Media Solutions, die PVA Vision GmbH, die Robotikfirma „Wandelbots“ sowie das Automatisierungs-Unternehmen „Accenture Systema Systementwicklung“ aus Dresden.
Mit „Step“ fördert Sachsen kritische Technologie-Projekte im Mittelstand
Das Projekt „Supercomp“ ist Teil der „Step“-Offensive, mit der Sachsen die Entwicklung neuer kritischer Technologien fördert. Sie soll Europa in ausgewählten Sektoren weniger abhängig von den USA, China und anderen Ländern machen. Zu den Fokusthemen gehören Mikroprozessoren, Sensortechnik, Pharmazeutika, Biotechnologie, KI und die Funktechnologien der Zukunft. Das neue Step-Programm ist mit 85,6 Millionen Euro aus EU-Töpfen dotiert und richtet sich vor allem an sächsische kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die entweder eigene kapitalintensive Technologievorhaben vorantreiben wollen oder Verbundprojekte mit den Mikroelektronik-Riesen und Instituten im Freistaat planen.
EU-Geld soll „umfangreiche betriebswirtschaftliche Risiken“ abfedern
„Verfügbare kritische Technologien und die Verringerung technologischer Abhängigkeiten sind für Sachsen, Deutschland und die gesamte Europäische Union ein zentraler Wohlstands- und Wachstumsfaktor“, betont der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD). Das neue „Step“-Programm könne gerade für kleinere Tech-Firmen im Freistaat die „umfangreichen betriebswirtschaftlichen Risiken, die sich bei der Durchführung ambitionierter Forschungs- und Entwicklungs-Vorhaben ergeben, angemessen abfedern“, meint Panter. „Wir fördern so die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der kleinteilig aufgestellten sächsischen Wirtschaft und tragen gleichzeitig zur technologischen Souveränität Europas bei.“
→ Weitere Informationen über „Step“ gibt es bei der Sächsischen Aufbaubank (SAB).
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: SMWA, HSZG, Wikipedia, Oiger-Archiv
