Der freundliche Mann mit der Boom-Box um den Hals will keine Almosen. Alles, wonach es ihn verlangt, sind ausgefallene Wörter. Mindestens drei, gerne auch mehr, dann würde er sie hier und jetzt in einen Freestyle-Rap zu einem Beat aus der Boom-Box einbauen. Und da man mit Wörtern nun mal deutlich entspannter spendabel sein kann als mit Münzen oder Scheinen, füttern die Leute diese menschgewordene Jukebox, die am liebsten an belebten Plätzen wie dem New Yorker Times Square oder dem Venice Beach Boardwalk in L.A. auftaucht, nur zu gerne.
Mal mit eher simplem Wortmaterial wie „car“ oder „house“. Gerne aber auch mit vielsilbigen, zungenbrecherischen oder auch semantisch herausfordernden Brocken aus den entlegensten Regionen des Wörterbuchs wie „juxtaposition“ („Nebeneinander“), „inimitable“ („unnachahmlich“) oder dem Endgegner „Antidisestablishmentarianism“ aus dem 16. Jahrhundert, für dessen inhaltliche Aufdröselung hier leider der Platz fehlt.
Musikszene
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SZ PlusVon Michael Bremmer
Der auf Youtube zu bewundernde Straßenpublikumseffekt der folgenden Aufführungen ist immer etwas ähnlich, aber jedes Mal derart seelenerwärmend, dass man bald kaum genug davon bekommen kann. Skepsis oder relative Gleichgültigkeit weichen nach einigen Takten erstaunter Kopfnickerei und lächelnden Gesichtern. Menschentrauben wachsen wie im Zeitraffer. Smartphones werden zum Aufzeichnen gezückt. Und sobald Harry Mack, dieser graumelierte Menschenfänger, auch noch anfängt, Details und Reaktionen aus der Szenerie um ihn herum in seine aus dem Moment geborenen Reime einzuflechten, kippt nicht wenigen schlussendlich komplett die Kinnlade runter.
Natürlich kann man als Hip-Hop-Purist der alten Schule an dieser Stelle einwenden, dass hier einer sein Impro-Virtuosentum auf ähnlich zirkushafte Weise ausstellt wie die Basketball-Showtruppe der Harlem Globetrotters. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer gespaltenen Gesellschaft wie der US-amerikanischen ist es dennoch ein Fest der Freude zu erleben, wie hier einer die Menschen jenseits von politischen Überzeugungen und Hautfarben für ein paar Minuten zusammenbringt und glücklich macht.
Letzte Restzweifel daran, dass es sich bei dem einstigen Jazz-Drummer Harry Mack weniger um ein selbstvermarktungsbegabtes Internet-Phänomen, als vielmehr um eine emsig (auch auf diversen Video-Chat-Plattformen) umherschwirrende Honigbiene des Glücks handelt, lassen sich sonst auch mit dem rappenden Pulitzerpreisträger Kendrick Lamar oder dem rappenden Superstarschauspieler Will Smith zerstreuen.
Der erste findet’s „wahrhaft inspirierend“ und reagiert als Stichwortgeber im Rahmen eines Aufeinandertreffens beim Radiosender Power 106 FM mit einem solch freudigen Dauergrinsen auf Macks Künste, dass man es sich am liebsten einrahmen würde. Der Zweite begegnet ihm erst mal eher reserviert, um dann im Zuge der glorreichen Verwurstung von Wörtern wie „money“, „Miami“, „friendship“, „ass“, „horses“ und „falafel“ heftig oberkörperschwingend fast aus seinem massiven Regiestuhl zu kippen.
Sein Geheimnis liege vor allem darin, im Hirn direkt die Assoziationsmaschine anzuschmeißen und beim Freestylen mit den Reimen immer vor die einzubauenden Wörter zu kommen, erklärt Mack auf seinem Youtube-Kanal. Das klingt an sich simpel, muss aber erst mal mit Leben gefüllt werden, etwa mit diesen Reimen, die den skeptischen Will Smith zum Jauchzen brachten: „Yeah, y’all know my freestyles are colossal / By comparison my competition all be soundin’ awful / Just to come through with these hot flows it should probably be unlawful / And I’m eatin up these beats kinda like they’re a falafel”.
Große Hip-Hop-Selbstbespiegelungskunst auf Falafel-Basis also, die in ähnlicher Form nun auch in der Muffathalle zu erleben sein wird. Wer dort besonderen Spaß haben will, wirft diesem Meister des spontanen Reims am besten einen „Oachkatzlschwoaf“ zu.
Harry Mack, Dienstag, 7. Juli, 20 Uhr, Muffathalle, Zellstraße 4
