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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

in der EU wird viel gestritten, das ist normal. Worüber gegenwärtig gestritten wird, ist aber alles andere als normal: EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič hat sich mit den Vertretern Frankreichs und Italiens über ein Thema in die Haare gekriegt, bei dem Normalsterbliche bloß zum Übersetzungsprogramm greifen würden. Der Herr Kommissar erdreistet sich, im Sprachwirrwarr der EU eine Abkürzung einzuschlagen, damit Europa schneller zu neuen Handelsabkommen gelangt.

Wegen Trump und seinen Zöllen, der chinesischen Güterschwemme und sonstigen Dauerkrisen hat die EU-Bürokratie Schweißperlen auf der Stirn. Mitgliedsstaaten sehen ihre Wirtschaft taumeln und treiben zur Eile, Deutschland allen voran. Kommissar Šefčovič verfiel deshalb auf die Idee, im Verlauf von Verhandlungen mit potenziellen Handelspartnern nicht jede noch so kleine Wendung in sämtliche 24 Sprachen der EU übersetzen zu lassen, bevor darüber beraten werden kann. Denn das sorgt für jahrelange Verzögerungen. Englisch genüge, fand der Kommissar. Okay? Let’s go!

Mon Dieu! schallte es ihm prompt aus Paris entgegen, und aus Rom war pronto ein lautes Madonna! zu hören. Kommt nicht in Frage, befanden die regierungseigenen Sprachpuristen: Der fortschreitenden Anglisierung Europas müsse man sich entgegenstemmen!

Diese Empörung darf man selbst mit viel Verständnis für kulturelle Vielfalt übertrieben finden. Natürlich ist es richtig, dass ein unterschriftsreifes Abkommen erst übersetzt werden muss, bevor es angenommen wird. So will es das Gesetz und mancherorts sogar die Verfassung. Aber wenn in Paragraph 122 Satz 14 auf Wunsch des Verhandlungspartners eine halbe Zeile geändert sowie ein fehlendes Komma ergänzt wird, geht es auch ohne. Allerdings nur in der Theorie.

Verzögerungen auf dem Weg zu neuen Handelsabkommen kosten Europas Wirtschaft nicht nur viele Milliarden Euro. Der Streit zeigt auch, wie die EU selbst bei trivialen Fragen an nationalem Patriotismus scheitert, der jedes Maß verloren hat. Das ist ein Alarmsignal. Es könnte sein, dass viele Europäer sich bald die goldenen Zeiten zurückwünschen, in denen man sich noch über linguistische Feinheiten zoffte und mit ein paar läppischen Milliarden an Schaden davonkam. Denn was am westeuropäischen Horizont heraufzieht, kündigt sehr viel heftigere Stürme an.

Dolmetscher bei EU-Treffen.Vergrößern des BildesDolmetscher bei EU-Treffen. (Archivbild) (Quelle: Imago)

Jordan Bardella heißt der Sturmvogel. Der Dreißigjährige ist zum Sympathieträger der französischen Rechtspopulisten geworden. Vor fast vier Jahren hat Marine Le Pen ihn zum Vorsitzenden ihrer Partei erkoren, dem Rassemblement National, kurz RN. Das Image als Rechtsradikalentruppe, um die man einen weiten Bogen macht, hat dieser RN längst abgelegt. Bardella darf Ex-Präsident Sarkozy mittlerweile zum Kaffee besuchen. Die Vernetzung mit Wirtschaftskapitänen und Industrieverbänden macht Fortschritte. Bei jungen Franzosen erfreut sich der TikTok-Star Bardella großer Beliebtheit, als schwungvoller Schwiegersohn-Typ kommt er aber auch beim älteren Publikum an. Kein Wunder also, dass er der beliebteste Politiker Frankreichs ist und seine Partei in den Umfragen ganz vorne liegt.

Das könnte drastische Folgen haben. Ob im Pariser Präsidentenpalast ab Mai kommenden Jahres Jordan Bardella oder Marine Le Pen sitzt, hängt vom Ausgang eines Korruptionsverfahrens ab, das gegen die Grande Dame der Rechten läuft und sie vom Rennen um das höchste Staatsamt ausschließen würde. Dass Emmanuel Macrons Nachfolger ganz anders heißen und nicht dem rechten Rand entstammen wird, lässt sich nicht ausschließen, ist jedoch nach aktuellem Stand das weniger wahrscheinliche Szenario.

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Der bloße Gedanke an einen Ultrarechten im Élysée erfüllt das politische Spitzenpersonal quer durch die Europäische Union mit Entsetzen. Von Brüssel bis Berlin herrscht deshalb das Prinzip Hoffnung: Vielleicht zieht ein weniger schreckenerregender Kandidat ja noch an den Spitzenreitern vorbei! Oder vielleicht verwandeln sich die französischen Radikalen nach dem Sieg genauso wie Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni! Die stammte schließlich auch von Rechtsaußen, vermag im Amt jedoch mit dem europäischen Orchester überraschend gut zu harmonieren.

Giorgia Meloni (li.) beim G7-Gipfel in Frankreich.Vergrößern des BildesGiorgia Meloni (li.) beim G7-Gipfel in Frankreich. (Quelle: Thibault Camus/AP)

Für alle, die sich den Griff des Rassemblement National nach der Macht derart schönzureden versuchen, hat Parteichef Bardella nun eine wertvolle Serviceleistung erbracht: Per Interview hat er klargestellt, was kommt, wenn er gewinnt. Er hat nichts gegen die EU, genauer: gegen den Begriff. Den Namen kann man gerne beibehalten, findet er. Was seiner Ansicht nach darin verpackt sein soll, hat mit einer Union allerdings nichts mehr zu tun. Ein „Europa der Nationalstaaten“ strebt er an, was unter rechten Parteien als Chiffre dafür dient, die Institutionen der EU zu zerschlagen. Das Nachbarland Deutschland hat Bardella dabei als Erstes im Visier, denn die EU sei nichts weiter als ein Projekt im Dienst deutscher Interessen, findet er. Gewinnt er die Wahl, dürfte es also krachen – nicht nur zwischen Paris und Brüssel, sondern auch gewaltig mit Berlin.

Frankreich genießt in der EU einen einzigartigen Status. Es ist das einzige Mitglied mit ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat, die einzige Nuklearmacht der Union, zugleich Gründungsmitglied, zweitgrößte Volkswirtschaft und die andere Hälfte des deutsch-französischen Motors. In weniger als einem Jahr könnte es damit vorbei sein. Denn Bardella hat angekündigt, den französischen Beitrag zum EU-Haushalt halbieren zu wollen. Falls die EU sich querstelle und ihrerseits Zahlungen an die französischen Bauern auf Eis lege, werde man das Geld in Paris einfach einbehalten und ohne Umweg über Brüssel an die Bauern auszahlen. Das wäre das Ende der EU-Solidargemeinschaft. In Brüssel und in Berlin hat man es deshalb gerade eilig, den mehrjährigen Finanzrahmen bis 2034 unter Dach und Fach zu bringen, bevor in Paris der Schrecken Einzug hält. Monsieur Bardella kündigt wegen dieser durchgepeitschten Finanzverpflichtungen maximale Konfrontation an.

Für die gebeutelte Union ist das alles ein bisschen viel. Gerade erst hat sie sich von Viktor Orbán erholt, dem ungarischen Dauer-Veto auf zwei Beinen. Nun arbeiten EU-Juristen daran, künftige neue Mitglieder besser bei der Stange zu halten und einen Rückfall in korrupte oder autoritäre Muster zu unterbinden. Mit einem Giganten der ersten Generation wird man so jedoch nicht fertig. Orbán wird rückblickend wie ein Milchbubi erscheinen, wenn erst mal Le Pen oder Bardella im Élysée Hof hält.

Wie schlecht die EU für den drohenden französischen GAU aufgestellt ist, darüber gibt der Sprachstreit um die Übersetzungen Aufschluss: Schon Kleinkram wird zur Hürde. Die Politprofis in Europa haben bisher auch nicht mit Weitsicht geglänzt. „Passiert nicht, wird schon gutgehen“, redeten sie sich beispielsweise ein, als Donald Trumps Wiederwahl drohte. Nur ging es dann eben nicht gut.