Die ersten warmen Tage des Jahres ziehen Familien nach draußen – an Seen, ins Freibad oder an den heimischen Pool. Für Kinder gibt es kaum etwas Schöneres als Wasser. Es wird geplanscht und gelacht. Wasser bedeutet Sommer und unbeschwerte Stunden mit der Familie.
Gerade deshalb möchte ich über eine Gefahr sprechen, die viele Menschen unterschätzen. Ein kurzer Blick aufs Handy, ein Gespräch mit Freunden, das Eincremen eines Geschwisterkindes – manchmal genügt ein Moment der Unaufmerksamkeit am Wasser. Als Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Helios Universitätsklinikum Wuppertal erleben wir leider jedes Jahr Kinder, die nach Badeunfällen behandelt werden müssen.
Ertrinken zählt zu den häufigsten tödlichen Unfallursachen bei Kleinkindern. Viele Menschen stellen sich vor, dass Ertrinken laut und spektakulär abläuft – mit Hilferufen, wildem Rudern und viel Aufregung. Die Wirklichkeit sieht meist aber anders aus. Kinder ertrinken häufig sehr still. Oft passiert es innerhalb weniger Sekunden und manchmal nur wenige Meter von Erwachsenen entfernt.
Kleinkinder sind besonders gefährdet. Sie sind total neugierig, immer in Bewegung und unterschätzen Gefahren naturgemäß. Schon in wenigen Zentimetern Wasser können insbesondere Säuglinge und Kleinkinder in lebensbedrohliche Situationen geraten. Dabei denken viele zunächst an Seen oder Schwimmbäder. Tatsächlich können auch ein kleines Planschbecken im Garten, ein Gartenteich oder sogar die eigene Badewanne zum Risiko werden, wenn ein Kind für einen Moment unbeaufsichtigt bleibt.
Wenn Eltern mich fragen, wie sie ihr Kind am besten schützen können, lautet meine Antwort eigentlich immer gleich: Nähe. Kleine Kinder sollten am Wasser niemals allein sein. Nicht in Sichtweite, sondern tatsächlich in Griffweite. Schwimmflügel und andere Auftriebshilfen können hilfreich sein, sie ersetzen aber niemals eine aufmerksame Begleitperson. Sie sind keine Lebensrettungsgeräte und ersetzen niemals die Aufsicht durch Erwachsene.
Kommt es dennoch zu einem Unfall, zählt jede Minute. Das Kind muss sofort aus dem Wasser geholt werden. Atmet das Kind nicht normal oder ist bewusstlos, muss sofort der Notruf 112 verständigt werden. Anschließend sollten umgehend mit der Wiederbelebung begonnen werden. Gerade nach einem Ertrinkungsunfall spielt die Beatmung eine wichtige Rolle. Viele Eltern haben Angst, in einer solchen Situation etwas falsch zu machen. Diese Sorge kann ich gut verstehen, dennoch ist es wichtig, zu wissen: Nicht zu handeln ist fast immer der größere Fehler. Prägen Sie sich folgenden Satz gerne ein, der in jeglicher Erste-Hilfe-Situation gilt: Jede Hilfe ist besser als keine Hilfe.
In meiner Sprechstunde werde ich außerdem häufig gefragt, wann nach einem entsprechenden Beinahe-Ertrinken ärztliche Hilfe notwendig ist. Treten Beschwerden wie anhaltender Husten, schnelle oder angestrengte Atmung, Erbrechen oder auffällige Verhaltensänderungen auf, sollte das Kind immer ärztlich untersucht werden. Deshalb habe ich einen Wunsch an alle Betreuungspersonen: Nutzen Sie die Möglichkeit, einen Kindernotfallkurs zu besuchen. Dort lernt man nicht nur Wiederbelebungsmaßnahmen, man gewinnt vor allem Sicherheit – und diese Sicherheit kann im entscheidenden Moment den Unterschied machen. Kinder brauchen am Wasser keine perfekten Eltern. Sie brauchen aufmerksame Erwachsene. Oft ist genau das der beste Schutz.
Prof. Kai O. Hensel ist Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Helios Universitätsklinikum Wuppertal